Der Machtkampf in der britischen Labourpartei könnte sich noch über Monate hinziehen, was in der Wirtschaft Sorgen auslöst. Eine lange Phase der Unsicherheit würde die Regierung lähmen und Investoren abschrecken, warnen Wirtschaftsvertreter. Ob und wie lange sich Premierminister Keir Starmer noch halten kann, ist ungewiss. Sein Herausforderer Andy Burnham hofft, ihn schnell ablösen zu können.Der populäre Labour-Bürgermeister von Greater Manchester, den seine Anhänger auch „König des Nordens“ nennen, bewirbt sich derzeit um einen Parlamentssitz im Wahlkreis Makerfield, einem Ort bei Manchester. Die Wahl soll am 18. Juni stattfinden. Falls Burnham siegt, würde ihn laut Umfragen in einer Kampfkandidatur gegen Starmer eine Mehrheit der Labour-Mitglieder unterstützen. Allgemein wird erwartet, dass die Regierungspartei dann nach links rückt.Am Anleihemarkt sorgte das für Unruhe. Burnham hatte vergangenes Jahr gesagt, die Regierung dürfte „nicht am Haken des Bond-Marktes“ hängen. Großbritannien ist mit 2,9 Billionen Pfund verschuldet, das sind annähernd 100 Prozent seiner Wirtschaftsleistung. Finanzministerin Rachel Reeves, eine enge Verbündete Starmers, hat stets versichert, sie wolle „eisenhart“ an den fiskalischen Regeln festhalten. Diese verpflichten zu sinkenden Defiziten und einer sinkenden Staatsschuldenquote am Ende der Legislaturperiode. Viele Anleiheinvestoren sind nervös. Die Renditen für zehnjährige Papiere stiegen bis auf 5,2 Prozent, den Rekordwert in der Finanzkrise 2008. Die Rendite der dreißigjährigen Papiere kletterte sogar auf den höchsten Stand seit 1998.Kritiker nennen ihn eine „Wetterfahne“Burnham versicherte nun wiederholt, er wolle sich an die Fiskalregeln halten. „Ich habe nie gesagt, man kann einfach den Bond-Markt ignorieren.“ Er unterstütze die Haushaltsregeln. „Aber darüber hinaus müssen wir die Politik ändern“, sagte Burnham.Doch wofür steht der 56 Jahre alte Politiker, der schon lange auf der nationalen Bühne aktiv ist? Sechzehn Jahre, von 2001 bis 2017, saß er im Parlament. Anfangs machte er auf dem „rechten“, reformorientierten Blair-Flügel Karriere. Er befürwortete Haushaltskürzungen; als Gesundheitsminister versuchte er, Reformen des Nationalen Gesundheitsdiensts NHS voranzutreiben. Nach Labours Wahlniederlage 2010 wandte er sich dem linken Flügel zu. Kurzzeitig diente er im Schattenkabinett des Links-außen-Parteichefs Jeremy Corbyn, bevor er 2017 in Manchester Bürgermeister wurde. Gegner kritisierten ihn als „Wetterfahne“. Die Zeitung „Financial Times“ nannte ihn „Labours charismatisches Chamäleon“.Seine wirtschaftspolitische Philosophie bezeichnet Burnham als „Manchesterismus“ – aber in einem anderen Sinne als der freihändlerische Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Er plädiert für deutlich mehr Staatseinfluss. Privatisierte Betriebe möchte er gerne wieder verstaatlichen. In Manchester nahm er die privat betriebenen Busse in die öffentliche Hand. Viele Burnham-Verbündete möchten neben Bussen und Bahnen auch Wasser-, Strom- und Gasversorger wieder verstaatlichen. Die Rechnungen seien so hoch, weil private Eigentümer hohe Dividenden verdienten. Private müssten zurückgedrängt werden, auch wenn das für den Staat zunächst einmal Milliarden an Investitionskosten bedeuten könnte.Nicht gelegen kommt Burnham derzeit eine neue Debatte über den Brexit und einen potentiellen britischen Wiederbeitritt zur EU, die Gesundheitsminister Wes Streeting entfacht hat, der ebenfalls Starmer beerben will. Burnhams Verbündete warfen Streeting vor, er wolle mit einer neuen Brexit-Debatte die Wahl in Makerfield „sabotieren“. In dem Wahlkreis stimmten 2016 rund 60 Prozent der Bürger für den Brexit. Burnham ist grundsätzlich für eine Rückkehr in die EU, distanzierte sich aber eilig von einer „Neuauflage der Brexit-Streitereien“. Er weiß, dass dies nur Nigel Farage in die Karten spielen würde.Dessen aus der Brexit-Partei hervorgegangene Partei Reform UK hat in Makerfield den Klempner und Gemeinderat Robert Kenyon aufgestellt. Ein „Kampf David gegen Goliath“ sei das, meint Farage. Kenyon gibt sich bescheiden und wirbt damit, in Makerfield geboren und verwurzelt zu sein. Bei der Parlamentswahl 2024 kam Kenyon auf den zweiten Platz hinter dem Labour-Abgeordneten; Reform hat seitdem stark zugelegt. Labour-Strategen geben zu, dass es ein sehr schwieriger Wahlkampf werden könnte.