Trumps Umfragewerte mögen zwar purzeln, doch seine Anhängerschaft wird immer mehr zur SekteDie Politik des US-Präsidenten wird immer wirrer. Dem Einfluss auf seine Anhänger tut dies keinen Abbruch. Wie ist das nur möglich?Andreas Mink24.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Maga-Mann. Entweder ist man für Trump oder gegen ihn. Dazwischen gibt es nichts mehr. Ein Anhänger mit Maga-Cap in Valdosta in Georgia.Robin Rayne / ImagoOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Thomas Massie dürfte an einer Wahlveranstaltung in Burlington ganz im Norden seines Gliedstaates Kentucky erkannt haben, dass er chancenlos ist. Massie ist seit 13 Jahren republikanischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus in Washington und musste diesen Dienstag seine erneute Kandidatur bei einer Vorwahl verteidigen. Doch an jener Veranstaltung vor zwei Wochen, über die später die «New York Times» berichtete, stand ein Mann im Publikum auf und erklärte ihm, dass es vorbei sei. Eine Viertelstunde löcherte er Massie mit der Frage, weshalb er ihn denn wählen sollte, er habe sich doch so oft gegen Trump gestellt. Und Trump sei halt sein Mann.Es nützte nichts, dass ihm Massie erklärte, Donald Trump habe seine Wahlversprechen nicht gehalten, dass er zum Beispiel die Dokumente des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein nicht vollständig freigeben wollte oder entgegen seiner Beteuerungen eben doch neue Kriege begonnen habe. Den Mann interessierte das nicht, er hatte im Grunde nur ein Argument: Entweder bist du für Trump oder gegen Trump, und wenn du gegen Trump bist, bin ich gegen dich.Immer mehr MagaSo sieht totale Loyalität aus. Das ist der Punkt, wo Politik aufhört und der Kult beginnt. Oder der Wahnsinn? Diese Woche haben drei Dutzend Psychologen – unter ihnen Nobelpreisträger – in einem offenen Brief erklärt, Trump sei ihrer «fachlichen Einschätzung nach geistig ungeeignet» für die Präsidentschaft. Trump verfalle in Abschweifungen, faktische Verwirrungen, unerklärliche, plötzliche Kurswechsel. Besonders nervös machten sie «Anzeichen von Grössenwahn», dass er etwa Bilder von sich poste, auf denen Trump sich wie Jesus inszeniere.Doch für die Anhänger ist alles, was Trump macht, richtig, wahr, gut. Donald Trump hat es geschafft, viele Amerikaner hörig zu machen. Und genau dies hat Massie an jenem Abend am eigenen Leib erfahren.Dabei stand Trump gar nicht auf dem Wahlzettel in Kentucky. Vielmehr hatte er einen Veteranen ohne jede politische Erfahrung zur Kandidatur für diese republikanischen Vorwahlen überredet, mit dem einzigen Ziel, Massie aus dem Kongress zu werfen. Aus Rache dafür, dass Massie selbst eben nicht total loyal war und immer wieder gegen Anliegen des amerikanischen Präsidenten gestimmt hatte.Massie war schon «America first», bevor Donald Trump überhaupt in die Politik eingestiegen ist. Der Ingenieur mit MIT-Abschluss stand stets ein für niedrige Steuern, weniger Staat, und er kämpfte auch immer gegen die militärische Unterstützung im Ausland: kein Geld mehr für die Ukraine, aber auch keines für Israel.Doch «America first» ist in dieser zweiten Amtszeit von Trump Makulatur, jetzt gilt nur noch «Trump first». Es gilt, was Trump gerade sagt, was er gerade macht, was er sich gerade wünscht. Er ist Programm und Partei. Wer sich ihm entgegenstellt, wird politisch zerstört. Thomas Massie ist nicht Trumps erstes Opfer. Aber das bisher teuerste. Nie zuvor wurde so viel Geld in einem Vorwahlkampf eingesetzt.Dass ihn Trump beziehungsweise sein gesichtsloser Lakai mit 10 Prozentpunkten Vorsprung schlagen konnte, erstaunt trotz den horrenden Summen. Denn Trump selbst ist gerade in einem Umfragetief. Fast 60 Prozent der Amerikaner sind nicht einverstanden mit seiner Amtsführung. Trump hat den von ihm angezettelten Krieg mit Iran nicht im Griff, und die dadurch befeuerte Inflation, vor allem an der Zapfsäule, macht den Amerikanern zunehmend zu schaffen.Nur: Unter Republikanern tut dies seinem Support keinen Abbruch. Noch immer unterstützen 80 Prozent der Konservativen die Politik von Trump. Zudem setzt sich die Partei immer mehr aus Hardcore-Trumpisten zusammen. Der Anteil von Maga-Anhängern in der Partei ist so hoch wie nie zuvor: Er liegt nun bei 63 Prozent. Das heisst, in der Trump-Partei ist Loyalität zu Trump zunehmend das alles entscheidende Merkmal.Wahllüge als LoyalitätstestWie hatte es die einst angesehene Abgeordnete im Repräsentantenhaus, Liz Cheney, schon 2022 gesagt, als sie ihr Mandat in Wyoming gegen einen Trump-Favoriten verlor? «Meine Partei hat sich Donald Trump und dem Kult um seine Persönlichkeit verschrieben.» Genau das ist tatsächlich passiert.Doch wie ist Trump gelungen, diesen Kultstatus zu erlangen?Schon während seiner ersten Präsidialjahre setzte sich bei seinen neuen Anhängern folgendes Narrativ fest: Trump ist vom Schicksal auserwählt, ja gottgesandt. Er hat sein bequemes Dasein als Milliardär aufgegeben, um Amerika vor Linken, Kriminellen, Immigranten und Perversen zu retten.Donald Trump entwickelte in jener Zeit, was Experten eine «charismatische Herrschaft» nennen. Mit Charisma ist hier eine schon fast übernatürliche Anziehungskraft gemeint. Die Historikerin Molly Worthen, die das Phänomen untersuchte, erklärt etwa, dass eine zunehmend säkulare und entfremdete Gesellschaft ein Bedürfnis nach «spirituellen Impulsen» habe. Politiker, Prediger oder Youtube-Gurus erscheinen ihren Anhängern deshalb zunehmend als «Träger einer übernatürlichen Mission und Macht». Damit gehe unweigerlich eine Konfrontation und Polarisierung einher, also ein «Wir gegen den Rest der Welt».Trumps Personenkult erreichte tatsächlich religiöse Züge. Seine Anhänger fühlen sich einer imaginären Sippe unter Führung des erlauchten Patriarchen zugehörig. Zu diesem Befund kommt eine grundlegende Studie zu Trump und seiner Gefolgschaft im Fachmedium «Political Psychology». Die Autorität der Führerfigur sei über jeden Zweifel erhaben. Dass Trump im Sommer 2024 einen Attentatsversuch um Haaresbreite überlebte, machte seinen Nimbus als Mann mit einer göttlichen Mission nur noch stärker. Trump und seine Anhänger sehen ihn als Auserwählten Gottes. Der ehemalige Immobilienunternehmer postete kürzlich gar ein KI-Bild von sich als Heiland auf Social Media.Seine Mär, er habe die Wahl 2020 gegen Joe Biden gewonnen, ist ein wichtiger Pfeiler seiner politischen Religion. (Einst war es auch das Versprechen, die Epstein-Files zu veröffentlichen. Doch Trump hat diesen Teil seiner heiligen Schrift gestrichen.) Die Wahllüge dient Trump auch als Prüfstein für wahre Treue und Loyalität. Wer sie verbreitet, gehört dazu. Wer nicht, wird exkommuniziert. Laut der Studie sind es vor allem Menschen mit starker Gewissenhaftigkeit und einem ausgeprägten Pflichtbewusstsein, die anfällig sind für solche Herrschertypen. Daraus folge die Bereitschaft, Befehle anzunehmen, aber auch eine Intoleranz gegenüber Ungewissheit und eine starre Ablehnung äusserer Einflüsse.Trump hat die Bedürfnisse seiner Anhänger schon immer intuitiv verstanden: Er inszeniert sich immer wieder als Retter und behauptet: «Ich bin eure Stimme, ich bin euer Krieger, ich bin eure Gerechtigkeit, ich bin eure Vergeltung.» Er sei der Einzige, der die Probleme lösen könne.Trump-Anhänger wie der Mann aus Burlington, Kentucky, glauben dies, auch wenn Trump oft ein erratisches, widersprüchliches Verhalten an den Tag legt. Trumps Wege sind für ihn und alle anderen Trump-Jünger unergründlich.Der Wahnsinn, so könnte man sagen, hat Methode.Hardcore-Anhänger feuern Donald Trump diesen Mai in The Villages in Florida an.Roberto Schmidt / Getty Images North AmericaPassend zum Artikel
Die Republikaner werden immer mehr zu Maga-Partei
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