Donald Trump hatte Venezuela versprochen, das Land werde nach dem Sturz von Maduro «sehr erfolgreich» wieder aufgebaut. Wird das heruntergewirtschaftete Land mit den grössten Ölreserven der Welt zur Blaupause für Kuba, wenn dort das Regime fällt?Alice Campaignolle (Text), Ana María Arévalo Gosen (Bilder)24.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenMariana Prosperi ist in diesen Tagen nach Caracas in Venezuela zurückgekehrt, zumindest für ein paar Wochen. Vielleicht bleibt sie aber auch länger. Denn in ihrer Heimat ändert sich gerade sehr vieles, zumindest für die Reichen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Donald Trump am 3. Januar den Präsidenten des Landes, Nicolás Maduro, gekidnappt und die Vizepräsidentin Delcy Rodríguez als neue starke Frau installiert hat, herrscht in der venezolanischen Geschäftswelt Goldgräberstimmung. Die Hotels sind voller ausländischer Investoren, und die wenigen venezolanischen Geschäftsleute, die es in dem heruntergewirtschafteten Land überhaupt noch gibt, haben einen Termin nach dem anderen.Zum Beispiel Marianas Vater, Martin Prosperi. Er ist Chef der Prosperi-Gruppe, spezialisiert auf hochwertigen Kakao. Im Gegensatz zu seiner Tochter, die in die USA ausgewandert ist, ist er im Land geblieben. «Es war nicht immer einfach», sagt er seufzend und findet, er verdiene eigentlich einen Orden dafür, dass er trotz der Zerstörung der Wirtschaft durch Maduro und dessen Vorgänger Hugo Chávez in Venezuela geblieben sei.Venezuela is open for business!In dem Land mit den grössten Ölreserven der Welt ist die Wirtschaftsleistung innerhalb von fünfzehn Jahren um 75 Prozent eingebrochen. Kapital floss ins Ausland, es herrschte zeitweise Hyperinflation, und es gab internationale Sanktionen. Zahlreiche Unternehmen mussten aufgeben. Doch die, die geblieben sind und sich irgendwie mit dem Regime arrangiert hatten, reiben sich jetzt die Hände. Denn nun liberalisieren die USA die Wirtschaft, und auch die Ölfelder sind nun wieder offen für multinationale Konzerne. Venezuela is open for business!Ähnliches plant Trump derzeit mit dem Erzfeind Kuba, sollte es sich seinem Druck beugen und sich vom kommunistischen Regime verabschieden. Auch hier droht Trump seit Monaten, militärisch anzugreifen. Diese Woche wurde der Ex-Präsident Raúl Castro angeklagt. Er soll vor ein amerikanisches Gericht gebracht werden, wie im Januar Maduro. Und auch in Kuba warten viele in der Bevölkerung auf einen fundamentalen Wechsel im Land.Mariana Prosperi, 30, und ihr Partner haben keinen Aufwand gescheut. Ihre Hochzeitsfeier ist ein rauschendes Fest mit 800 Gästen.Mariana Prosperi ist erst einmal nach Venezuela gekommen, um zu heiraten. 800 Gäste sind an ihr rauschendes Hochzeitsfest gekommen. Im Garten des Familienhauses ihres Ehemanns wurden keine Mühen gescheut. Unter dem sanft beleuchteten transparenten Zelt wird getanzt, Smoking und Abendkleid sind Pflicht. 150 Kellner schlängeln sich zwischen den Feiernden hindurch, servieren, was das Herz begehrt. Whisky und Rum fliessen in Strömen, der Geruch von Zigarren vermischt sich mit dem Duft der Frangipani-Bäume vor dem stattlichen Kolonialhaus. Auf den Tischen verschwinden zarte Orchideen nach und nach unter den Party-Hüten.Die Elite von Caracas hat sich hier versammelt, um nicht nur Mariana und ihren Ehemann zu feiern, sondern auch ihre eigene goldene Zukunft. Man sieht die Inhaberin einer Einrichtungskette, die Führungskraft einer renommierten Immobilienfirma und bekannte Industrielle. Alle haben ein Lächeln auf den Lippen. «Ich spüre einen frischen Wind», sagt Mariana.Mariana Prosperi, 30, lässt sich für ihren grossen Tag das Make-up machen. Sie lebt mit ihrem Partner eigentlich in den USA, ist aber für die Hochzeit in ihre Heimat Venezuela zurückgekehrt.Innerhalb weniger Wochen wurden im Parlament ein Gesetz über Kohlenwasserstoffe und ein Gesetzentwurf zum Bergbau verabschiedet, die die Ausbeutung des venezolanischen Untergrunds erleichtern. Unter dem Druck Washingtons rollt die Regierung den roten Teppich für ausländisches Kapital aus.Rodrigo Lepervanche will von der Goldgräberstimmung in Venezuela profitieren. Wir treffen den 36-jährigen Anwalt in seinem Haus in einer geschlossenen Wohnanlage in Caracas. «Der 3. Januar war ein historisches Ereignis», meint er auf seiner Terrasse. «Es ist traurig, dass es dafür einen militärischen Angriff brauchte.» Während seine Frau ihre beiden Kinder ins Bett bringt, nimmt er sich die Zeit, die vergangenen Monate zu analysieren. «Plötzlich standen wir im Rampenlicht, und seitdem klingelt mein Telefon ununterbrochen. Ich bekomme Anrufe aus Europa und den USA.»Rodrigo Lepervanche gibt an der Universität Metropolitana in Caracas einen Einführungskurs in Recht für Wirtschaftsstudenten. Offenbar lief im Fernsehen gleichzeitig ein wichtiges Fussballspiel.Er ist eben von einer Geschäftsreise aus Bogotá zurückgekehrt, wo er sich mit Fachleuten aus den Bereichen Pharmazie, Immobilien und Technologie getroffen habe. Fragt man nach, wer denn die potenziellen Investoren sind, gibt er sich verschwiegen. Er versichert jedoch, dass es «zahlreiche» sind.Bekannt sind bis jetzt vor allem die Investoren in der Ölindustrie. Der amerikanische Energiekonzern Chevron hat seine Präsenz im Land ausgebaut, das britische Mineralölunternehmen Shell hat bestätigt, dass es Gespräche mit Caracas führt, und die spanische Repsol hat bereits die Kontrolle über bestimmte Ölfelder wieder übernommen.Zwischen 7 und 8 Millionen Menschen sind in den letzten fünfzehn Jahren aus ihrem Land geflohen, vertrieben durch extreme Armut oder politische Unterdrückung. Viele dieser Migranten sind zu Fuss aufgebrochen, mit kaum ein paar Dollar in der Tasche. Rodrigo und seine Frau Adriana hatten eigentlich mehrmals die Gelegenheit auszuwandern, und zwar unter weitaus günstigeren Bedingungen als die Mehrheit ihrer Landsleute. «Wir wurden an mehreren amerikanischen Universitäten aufgenommen», erinnert er sich, «aber jedes Mal haben wir uns dann umentschieden und sind geblieben.» Er schätzt, dass 80 Prozent seiner Freunde das Land verlassen haben.Rodrigo Lepervanche (links) trifft seine Geschäftspartner oft auch im Lagunita Country Club in Caracas zum gemeinsamen Golfen.Für Lepervanche war der Braindrain aber auch ein Vorteil, wie er offen einräumt. «Das hat uns jungen Fachkräften aussergewöhnliche Chancen eröffnet; wir konnten hochrangige Positionen besetzen, die frei wurden, weil Millionen von Venezolanern das Land verlassen hatten», erzählt er. Mit gerade einmal 36 Jahren gilt er als Referenz im venezolanischen Steuerrecht. Er ist regelmässig in den Büros des Arbeitgeberverbands Fedecámaras anzutreffen und nimmt dort seit einigen Wochen an hochrangigen Gesprächen über eine Steuerreform im Land teil.Horacio Velutini steht in seinem Büro zuoberst in einem Wolkenkratzer mitten im Geschäftsviertel von Caracas und kritzelt Diagramme auf seine Bürofenster. «Ich mag es eigentlich nicht, euphorisch zu sein, aber wir haben allen Grund dazu», sagt Horacio Velutini, CEO der Investmentfirma Invaca. Auch wenn er versucht, ruhig und gelassen zu wirken, ist die Aufregung in seinem Gesicht deutlich zu sehen.Es kann nur bergauf gehen«Eine Gruppe potenzieller Investoren war gerade in meinem Büro, Amerikaner – die Botschaft hat sie hergebracht», erzählt der Geschäftsmann. Auch er hält sich bedeckt über ihre Identität. «Niemand will im Moment seine Karten auf den Tisch legen.» Aber auch Velutini versichert: Die angesagtesten Hotels der Hauptstadt seien voll von Geschäftsleuten, die prüfen wollten, ob sie hier investieren könnten.«Es gibt noch viel zu tun, natürlich gibt es Chancen im Ölsektor, aber auch in der Telekommunikation oder der Stromversorgung», so die Aufzählung von Velutini, der selbst vor allem in Immobilien investiert. Gerüchten nach möchte das deutsche Unternehmen Siemens am Wiederaufbau des venezolanischen Stromnetzes mitwirken; das Unternehmen hat dies weder dementiert noch bestätigt. «Es gibt Platz für alle: sowohl für risikofreudige Investoren als auch für die eher vorsichtigen Grosskonzerne.»Ökonomen prognostizieren für dieses Jahr sowie für 2027 ein Wirtschaftswachstum von 10 Prozent. Die Ölförderung dürfte um 14 Prozent steigen.Fieberhaft zeichnet Velutini eine Wachstumskurve aufs Fenster und erklärt, dass er den Umsatz seiner Firma verdreifachen möchte. Dann zeigt er auf weitere Diagramme und Zahlen auf Bildschirmen, in die er die Zukunft seines Landes projiziert.Der Immobilieninvestor Horacio Velutini präsentiert seine Wachstumszahlen auf Bildschirmen und auf seinen Bürofenstern.Wahrscheinlich hatte er die Zahlen kurz zuvor schon seinen Investoren präsentiert: Jahresumsatz im vornehmen Stadtteil Las Mercedes, Zahl der Fahrzeuge, die jeden Monat auf der Hauptstrasse verkehren, verfügbare Quadratmeter, ansässige Unternehmen, Parkmöglichkeiten. «Las Mercedes ist das nächste Manhattan», sagt er, als stünden die Investoren noch immer im Raum.«Im Viertel hier steht die amerikanische Botschaft, was ein Pluspunkt für alle Unternehmen aus den Vereinigten Staaten ist, die sich hier niederlassen wollen», erklärt der Geschäftsmann. Hier findet man auch den Ferrari-Händler, Fitnessstudios für 300 Dollar im Monat und Luxusrestaurants, die zu den besten des Kontinents zählen. Vor Kunstgalerien parkieren hier gepanzerte SUV mit getönten Scheiben, wo bewaffnete Leibwächter warten.Im Herzen des Viertels befindet sich ein bekanntes Einkaufszentrum, El Tolón, das Invaca gehört. Alle grossen Marken sind dort vertreten, angefangen bei den Luxuslabels Rolex, Lacoste und Swarovski. Normalerweise klingt in diesem edlen Shoppingcenter sanfte Hintergrundmusik. Doch derzeit stört der Lärm vom Hämmern und Bohren die Idylle der Reichen. «Wir renovieren den gesamten Restaurantbereich», erklärt Velutini. «Ein Glücksfall, gerade jetzt, wo die Zahlen für dieses Jahr einen Anstieg des Konsums um 12 Prozent prognostizieren.»Wohnungen mit Gesichtserkennung in den Aufzügen, Swimmingpool, Fitnessraum, Sauna sind keine Ausnahme in diesem Viertel. Velutini baut zwar für eine kleine Oberschicht im Land. Dennoch glaubt er, dass dieser Aufschwung am Ende allen helfen wird. Die Gehälter würden steigen und das werde letztlich auch die Demokratie im Land fördern, sagt er überzeugt. «Wenn die Menschen ein besseres Einkommen haben, können sie endlich ihre Rechte einfordern. Wenn man 5 Dollar im Monat verdient, was kann man da schon tun? Nichts.»Das alte TraumaDer durch die Inflation auf ein Minimum geschrumpfte Mindestlohn beträgt heute nicht einmal 5 Dollar, sondern knapp 30 Cent. Mit allen angesammelten Lebensmittelgutscheinen und einmaligen Beihilfen kann ein Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst zwar auf ein Einkommen von 240 Dollar pro Monat kommen – damit kann er aber kaum die Hälfte der monatlichen Kosten abdecken. Fast 70 Prozent der venezolanischen Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Nur wenige Strassen neben dem potenziellen Manhattan sehen die Viertel auch deutlich ärmer aus. Hier spucken klapprige öffentliche Busse aus den Arbeitervierteln am Stadtrand Dutzende Fahrgäste aus, die oft Stunden gebraucht haben, um hierher zu gelangen.Velutini, Lepervanche oder die Familie Prosperi mögen sich optimistisch geben für die Zukunft. Mariana hofft sogar, ihre künftigen Kinder in Venezuela grosszuziehen. Doch sie alle fürchten vor allem eins: dass der Staat, der sie momentan dank den USA in Ruhe lässt, irgendwann wieder eingreift.Das Schreckgespenst der Enteignungen steckt allen privaten Geschäftsleuten in Venezuela noch in den Knochen. Unter Hugo Chávez, der zwischen 1999 und 2013 Präsident war, kam es zu einer beispiellosen Welle von Enteignungen. Er verstaatlichte Schlüsselsektoren wie den Öl- und Energiesektor, Telekom, die Schwerindustrie, das Finanzwesen und die Medien. In der Folge litten die Firmen unter Misswirtschaft, Korruption und mangelnden Investitionen, und das Land wurde in den Abgrund gerissen.Velutini erinnert sich: «Unser Unternehmen hatte die Seilbahn von Caracas besessen. 2007 kündigte Chávez von heute auf morgen ihre Verstaatlichung an; wir haben dafür keinen Cent erhalten.» Doch heute hat der 50-Jährige mehr Energie denn je, um alles wieder aufzubauen.Der Anwalt Lepervanche ist etwas weniger euphorisch: ««Alle unsere potenziellen Kunden haben eine Befürchtung: mangelnde Rechtssicherheit. Werden sie geschützt sein? Es ist unsere Aufgabe, sie zu beruhigen.»Die Elite in Caracas mag zwar schon feiern. Doch noch fliessen die Dollar nicht in grossen Mengen. Bisher hat sich kein grosser Konzern oder ein multinationales Unternehmen (abgesehen von einigen Ölgesellschaften) auf das neue venezolanische Abenteuer eingelassen.Aussicht von einem Hochhaus in Las Mercedes, dem Geschäftsviertel in Caracas.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Goldgräberstimmung in Caracas: Potenzielle Investoren geben sich die Klinke in die Hand
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