Mohammed trägt ein Lacoste-Hemd, Jeans, Sneaker. Er sitzt in einem Café in Neukölln, das er kennt, weil er weiß, wo in diesem Kiez die Minze frisch ist, der Kaffee arabisch und das Misstrauen gegenüber Fremden vergleichsweise gering. Das hat er sich erarbeitet, Straße für Straße, Jahr für Jahr. 2015 kam er aus Afghanistan nach Berlin – jung, erschöpft, fremd. Er erzählt davon ohne Pathos, fast beiläufig, so wie man über etwas spricht, das hinter einem liegt und das man gleichzeitig nie ganz loswird.Am Anfang suchte er die Nähe derer, deren Sprache er verstand. Die eigene Community war Schutzraum, Übersetzungshilfe und Ersatzfamilie zugleich – in einem Land, dessen Bürokratie ihm zunächst als undurchdringliches System erschien. Wer neu ist, sucht zuerst die Menschen, die einem erklären, wo man sich anmeldet, welchen Bus man nimmt, wie das mit dem Amt funktioniert, wo man Arbeit findet und wo man nicht übers Ohr gehauen wird. Aber Mohammed begriff früh, was diese Sicherheit kostet: Man bleibt stehen, wenn man nur in ihr verharrt. Er wollte nicht nur Teil einer afghanischen Exilgemeinschaft sein. Er wollte Teil Berlins werden. „Ich wollte hier leben und mich einleben“, sagt er und nippt an seinem Kaffee.Er begann sofort mit den Deutschkursen, nicht nach Jahren. Er lernte Kasus und Konjunktive, die zwar im Kursraum steif klangen, draußen aber Schlüssel waren – zum Jobcenter, zum Chef, zur Vermieterin, zum Elternabend. Er arbeitete bei syrischen Gemüsehändlern, später in einer Bäckerei. Langsam kamen deutsche Freunde dazu, Menschen, mit denen er nicht nur über Afghanistan sprach, nicht nur über Krieg und Papiere, sondern über Fußball, Mieten und Arbeit. Im Kursraum hatte er Dinge beobachtet, die ihn beschäftigten: Landsleute, die der Lehrerin nicht die Hand gaben, die nicht mit einer Frau in einer Autoritätsrolle zurechtkamen. „Da wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir doch sind – aber auch, wie rückständig wir in vielem sind“, sagt er, ohne dabei die Stimme zu senken. Irgendwann lernte er seine zukünftige Frau kennen. Heute wartet er auf die deutsche Staatsbürgerschaft – nicht weil ein Pass Probleme löst, sondern weil er etwas besiegelt, dessen er sich selbst nie sicher glauben konnte: dass er nicht mehr nur angekommen ist, sondern bleibt.