KommentarDer Profifussball ist in der grössten und wichtigsten Stadt des Landes in einem erbärmlichen Zustand. Zürich hätte Besseres verdient. Doch seine beiden einst erfolgsverwöhnten Klubs erledigen ihre Hausaufgaben nicht.23.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZSie feiern in Thun, sie jubeln in St. Gallen. Sogar in Vaduz, einem 6000-Seelen-Nest in einem benachbarten Fürstentum, wird auf den Aufstieg in die oberste Schweizer Fussballklasse angestossen. Und in Zürich?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herrscht anhaltende Dürre. Für professionellen Fussball ist die grösste und zumindest in eigener Wahrnehmung wichtigste Stadt der Schweiz eine kahle Wüste. Für Fussball-Unterhaltung reist man nach Mailand ins San Siro, nach München zu den Bayern. Und wer es romantisch mag, nimmt die S-Bahn nach Winterthur oder Aarau. In Zürich gibt es in einem Konzert- und Leichtathletikstadion ausser schlechter Laune, Rumpel-Kick, Durchzug und lauwarmen Bratwürsten wenig, was sich als Fussball herzeigen liesse.Statt zu gewinnen, darf man nicht verlierenDie jüngste Volte dazu war am Donnerstagabend zu besichtigen, als die Grasshoppers gegen Aarau unter glücklichen Umständen den Abstieg verhinderten. Über 18 000 Zuschauer waren gekommen, und die Szenerie mochte gewirkt haben, als gäbe es etwas zu gewinnen für den Rekordmeister. Aber es gab nichts zu gewinnen, sondern nur sehr viel zu verlieren.So sah denn auch die sportliche Darbietung aus. Rennen, grätschen, stechen. Es gab Platzverweise und emotionale Ausbrüche. Am Ende marschierte die Polizei ins Stadion und stellte sich in Vollmontur auf die Mittellinie. Ein unschönes Schlussbild. Aber es passte zu den Aufführungen der beiden Zürcher Klubs in den letzten Jahren.So muss sich einerseits der Los Angeles FC (LAFC) als GC-Besitzer Fragen gefallen lassen. Wollen sie in der Zürcher Fussball-Wüste weiter mit der kleinen Giesskanne herumhantieren – oder wollen sie GC wieder loswerden? Die Amerikaner selbst stellten diese Frage in den Raum, als im April offenbar auch sie bemerkt hatten, dass die Zürcher Filiale zum dritten Mal in Folge dem Abstieg entgegenrasselt und rund um ihren Klub matte Teilnahmslosigkeit Raum greift.Gegen 50 Millionen Franken hat den LAFC in zweieinhalb Jahren die Idee gekostet, den einst noblen Grasshopper Club als Teil seines internationalen Netzwerkes aufzubauen. Was das konkret bedeuten könnte, ist schleierhaft geblieben. Zumal die Besitzer in Zürich unsichtbar bleiben. Weil sie aber offenbar an diese Idee geglaubt haben müssen, hat GC zwar wirtschaftlich überlebt. Aber für den LAFC ist, wie schon für seine Vorgänger aus China, ausser hohen Spesen nichts gewesen. Wie die Chinesen haben die heutigen Besitzer die Gegebenheiten in Zürich völlig unterschätzt.GC ist für den Los Angeles FC ein MissverständnisMit Alain Sutter setzten sie vor vierzehn Monaten einen Sportchef ein, der sich selbst zum «GC-Leuchtturm» ernannte und mit seiner «Risikostrategie» am Donnerstag dem totalen Scheitern knapp entgangen ist. Sutter liess drei verschiedene Trainer antreten, auf der Geschäftsstelle herrschten Unruhe und ein Kommen und Gehen. Mit Teilen der unzufriedenen Fans kam es zu Auseinandersetzungen, die etwa in Lausanne im Cup-Match in üble Gewalt ausarteten. Sutter reihte Fehler an Fehler. GC ist keinen Schritt vorangekommen. Seine erste Jahresbilanz kann seine Arbeitgeber nicht zufriedenstellen.Der LAFC steht deshalb vor dem Entscheid, ob er bereit sei, für ein Vorankommen nochmals viel Geld in die Hand zu nehmen, um in Spieler und in die Organisation zu investieren. Oder ob er in Zürich den Stecker ziehe. Dann könnten jene finanziell potenten Zürcher Kreise zum Zuge kommen, die sich schon seit längerem immer wieder ins Spiel bringen für eine Übernahme. Allerdings tun sie das, ohne öffentlich Farbe zu bekennen oder gegenüber dem LAFC ernsthaft in die komplizierten Übernahme- oder Teilhaberverhandlungen einzusteigen.Der FCZ rumpelt zu neuen BesitzernMit der Frage des Besitzerwechsels ist auch der etwas weniger erfolglose der beiden erfolglosen Zürcher Klubs beschäftigt. Seit der FC Zürich aus heiterem Himmel unter gütiger Mithilfe der Konkurrenz und dank Blerim Dzemaili vor vier Jahren wieder einmal die Meisterschaft gewonnen hat, rumpelt er von einer Saison zur nächsten. Ein kurzer Blick auf die vergangene Saison ist dafür exemplarisch.Seit Dekaden hat sich der Klub nicht so schlecht klassiert; abgesehen vom Abstieg vor zehn Jahren. Die Mannschaft langweilte, wie GC stellte man drei verschiedene Trainer vor die Mannschaft. Die gesamte sportliche Führung wurde ausgetauscht, nachdem es auch dem Präsidenten Ancillo Canepa im Herbst zu dämmern begonnen hatte, dass der vor drei Jahren eingeschlagene Weg mit dem Sportchef Milos Malenovic ins Verderben führt. Die notdürftige Remedur endete bis in die drittletzte Runde mit einer qualvoll gewonnenen Balgerei mit den Grasshoppers. Es ging um den zehnten, also drittletzten Platz.Die völlig missratene Spielzeit, einmal mehr weit abgeschlagen vom Ziel Europacup, glich einer unbeholfenen Kulissenschieberei. Canepa und seine Frau Heliane suchen nach zwanzig Jahren im Präsidium und rund dreizehn Jahren als Besitzer nach Lösungen, den Verein eher früher als später neuen Händen anzuvertrauen. Allein die letzten zwei Jahre sollen die Canepas 17 Millionen Franken gekostet haben. Nur schon das hohe Defizit führt zur Frage, wer sich das antun will: einen Verein zu übernehmen, der so viel Geld verschluckt.Um eine Antwort zu finden, hat sich Canepa mit Claudio Cisullo einen Helfer in den Verwaltungsrat geholt. Cisullo führt ein Family-Office, ist gut vernetzt und solvent. Der Selfmade-Millionär steht seit vergangenem Herbst den FCZ-Besitzern zur Seite, um – auch in Abgrenzung zu GC – eine «lokale oder regionale Lösung» für die Weitergabe zu finden. Wie eine solche «Lösung» aussieht und welche Person oder welche Personen Lust und genügend finanzielle Mittel aufbringen können für den FCZ, bleibt vorderhand im Dunkeln.Mit dem Engagement des neuen Trainers Marcel Koller ist ein erstes Zeichen gesetzt. Ausgerechnet der frühere Meisterspieler und Meistertrainer der Grasshoppers soll den FCZ für eine Übergabe hübscher machen. Ob Koller der richtige Trainer für diese Aufgabe ist, wird sich zeigen. Auf viel Kredit vom FCZ-Publikum wird Koller jedenfalls nicht zählen dürfen. Um den FCZ herrscht noch immer der provinzielle Geist, dass Personal mit Vergangenheit bei GC unerwünscht ist.Das Trauerspiel der Stadion-BlockadeZum Befund, dass die Dürrezeit im Zürcher Profifussball den Höhepunkt längst nicht erreicht haben dürfte, gehört natürlich auch das Trauerspiel um den blockierten Bau des Fussballstadions auf dem Hardturm. Die Klage beider Klubs, dass ihnen als Mieter im Letzigrund jährlich mindestens je 5 Millionen Franken entgingen, ist so bekannt wie berechtigt. Sie wird zwar immer dann besonders laut vorgetragen, wenn es die eigene Misswirtschaft zu übertönen gilt und die Schuld an der eigenen Misere bei anderen liegt.Aber die Stadionblockade ist auch Ausdruck davon, dass der Stadtregierung die Fussballklubs ziemlich egal sind – im Gegensatz zu vergleichbaren Vertretern anderer Städte im Land. In St. Gallen, Bern oder Basel ist es mehr als Folklore, wenn sich Politiker und Politikerinnen in Klubschals zeigen und Spiele besuchen. «Wie eine Liebesbeziehung» sei sein Verhältnis zum FCB, sagte ein Basler Bundesrat unlängst.Einem Zürcher Politiker oder gar einer Politikerin könnte das nicht passieren. «Eher FCZ» war das denkbar Knappste, was Corine Mauch in einem Abschiedsinterview als Stadtpräsidentin zum Thema Fussballklubs sagte. Obwohl sie es nicht mehr nötig hat, verriet das «eher» noch immer die Frau, die möglicherweise auch von GC-Anhängern gewählt werden wollte.Die links-grüne Regierung hat sich in den 21 Jahren seit dem Neubau des Letzigrunds nie offensiv darum bemüht, gegen die Stadion-Verhinderer eine politische oder administrative Wucht zu entwickeln, um den mehrfach vom Stimmvolk legitimierten Neubau zu beschleunigen. Das politische Milieu der Entscheider hat sich weit entfernt von den Leuten, die bei den beiden Zürcher Vereinen das Sagen haben. In Zürich brauchen andere Projekte wie die Aufhebung von Parkplätzen oder die Bemalung von Strassen für Velofahrer eben auch Zuwendung. Die Hardturm-Brache bietet einen schönen Platz für allerhand Nettigkeiten zuhanden der links-grünen Klientel.So dauert die Dürre im Fussball weiter an, bis sich das Stadionprojekt über alle juristischen Hürden geschleppt hat. Im Herbst soll das Bundesgericht entscheiden. Danach wird die Bau-Ausschreibung aufgelegt, abermals mit drei Möglichkeiten für Einsprachen. Es ist nicht davon auszugehen, dass die anonymen Stadion-Verhinderer eine der drei Gelegenheiten für die Verzögerung auslassen werden. Der FCZ und die Grasshoppers werden deshalb noch viel Zeit haben, um die Hausaufgaben zu machen und Fussball zur Aufführung zu bringen, der sich sehen lassen darf.Passend zum Artikel
Fussball-Wüste Zürich: Die Grasshoppers und der FCZ versinken im Elend
Der Profifussball ist in der grössten und wichtigsten Stadt des Landes in einem erbärmlichen Zustand. Zürich hätte Besseres verdient. Doch seine beiden einst erfolgsverwöhnten Klubs erledigen ihre Hausaufgaben nicht.







