Interview«Ohne den Mossad wäre ich vermutlich seit neun Monaten tot» – Volker Beck spricht über die Bedrohung durch IranDie Bundesanwaltschaft erhebt Anklage gegen mutmassliche iranische Agenten. Diese sollen Mordanschläge geplant haben – auch gegen Volker Beck, den Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.Sebastian Lange, Berlin22.05.2026, 19.35 Uhr6 LeseminutenDer langjährige Grünen-Abgeordnete Volker Beck bei einer Solidaritätskundgebung für Israel in Berlin.Emmanuele Contini / ImagoDie Bundesanwaltschaft hat in Hamburg Anklage gegen zwei mutmassliche Agenten des iranischen Regimes erhoben. Die beiden Männer sollen in Deutschland Anschläge gegen Juden oder Ziele mit Bezug zu Israel geplant haben. Sie wollten offenbar Mordanschläge gegen Josef Schuster begehen, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland und gegen Volker Beck, den Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Im vergangenen Jahr wurden sie festgenommen. Volker Beck spricht im Interview über eine neue Qualität der Bedrohung und kritisiert Deutschlands strategische Kurzsichtigkeit im Umgang mit Iran.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Beck, mutmassliche iranische Auftragsmörder sollen Sie voriges Jahr ins Visier genommen haben. Wie haben Sie diese Bedrohung persönlich erlebt?Die Polizei kam zu mir und wollte über meinen Schutz sprechen. Anschliessend hat sie die Sicherheitsmassnahmen innerhalb von zehn Tagen auf ein sehr hohes Niveau gehoben. Ich habe versucht, pragmatisch damit umzugehen, und mir gesagt: Die Polizei macht ihren Job, das wird schon gut gehen. Aber die Einschränkungen waren dennoch erheblich. Man will ja mit den Ressourcen der Polizei verantwortungsvoll umgehen und sie nicht für private Bedürfnisse verschleudern.Sie standen während Ihrer langen politischen Karriere meist in der Öffentlichkeit und waren auch zuvor schon Bedrohungen ausgesetzt. Hatte die Situation im vorigen Jahr für Sie eine neue Qualität?Es gab auch früher Morddrohungen, so hatte ich 1996 das erste Mal eine Pistolenkugel in der Post. Das habe ich aber immer unter «Hunde, die bellen, beissen nicht» eingeordnet. Im vorigen Jahr war es eine wirklich konkrete Gefährdungssituation, bei der schlichtweg meine Ermordung vorbereitet wurde. Und zwar durch einen staatlichen Akteur. Das gab es meines Wissens in meinem Fall so noch nicht.Werden Sie das Gerichtsverfahren in Hamburg verfolgen?Ich erwäge, als Nebenkläger dem Verfahren beizutreten. Mein Ziel ist es, zu wissen, was die Iraner schon über mich wissen, denn das hat eine Bedeutung für mein konkretes Leben.Der entscheidende Hinweis auf die Mordpläne soll vom israelischen Geheimdienst gekommen sein. Ist Deutschland bei solchen Bedrohungen auf Israel angewiesen?Ja, allerdings leugnen wir das. Aussenminister Johann Wadephul sagte im Podcast von Paul Ronzheimer in einer beispiellosen Demonstration von Ignoranz und Arroganz, wir seien auf die Erkenntnisse des Mossad nicht angewiesen. Dem kann ich nur entgegenhalten, dass ich ohne diese vermutlich seit mehr als neun Monaten tot wäre. Generell braucht Deutschland bei Sicherheitsthemen Israel mehr als umgekehrt. Wir sind sowohl bei der Geheimdienst-, als auch bei der Rüstungskooperation auf die Israeli angewiesen. Deutschland wird ohne das israelische Know-how keine Luftabwehr entwickeln können.Sie werfen der Bundesregierung eine «irrlichternde» Haltung gegenüber dem Iran vor. Was meinen Sie damit?Die Haltung war früher geradezu komplizenhaft. Das Nuklearabkommen ignorierte die konventionelle Aufrüstung Irans und seine Strategie, Israel anzugreifen und zu vernichten und die gesamte Region durch seine Proxys ins Chaos zu stürzen. Deutschland redet das immer schön, weil wir der wichtigste Handelspartner Irans in Europa waren und gerne wieder sein wollen. Dies ist sicherheitspolitisch blind und zu kurz gedacht. Wir müssen in diesem Konflikt klar machen, dass wir Israel und die USA unterstützen. Das Teheraner Regime hat uns faktisch den Krieg erklärt.Das ist drastisch ausgedrückt.Aber wir werden seit Jahren von Iran durch Terror attackiert. Der Angriff auf die freie Seeschifffahrt in der Strasse von Hormuz betrifft auch uns. Wenn wir Handelsschiffe dort durchschicken würden, würden sie angegriffen. Ich fordere von der Bundesregierung eine viel robustere Reaktion: Das Vermögen aus der Khamenei-Dynastie in Deutschland muss eingefroren werden, und die iranischen Banken sollten hier nicht frei operieren dürfen.Zur PersonImagoSeit dem Jahr 2022 ist Volker Beck (65) Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Er war von 1994 bis 2017 für die Grünen Mitglied des Deutschen Bundestags, mit Schwerpunkten in der Rechts-, Innen- und Religionspolitik. Beck ist Gründer des Tikvah-Instituts, das zu Antisemitismus und jüdischem Leben in Deutschland forscht.Antiisraelische Angriffe Irans auf Ziele in Deutschland leben von Unterstützern vor Ort. Einer der Verdächtigen, die jetzt angeklagt wurden, sollte Mittäter anwerben. Ist das propalästinensische Aktivistenmilieu ein Nährboden?Nach allem, was öffentlich bekannt ist, nutzt die Islamische Republik in Europa zunehmend Proxys: Personen aus kriminellen oder prekären Milieus, zum Teil mit iranischem oder proiranischem Hintergrund, die für Geld ausspähen, einschüchtern oder Anschlagsvorbereitungen übernehmen. Für solche niedrigschwelligen Operationen braucht Teheran offenbar keine hochqualifizierten Agenten. Mir sind keine Hinweise bekannt darauf, dass das Regime in relevanter Weise intellektuell anspruchsvolle Milieus, etwa an Universitäten, gezielt infiltriert, um Attentäter zu rekrutieren.An deutschen Universitäten berichten jüdische und israelische Wissenschafter allerdings von zunehmender Ausgrenzung und Bedrohung.Das ist ganz klar der Fall. Es reicht auch schon aus, prozionistisch zu sein. Manche Universitätsleitungen empfehlen gar jüdischen Lehrenden aus Sicherheitsgründen, Präsenzlehre durch Online-Formate zu ersetzen. Forschungsthemen, die mit Israel oder mit dem Judentum zu tun haben, können zu Angriffen oder Diskriminierung führen. Die Folge ist ein Klima der Verunsicherung. Das ist nicht hinnehmbar.Seit dem 7. Oktober scheint es unter Studenten hierzulande in Mode zu sein, sich mit Palästinensertuch zu schmücken und «Free Palestine» oder «Fuck Israel» zu skandieren. Wie erklären Sie sich diese Schlagseite in einem Konflikt, der sich doch erst infolge eines brutalen Massakers an Israeli zugespitzt hat?Das kann man eigentlich nur mit zweitausend Jahren antijüdischer Prägung unserer Kultur erklären. Wir lieben tote Juden, wir putzen gerne Stolpersteine, aber wir können es nicht ertragen, wenn ein jüdischer Staat sich verteidigt, seine Rechte selbst wahrnimmt und uns nicht in einer Bittstellerhaltung begegnet.Der israelische Botschafter in Deutschland warnt, dass der Antisemitismus von links gefährlicher sei als andere Spielformen, weil er sein Anliegen verschleiere. Sehen Sie das auch so?Die Zahlen bei islamistisch und links motivierten antisemitischen Straftaten sind in den letzten zweieinhalb Jahren massiv angestiegen. Aber der rechtsextremistische Antisemitismus bleibt in der Kriminalstatistik auf gefährlich hohem Niveau dominant. Das Problem ist aber auch der Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft. Er ist zwar mit Ausnahmen nicht gewalttätig, aber er gibt Gewalttätern das Gefühl, sich von der Gesellschaft getragen fühlen zu dürfen.Viele Juden und Israeli in Deutschland sagen in diesen Tagen, sie sässen auf gepackten Koffern und seien bereit, das Land zu verlassen. Ist das nicht ein Armutszeugnis für das Land des Holocaust?Es ist eine doppelte Blamage, weil es die bundesrepublikanische Identität – das heisst, dass wir unsere Geschichte aufgearbeitet und Konsequenzen daraus gezogen haben – pulverisiert. Das Problem ist, dass die Bekämpfung von Antisemitismus bei uns in Lippenbekenntnissen stecken bleibt, in Kaskaden von Resolutionen und Pressemitteilungen. Wir müssen aber auch konkret sicherstellen, dass zum Beispiel staatliche Fördergelder nicht an Projekte fliessen, die antisemitische Inhalte verbreiten. Wo ist denn die Änderung der Bundeshaushaltsordnung, wo ist das Strafgesetz, das «Tod Israel»-Rufe pönalisiert? Nichts Konkretes geschieht, aber es wird gesagt, Antisemitismus habe keinen Platz in Deutschland. Tatsächlich ist er überall.Die Deutsch-Israelische Gesellschaft verzeichnet seit dem 7. Oktober starken Zulauf. Ist das nicht ein Zeichen für eine gegenläufige Bewegung in der Zivilgesellschaft?Ja. Viele Menschen wollen durch ihre Mitgliedschaft die DIG unterstützen, weil sie dafür sorgt, dass Gegenrede stattfindet. Wir müssen noch daran arbeiten, mehr Frauen und die junge Generation für den Austausch mit Israel zu gewinnen.Die gegenwärtige israelische Regierung macht es internationalen Unterstützern nicht leicht. Der israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir hat jetzt mit einem Video für Empörung gesorgt, in dem europäische Aktivisten gedemütigt werden.Die jetzige israelische Regierung ist eine Katastrophe. Die religiösen Zionisten in dieser Regierung haben sich seit dem 7. Oktober noch einmal brutalisiert.Seit dem Video werden in Europa wieder Forderungen laut, Sanktionen gegen Ben-Gvir zu verhängen. Deutschland hat sich solchen im vorigen Jahr schon einmal verweigert. Hätten Sie Verständnis, wenn das diesmal anders wäre?Ich habe keinerlei Sympathien für Ben-Gvir, und es ist eine Schande, dass Ministerpräsident Netanyahu ihn noch nicht entlassen hat. Aber für derartige Verhaltensweisen belegen wir andere Länder nicht gleich mit Sanktionen, und ich frage mich, warum der Ruf nach Sanktionen nur bei Israel auf dem Fusse folgt. Iranische Todesrichter konnten in Deutschland ungehindert ein und aus gehen und sich in hiesigen Kliniken ungestört behandeln lassen. Da war das menschenverachtende Verhalten Ben-Gvirs doch eine andere Nummer, so verurteilungswürdig es auch war.Das ist jetzt Whataboutism.Aber so ist es doch: Fragen, die uns bei anderen Ländern nicht interessieren, werden bei Israel umgehend tagespolitisch diskutiert. Das ist Aussenpolitik als Innenpolitik, hier werden Ressentiments bedient. Es gibt viele Konflikte mit besetzten Gebieten. Während wir wegen des israelischen Vorgehens in Westjordanland stets ein maximales Donnerwetter androhen, weil es angeblich zur Annexion führe, wird die von Marokko annektierte Westsahara in EU-Handelsabkommen als marokkanisches Staatseigentum behandelt. Marokko zieht da das volle Programm durch, aber uns juckt es einfach gar nicht.Passend zum Artikel
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Anklage gegen mutmassliche iranische Agenten: Sie sollen Mordanschläge geplant haben – auch gegen Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.










