Starmers Herausforderer bringen sich in StellungEs ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Andy Burnham, Bürgermeister von Gross-Manchester, oder der ehemalige Gesundheitsminister Wes Streeting den britischen Premierminister ablösen werden. Aber hinter der Labour-Krise steht eine Staatskrise.23.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAndy Burnham beim morgendlichen Joggen in Manchester.Jon Super / APSeitdem Labour bei den Lokal- und Regionalwahlen vor zwei Wochen miserabel abgeschnitten hat, gibt es gleich mehrere Politiker, die den Parteivorsitzenden und Premierminister Keir Starmer stürzen und ersetzen wollen. Die wichtigsten sind Andy Burnham, der Bürgermeister von Gross-Manchester, und Wes Streeting, der ehemalige Gesundheitsminister, der letzte Woche aus Protest gegen Starmer von seinem Posten zurücktrat. Man nahm allgemein an, dass er die notwendigen 81 Abgeordneten hinter sich versammeln würde, um den Rücktritt Starmers zu verlangen. Er scheute jedoch im letzten Moment vor diesem Schritt zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stattdessen brachte sich Burnham in Position. Sein Problem ist, dass er zwar als populärster Politiker in der Labour-Partei gilt, aber über keinen Parlamentssitz verfügt. Der ist jedoch Voraussetzung, wenn er als Premierminister kandidieren will. Um Platz für Burnham zu machen, ist nun Josh Simons als Abgeordneter von Makerfield freiwillig zurückgetreten. In diesem Wahlkreis in der Nähe von Manchester muss sich Burnham allerdings zuerst einer nicht ganz einfachen Nachwahl stellen. Bei den Lokalwahlen am 7. Mai holte die rechte Reform UK in Makerfield nämlich mehr als 50 Prozent der Stimmen, Labour weniger als 23 Prozent.Burnham pokert hoch in MakerfieldVerliert Burnham, sind nicht nur seine Chancen aufs höchste Amt hinfällig, sondern Labour verliert auch noch einen Abgeordnetensitz. Gewinnt er, kann er für sich beanspruchen, Reform UK besiegt zu haben. Dann könnte er gegen Starmer mit dem Slogan in den Kampf ziehen: Wenn ich es in Makerfield geschafft habe, kann ich es überall schaffen.Bei der Kandidatur als Premierminister müsste er sich parteiintern gegen Streeting behaupten und möglicherweise gegen weitere Herausforderer wie die ehemalige Vizepremierministerin Angela Rayner oder den Energieminister Ed Miliband. Rayner war letzten Herbst über eine Steueraffäre gestolpert, worauf sie von ihrem Amt zurücktreten musste. Sie stammt wie Streeting aus prekären Verhältnissen und ist insbesondere in der Arbeiterschicht beliebt. Erst vor wenigen Tagen bezahlte sie ihre Schulden und wurde von den bisherigen Vorwürfen entlastet. Das heisst, einer Kandidatur stünde nichts im Wege. Ed Miliband fungierte von 2010 bis 2015, als Labour in der Opposition war, bereits einmal als Vorsitzender der Partei. Laut aktuellen Umfragen liegt Burnham gegenwärtig klar vor Starmer. Streeting hingegen liegt hinter Starmer.Burnhams Vorteil ist, dass er im Gegensatz zu Starmer als volksnah, umgänglich und direkt gilt. Starmer wirkt oft hölzern und technokratisch. Er ist bekannt für seine Kehrtwenden und langes Zögern. Viele vermissen einen klaren Kurs und Entschlossenheit.Am liebsten Bier und FussballBurnham kam 1970 in der nordenglischen Stadt Liverpool zur Welt. Der Bergarbeiterstreik Mitte der achtziger Jahre politisierte ihn. Bereits mit 15 trat er der Labour-Partei bei. Als Erster der Familie schaffte er es an die Universität – er studierte englische Literatur in Cambridge. Kurz darauf wurde er Berater des Kulturministers, und 2001 wurde er ins Unterhaus gewählt. Mit 38 machte ihn Gordon Brown zuerst zum Kultur- und Medienminister, wenig später zum Gesundheitsminister. Er wurde 2008 zum Bürgermeister für die Metropolitanregion von Manchester mit ihren rund drei Millionen Einwohnern gewählt und seither zweimal wiedergewählt, zum letzten Mal 2024 mit einer eindrücklichen Zweidrittelmehrheit.Seine bodenständige und witzige Art bewies er, als er in einem Interview gefragt wurde, welche Biskuits er am liebsten esse. Seine Antwort: «Bier, Pommes und Bratensauce.» Oft zitiert wird auch seine Antwort auf die Frage, was ihm am wichtigsten sei: «Der Everton FC, Labour und die katholische Kirche. In dieser Reihenfolge.»Im Laufe seiner Jahre als Bürgermeister ist er politisch nach links gerutscht. Er wird heute zur «soft left», also zur gemässigten Linken, gezählt und ist damit linker als Wes Streeting, der zum rechten Flügel von Labour gehört. Er engagiert sich für sozialen Wohnungsbau und Dezentralisierung, das heisst insbesondere mehr Vollmachten für den Norden Englands.Für Schlagzeilen sorgte er, indem er Margaret Thatchers Privatisierung des öffentlichen Verkehrs in Manchester rückgängig machte. Die Wiederverstaatlichung des regionalen Transportsystems war Ende 2023 abgeschlossen. Die Busse und Bahnen sind jetzt dank Subventionierung günstiger und offenbar auch pünktlicher. Burnham hat angekündigt, dass er die Renationalisierung auch auf andere Bereiche wie Energie und Wasser ausdehnen möchte. Als Bürgermeister würde er sein Vorhaben in Greater Manchester umsetzen, als allfälliger Premierminister voraussichtlich im ganzen Land. Auch sonst möchte er das politische System grundlegend reformieren. So hat er immer wieder die Ersetzung des Mehrheitswahlrechts durch das Proporzsystem gefordert; das Oberhaus würde er durch eine demokratisch gewählte Kammer der Regionen ersetzen.Mit einem solchen Programm verstand es Burnham, eine breit gestreute Wählerschaft für sich einzunehmen. Dank seiner gewinnenden Art und seiner langjährigen Erfahrung als Bürgermeister hätte er gute Voraussetzungen, um Starmer zu ersetzen.Auf den Premierminister warten schwierige AufgabenAllerdings bringt Streeting seinen Rivalen aus dem Norden nun mit einem raffinierten Schachzug in Schwierigkeiten. Er hat angekündigt, dass er Grossbritannien wieder in die EU führen möchte. So deutlich hat dies bis jetzt noch kein Spitzenpolitiker auszusprechen gewagt. Damit bringt er Burnham in Zugzwang. Der hegt zwar ebenfalls EU-Sympathien, hat aber kein Interesse, mitten in seinem Wahlkampf in Makerfield das heikle Thema Brexit aufzubringen. Denn die dortige Bevölkerung ist mehrheitlich gegen die EU eingestellt, und Reform UK wird Streetings Vorstoss genüsslich ausschlachten, um Labour als EU-Partei und als Verräterin des Volkswillens zu brandmarken.Sosehr weite Teile der Labour-Partei den unbeliebten Premierminister Starmer wegwünschen, so sehr macht sich auch Ratlosigkeit breit. Grossbritannien hatte in den letzten zehn Jahren sechs Premierminister. Zunehmend wird in den Medien gefragt, ob es sich dabei nicht um eine «mission impossible» handle. Denn jeder Premierminister, ob links oder rechts, Mann oder Frau, volksnah oder technokratisch, sieht sich Aufgaben gegenüber, die sich fast nicht lösen lassen.Das Land driftet auseinander, die Polarisierung nimmt zu, die Mitteparteien erodieren, ein Konsens wird immer schwieriger. Viele haben genug vom Polit-Establishment und sind anfällig für Populisten, die radikale und einfache Lösungen versprechen. Der Staat ist hoch verschuldet, die Wirtschaft stagniert. Aber alle Sparmassnahmen, vor allem im sozialen Bereich, stossen angesichts der hohen Lebenshaltungskosten auf massiven Widerstand. Zugleich müssten die Verteidigungsausgaben erhöht werden, wofür das Geld fehlt.Ein Dilemma stellt sich auch bei der Migration: Angesichts des Geburtenrückgangs, der Überalterung und des Fachkräftemangels ist die Wirtschaft auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen; zugleich gibt es in Teilen der Bevölkerung massiven Widerstand gegen weitere Immigration. Und nun kommt auch das Brexit-Thema erneut auf, bei dem die Briten tief gespalten sind. Man fragt sich, ob die besten Köpfe des Landes in Zukunft noch bereit sein werden, sich für dieses undankbare Amt zur Verfügung zu stellen.Passend zum Artikel