Ein sportlicher Wettkampf, in dem Doping erlaubt ist und von Ärzten und Wissenschaftlern gefördert wird – das klingt, als wäre es dem Drehbuch eines Science-Fiction-Streifens entnommen. An diesem Sonntag soll dieser Film Realität werden: Die sogenannten Enhanced Games finden in einer temporären Arena vor 2500 handverlesenen Gästen statt, in der Glücksspielstadt Las Vegas.Mehr als 40 „Eliteathleten“ haben die Veranstalter angekündigt, im Schwimmen, der Leichtathletik, dem Gewichtheben und einem Kraftsport namens Strongman. Wirklich elitär sind aber nur manche, etwa der zweimalige Schwimmweltmeister James Magnussen aus Australien und der Amerikaner Fred Kerley, einst Weltmeister über 100 Meter und derzeit wegen Meldevergehen vom Leichtathletik-Weltverband gesperrt. Auch sind nicht mehr mehrere Wettkampftage angesetzt, wie einst geplant, sondern einer. So ist zwar vom Versprechen des australischen Gründers Aron D’Souza, der die Dopingspiele im Jahr 2023 als Äquivalent des „Weltwirtschaftsforums plus Super Bowl“ ankündigte, wenig übrig geblieben.Doch allein das Konzept beschert den Machern viel Aufmerksamkeit: Athleten aus aller Welt wollen mithilfe von Dopingmitteln oder verbotenen Schwimmanzügen Weltrekorde brechen und Geldprämien einsacken, die selbst olympische Spitzenverdiener selten erreichen. 25 Millionen US-Dollar sind laut Veranstaltern insgesamt für Start- und Preisgeld ausgelobt; 100 000 Dollar kann ein Athlet mindestens als Startprämie verdienen, eine Million für einen Weltrekord über 100 Meter Sprint oder 50 Meter Freistil.Reden wir über Geld mit Marius Kusch:„Ich habe Nachrichten bekommen, in denen steht: ‚Das ist eine Schande!‘“Schwimmer Marius Kusch will an den „Enhanced Games“ teilnehmen, einem Sportereignis, das Doping explizit erlaubt. Nun spricht er über leistungssteigernde Mittel im traditionellen Sport und die Frage, was er mit dem hohen Preisgeld machen will – falls er gewinnt.Und die Initiatoren nutzen die Spiele ganz offen auch als Bühne, auf der sie ihre Produkte vermarkten. Schon heute verkauft das börsennotierte Unternehmen eine Form der „Enhancements“ wie Hormontherapien oder Supplements, die angeblich Wohlbefinden und sogar die Langlebigkeit steigern sollen. „Maßgeschneiderte Energie für dich“, heißt es auf einer Website. Dahinter stehen mächtige und vermögende Investoren wie Peter Thiel, ein Konsortium von Donald Trump Jr., dem Sohn des US-Präsidenten, sowie der deutsche Milliardär Christian Angermayer. Doch neben Athleten und Unternehmern, die noch mehr Geld wittern, wirken auch Wissenschaftler und Ärzte im Hintergrund: Die heimlichen Regisseure der Enhanced Games, die sich mit ihrem Berufsethos dazu verpflichten, Menschen vor Schäden zu bewahren – und sich nun ausdrücklich für Dopingspiele aussprechen?Der Vorsitzende der medizinischen und wissenschaftlichen Kommission der Enhanced Games ist Prof. Dr. Guido Pieles und kommt aus der Lausitz. Nach seinem Studium in Marburg und Hannover verschlug es den Sportkardiologen nach London, in die USA, schließlich in den Nahen Osten. Dort war Pieles 2019 bei der Leichtathletik-WM in Doha tätig und untersuchte 2022 einige Sportler bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar für eine Studie. Bis zuletzt arbeitete er 20 Autominuten entfernt vom Trainingssitz der meisten Athleten der Enhanced Games, in einem der größten Krankenhäuser der Vereinigten Arabischen Emiraten, der Sheikh Shakhbout Medical City in Abu Dhabi.Dort werden laut einer BBC-Dokumentation auch einige der Sportler der Enhanced Games mit leistungssteigernden Mitteln versorgt. Zum Einsatz kommen können anabole Steroide, Peptide, Wachstumsfaktoren, Stimulanzien oder Stoffwechselmodulatoren. „Die Substanzen, die die Athleten zu sich nehmen dürfen, sind alle von der jeweiligen Behörde – in den USA die Food and Drug Adminstration (FDA) – freigegeben“, sagt Pieles im Gespräch mit der SZ, „natürlich für andere Indikationen als den Leistungssport. Aber es bedeutet, dass die Substanzen bei Patienten angewendet werden und die Nebenwirkungen und Risiken der Medikamente bereits größtenteils erforscht worden sind.“ So ist Testosteron etwa nur für Männer mit „Mangel oder niedrigen Testosteronwerte in Verbindung mit einer damit assoziierten Erkrankung“ von der FDA zugelassen.Der deutsche Schwimmer Marius Kusch hat sein Sperma einfrieren lassen – aus Sorge vor SpätfolgenDie Athleten der Enhanced Games – die mutmaßlich nicht gerade an Testosteronmangel leiden – dürfen trotzdem bis zu einem Grenzwert Präparate zu sich nehmen. Laut Pieles kann Schwimmern etwa zwischen 75 und 200 Milligramm, Gewichthebern bis zu 300 Milligramm Testosteron pro Woche verschrieben werden, etwa von einem Arzt ihrer Wahl. Falls der Grenzwert überschritten wird, kann die Medikation dosiert oder abgebrochen werden. Wilhelm Bloch, Leiter am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln, schätzt das im Gespräch so ein: „Was akut passieren kann bei einer zehnwöchigen Medikation von dieser Menge an Testosteron, sind unter anderem Einwirkungen auf das Stimmungsbild bis zu erhöhter Aggressivität und emotionaler Veränderung.“Die medizinische Kommission der Enhanced Games will diese Risiken durch Tests minimieren: alle zwei bis vier Wochen Blutuntersuchungen, alle drei bis sechs Monate weitere Gesundheitschecks wie eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder ein Elektrokardiogramm (EKG). „Natürlich gibt es ein Restrisiko, wie überall im Leben“, sagt Guido Pieles: „Aber ich kann mit genügend Sicherheit sagen, dass bei dem Wettkampf in Las Vegas niemand von den Enhancements sterben wird, wie oft behauptet wird.“Der Sportwissenschaftler Bloch hält dem entgegen: „Das ist tatsächlich eine Dosierung an Testosteron, bei der man sagen kann: Das Risiko auf Nebenwirkungen ist nicht sehr hoch. Aber ich sehe es auch als Feigenblatt. Hier werden X Substanzen genommen, die getreu dem Motto der Enhanced Games von der FDA zugelassen worden sind, aber keine Indikation für den Spitzensport haben. Dazu kommt, dass die Wechselwirkung schwer berechenbar sein dürften.“ Die wissenschaftliche Enhanced-Kommission möchte deshalb die Daten aufbereiten und auswerten. Alle Studienteilnehmer werden auf verschiedene leistungssteigernde Substanzen untersucht. So soll auch eine Studie mit Spitzenathleten entstehen: über die Dopingmittel und deren Wirkung.Der Amerikaner Fred Kerley wurde 2022 Weltmeister über die prestigeträchtigen 100 Meter. Mittlerweile ist er vom Leichtathletik-Weltverband wegen drei verpasster Dopingtests gesperrt. Christian Petersen/AFPDie Ergebnisse sollen im Anschluss auch dafür genutzt werden, um die Langzeitfolgen für die Athleten der Dopingspiele zu erforschen – und um neue Substanzen für den Markt zu entwickeln und bestehende Mittel im Verkauf anzupassen. Trotz dieser wissenschaftlichen Begleitung wäre eine solche Forschung laut Wilhelm Bloch aus „wissenschaftlich-ethischer“ Sicht in Deutschland nicht umsetzbar. Für ihn ist eine Prämisse der Enhanced Games im olympischen Spitzensport ohnehin längst erprobt worden: „Es gab bereits medizinisch und wissenschaftliches betreutes Doping in der DDR. Dort gab es auch wissenschaftliche Schriften darüber, was gedopt und wie das gemacht wurde. Ist es deswegen besser geworden und hatte man weniger Nebenwirkungen? Nein.“ Sogar im Gegenteil, wie diverse Schriften und Studien über DDR-Dopingopfer beweisen. Er glaube also, sagt Bloch, „dass man sich hier etwas konstruiert“.Und dann ist da noch die Frage, was geschehen würde, sollte am Wochenende in Las Vegas etwas nicht nach Drehbuch laufen, der Science-Fiction-Film zum Drama verkommen. Zum Beispiel, wenn ein Athlet trotz regelmäßiger Überprüfungen etwa an leichten oder gar schweren Nebenwirkungen leiden sollte? Aus ethischer Sicht wären die Ärzte und Wissenschaftler womöglich angreifbar: durch die Inszenierung des sicheren oder zumindest gut überwachten Dopings. Allerdings überprüfen und kontrollieren die medizinischen Kommissionen der Spiele lediglich die individuellen Programme der Athleten, sie selbst verschreiben die Dopingmittel explizit nicht. Doch wenn es den Athleten der Dopingspiele erst Jahrzehnte nach den Spielen bedeutend schlechter gehen würde, so wie vielen DDR-Dopingopfern: dann wird die Schuldfrage wohl nochmals gestellt werden müssen. Wobei auch diese Athleten dann vor der Herausforderung stehen werden, nachzuweisen, dass die Spätfolgen von den Dopingmitteln herrühren.Bei Marius Kusch, neben Leichtathlet Mike Bryan (100-Meter-Bestzeit: 10,30 Sekunden) einer von zwei deutschen Startern in Las Vegas, sind Sorgen über mögliche Nebenwirkungen schon jetzt durchaus präsent. Weil seine Freundin befürchtete, dass der Schwimm-Europameister von 2019 über 100 Meter Delfin vom Testosteronkonsum unfruchtbar werden könnte, hat Kusch sein Sperma einfrieren lassen.