Die Enhanced Games sind ein bizarrer Werbespot, der Doping auch für Hobbysportler salonfähig machen sollAm Sonntag steigen in Las Vegas sportliche Wettkämpfe, an denen Doping explizit erlaubt ist. Dahinter stecken Tech-Milliardäre, die das Leben mit allen möglichen Mitteln verlängern wollen – die Sportler wirken hingegen wie hochbezahlte Versuchskaninchen.21.05.2026, 12.00 Uhr5 LeseminutenFred Kerley wird am Sonntag gedopt an den Enhanced Games antreten – reicht das zum Weltrekord über 100 Meter?Ulrik Pedersen / ImagoDas «Resorts World», ein Hotel mit Casino am Las Vegas Strip, glänzt mit einer pompösen Glasfassade. Darin spiegelt sich ein Freiluftstadion. Es ist überspannt von Metallbögen, bietet eine Tartanbahn, ein Schwimmbecken und Plattformen für Gewichtheber. Die Tribünen fassen 2500 Zuschauer, 900 davon in VIP-Logen. Bauarbeiter zogen die Arena in nur vier Wochen hoch, Kosten: 50 Millionen Dollar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fred Kerley wurde 2022 Weltmeister über 100 Meter, hat zwei WM-Titel mit der Staffel und zwei Olympiamedaillen gewonnen. Der 30-jährige Texaner wird am Sonntag auf die Tartanbahn der Arena treten. Dass ihn die Anti-Doping-Behörden wegen Verstosses gegen die Meldepflicht zwei Jahre gesperrt haben, er wegen renitenten Verhaltens während einer Verkehrskontrolle verhaftet wurde und Vorwürfe häuslicher Gewalt gegen ihn im Raum stehen, kümmert in Las Vegas niemanden. Kerley wird versuchen, den 100-Meter-Weltrekord von Usain Bolt zu brechen. Läuft er die Strecke schneller als in 9,58 Sekunden, kassiert er 1 Million Dollar.Der Sprinter ist der Star der Enhanced Games, eines Sportwettkampfs, an dem Doping erlaubt ist. Die Organisatoren inszenieren den Event glamourös: Las Vegas, Sin City, das volle Programm. Ein berühmter DJ wird auflegen, die Indie-Rock-Band The Killers ein Konzert spielen. Wer als Aussenstehender dabei sein will, kann das nicht. Zahlende Zuschauer sind nicht vorgesehen – Zutritt nur auf Einladung: für Investoren, Prominente, die Familien der Athletinnen und Athleten.Laut den Organisatoren werden über zweihundert Medienschaffende dabei sein, ein Streaminganbieter überträgt in hundert Millionen amerikanische Haushalte. Nur: Wer berichten darf, wird streng kontrolliert. Die Journalistinnen und Journalisten wurden minuziös überprüft, der Dopingexperte des Guardian erhielt keine Akkreditierung. Ihn taxierten die Organisatoren als zu kritisch.Enhanced-Aktien werden an der New Yorker Börse gehandeltDie Enhanced Games umfassen Sprintwettkämpfe über 100 Meter, Schwimmen über 50 und 100 Meter Freistil und Delfin sowie Gewichtheben. Ursprünglich hatten die Organisatoren von 500 Athleten und zahlreichen Disziplinen geträumt. Nun treten nur 42 Sportler an. Sie kehrten dem Regelsport den Rücken und kassieren dafür je 250 000 Dollar – mehr, als viele von ihnen je im traditionellen Sport verdient haben.An Geld fehlt es den Enhanced Games nicht. Der milliardenschwere Investor Christian Angermayer ist Mitgründer und Vorstandsvorsitzender. Zu den Geldgebern gehören der Präsidentensohn Donald Trump junior und der Paypal-Gründer Peter Thiel. Die Enhanced-Aktien werden seit Anfang Mai an der New Yorker Börse gehandelt, gemäss eigenen Angaben ist die Enhanced Inc. mit 1,2 Milliarden Dollar bewertet.Seit der Emission hat die Aktie mehr als 40 Prozent ihres Wertes eingebüsst. Die Financiers sind nicht dafür bekannt, dass sie ihr Geld à fonds perdu investieren. Was wollen sie erreichen?Der Sport als Werbevehikel für den Online-Doping-ShopWer auf der Webseite der Enhanced Games surft, ist irritiert. Es fehlt ein prominent platzierter Hinweis auf die Veranstaltung in Las Vegas. Stattdessen: Werbung für Therapien, die das Leben verlängern oder das Wohlbefinden verbessern sollen. Mehr Energie, weniger Fett, mehr Muskeln, besserer Schlaf – alles nur einen Klick entfernt. Unter den angebotenen Produkten sind «massgeschneidertes Testosteron», Peptide, die Fettverbrennung und Muskelaufbau beeinflussen, oder Wachstumshormone. Im Sport stehen diese Substanzen auf der Dopingliste.Chris Jones, der Pressesprecher der Enhanced Games, beantwortet die Fragen der NZZ schriftlich. Er schreibt, man verfüge über «komplementäre Geschäftsmodelle», den Live-Event und den Online-Shop. Der Schluss liegt nahe, dass die Personen hinter den Enhanced Games vor allem durch den Verkauf von Dopingtherapien auf satte Gewinne hoffen.Sportlerinnen und Sportler treten schon seit Jahrzehnten in Werbespots auf. Franz Beckenbauer für Päckli-Suppe, Roger Federer für Spaghetti und Kaffeemaschinen. Die Werbungen suggerieren, dass auch die Produkte die Ausnahmeleistungen der Athleten möglich gemacht haben. Die Organisatoren der Enhanced Games haben diese Marketingstrategie radikalisiert: Gedopte Sportler sollen in Las Vegas Weltrekorde aufstellen und so Hobbysportler zum Kauf der Substanzen bewegen.Voruntersuchungen schliessen Langzeitschäden nicht ausKritiker, zu ihnen zählen Dopingexperten und Mediziner, befürchten Nachahmereffekte bei Freizeitsportlern sowie Langzeitschäden bei den Athletinnen und Athleten der Enhanced Games. Sie halten die Teilnehmenden für hochbezahlte Versuchskaninchen. Jones, der Mediensprecher, hingegen bewertet solche Kritik als «intellektuell faul», «beleidigend» oder sogar «naiv».Anonyme Umfragen der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hätten ergeben, dass bis zu 50 Prozent der Sportler schon einmal zu illegalen Mitteln gegriffen haben, schreibt Jones. Anonyme Umfragen, etwa durch die Wada durchgeführte, nennen Werte von 30 bis 50 Prozent. Die Enhanced Games bauen diese Zahl sogleich in ihre aggressive PR-Strategie ein. Es sei viel sicherer, wenn die Athleten unter «ärztlicher Aufsicht» zu leistungsfördernden Substanzen griffen.Die ETH-Professorin und Ärztin Christina Spengler mahnte in der «NZZ am Sonntag», dass reines Screening und ärztliche Kontrolle keine Langzeitfolgen wie Herzschäden, Leberschäden oder psychiatrische Störungen verhindern könnten. In Las Vegas wird kaum ein Teilnehmer vor laufenden Kameras wegen Dopings zusammenbrechen. Aber was in zehn oder zwanzig Jahren sein wird, bleibt offen.Die Teilnehmenden haben sich in Abu Dhabi auf die Enhanced Games vorbereitet, haben trainiert und gedopt. Im Auftrag des Veranstalters erforscht eine Studie, inwiefern Doping die Leistungsfähigkeit steigert. Dazu hätten die Veranstalter der Enhanced Games die Bewilligung einer Ethikkommission eingeholt, schreibt Jones. Die Organisatoren betonen stets, wie transparent sie aufträten. Wichtige Details verschweigen sie aber: etwa ob es sich um eine amerikanische Ethikkommission oder eine aus den Vereinigten Arabischen Emiraten handelt.Menschliche Grenzen sprengen – um jeden PreisUnbekannt ist auch, welche Substanzen die Sportler zu sich genommen haben – und in welcher Dosierung. Im Studienbeschrieb ist von Steroiden, Testosteron, Wachstumshormonen die Rede. Untersucht werden sollen nebst der Leistungsfähigkeit auch Veränderungen bei der Herzgesundheit und Auswirkungen auf die Psyche.An diesen Resultaten werden auch die Investoren interessiert sein. Sie sind überzeugte Transhumanisten, glauben daran, dass physische und psychische Grenzen des Menschen mit dem Einsatz von Technologie verschoben werden können. Für sie sind leistungssteigernde Mittel deshalb kein Doping, sondern ein Weg, um diese Grenzen zu sprengen.Aron D’Souza ist der geistige Vater der Enhanced Games, ein in Oxford ausgebildeter Jurist und Investor. Der Mittvierziger hat das Alter auch schon als Krankheit bezeichnet, die es zu behandeln gelte. Und: Der Griff zu leistungssteigernden Substanzen werde bald einmal so normal sein wie die Abnehmspritze. Zu dieser Normalisierung sollen die Enhanced Games beitragen.Sollte Kerley oder ein anderer Athlet am Sonntag einen irregulären Weltrekord aufstellen, wird also nicht der Sport jubeln. Sondern diejenigen, die in ein Unternehmen investieren, das soeben einen bizarren Werbespot abgedreht hat.Passend zum Artikel
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Am Sonntag steigen in Las Vegas sportliche Wettkämpfe, an denen Doping explizit erlaubt ist. Dahinter stecken Tech-Milliardäre, die das Leben mit allen möglichen Mitteln verlängern wollen – die Sportler wirken hingegen wie hochbezahlte Versuchskaninchen.













