Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr, kurz nachdem die Erde unbewohnbar geworden ist und die Menschen sich in alle Winde zerstreut haben. Nicht nur die Erde hat ihre besten Zeiten hinter sich, sondern auch das „Stardust Hotel“ in der Erdumlaufbahn, dessen Stern längst gesunken ist und das als Schatten seiner großen Vergangenheit vor sich hin dümpelt. Grandezza, das war einmal. Zukunft auch. Hier checkt kaum einer ein, etwa auf dem Weg zur großen Sause auf dem Mond. Die, die es sich leisten können, feiern weiter, irgendwo.Die Stimmung im Hotel: lähmend bis düster. Die Lage: hoffnungsbefreit. Vom Panoramafenster hinter der Bar sieht man den blauen Planeten, wie er einst war. Ehrfurchtgebietend in seiner Schönheit. Ein KI-Fake. Fällt das Bild aus, zeigt sich ein rot glühender Ball im Endzustand. Von viel Leben kann man im „Stardust Hotel“ aber auch nicht reden. In der Schleusenluke dümpelt der unwirsche Empfangsroboter Smartie (mit der Stimme von Detlev Buck) nölbereit vor sich hin, Dauergast Vero Sue (Sabine Vitua) sinniert an der Theke über Körperersatzteile, Technikexpertin Yakumi (Silke Sollfrank) spricht in einer unzugänglichen Kommunikationsart mit Helferlein-Leuchtkuben, den Trillians (Douglas Adams grüßt), Servicekraft Eks (Tomomi Themann) träumt davon, als Gesangsstar zu reüssieren.Hier betreiben auch Androiden HerzensbildungEinzig Concierge-Android Adam (David Brizzi) macht einen entschieden menschlichen Eindruck, was daran liegen mag, dass er Updates seiner KI konsequent verweigert und sich bei jeder Gelegenheit in die Bibliothek zurückzieht, wo er sich mit unersättlicher Neugier Bildung aneignet. Mit Büchern aus Papier! Zur Bildung, sogar zur Herzensbildung. Wovon träumen Androiden? Dieser hier, wird sich herausstellen, von der romantischen Liebe. Sowie davon, das Grandhotel wiederzubeleben und einen exzellenten Kundenservice anzubieten.Als Nia (Vanessa Loibl) auf der Bildfläche erscheint, scheint bald alles möglich, sogar die Zukunft. Oder Anhalter aus der Galaxis zum luxuriösen Zwischenstopp zu bewegen. Wobei die Reisegruppe „Kinder des Lichts“ sich als üble Seelenfängersekte entpuppen wird. Hedonismus beiseite, suchen ihre Angehörigen in Wirklichkeit Menschenopfer, denn die Menschheit in der „Near Future“-Dramedy „Stardust Hotel“ ist, nachdem sie die Zukunft mutwillig verspielt hat, wieder in voraufklärerischen Zeiten angekommen. Primitiver Kult scheint Erfolg versprechender als vernünftiges Handeln. Und wo, außer beim Androiden Adam, die kritische Aneignung kulturellen Wissens verschwunden ist, bekennt man sich zu blutigen und unblutigen Transaktionen.Unerschrocken greift Nia (Vanessa Loibl) in die altersschwache Technik des Stardust ein.SWR/Christine SchroederMan glaubt an die Traditionen der Traditionslosigkeit, meistens jedenfalls. In einer sehr komischen Folge mit viel Dialogwitz wollen die Gäste Bonzo (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) und Beatriz (Taneshia Abt) ein Hochzeits-Paket buchen. Dumm nur, dass niemand mehr weiß, wie man eine Hochzeit feiert und was sie bedeutet. Es gibt Gerüchte, Menschen hätten dies einst getan, wenn sie sich nichts mehr zu sagen hatten. Aber warum dafür ins Hotel, das kann man auch zu Hause haben. Freilich: Was eigentlich ist „zu Hause“?„Stardust Hotel“, mit sieben knapp halbstündigen Folgen, gehört zu den für die ARD-Mediathek ersonnenen Kurzserien, bei denen man sich kaum etwas erhofft und mehr als angenehm überrascht wird. Die Serie steckt, im positiven Sinn, voller Merkwürdigkeiten (Idee und Konzept Sebastian Egert, Headautorin Valentina Brüning, Episodenautoren Thomas Mielmann und Vivien Hoppe). Natürlich steht der Klassiker „Menschen im Hotel“ von Vicki Baum Pate, natürlich gibt es Felix-Krull-Anklänge, wird hochgestapelt und betrogen, gespielt und gepokert (sogar um das Hotel), bringen die seltsamen Gäste spezielles Flair herein.Von „Star Trek“-Vibes über „Traumschiff“-Banalitäten bis zur Raumschiffromantik wird Kultur banalisiert, zitiert und geklittert. Manches ändert sich, manches bleibt immer gleich, zum Beispiel, dass (viele) Männer sich am liebsten selbst reden hören. Wie bei Scarlett (Sara Fazilat) und Johann (Hendrik von Bültzingslöwen), die sich im Hotel zum unverbindlichen Date verabredet haben. Johann muss im „Mansplaining“-Modus erst noch durch Labern und Protzen in Stimmung kommen, was Scarlett maximal unsexy findet.Falsch bestellt wurde von Nia auch ein Roboter, der Frauen alle Wünsche erfüllt. Sie dachte an Putz- und Handwerksdienste. Getäuschte Erwartungen und Misskonzeptionen spielen überhaupt eine große Rolle. Immer wieder wartet die nächste Verwechslung. Nia ist Erbin des Hotels, nachdem der Onkel das Zeitliche gesegnet hat, was die Crew für die Rettung hält, besonders Adam, der fatalerweise alte Schinken über Gentlemenlikeness liest und sich verliebt. Nia aber will den „Stardust“-Schrotthaufen bloß aufhübschen und an den Magnaten John Miko (Roland Bonjour) verkaufen. Irgendwann taucht Nias „Evil Twin“ Pia auf und stiftet noch mehr Chaos.Das Ganze schaut sich unterhaltsam in einem Rutsch weg. Elsa van Damke, die mit Simon Ostermann Regie führt, hat mit der Superheldinnen-Serie „Angemessen Angry“ zuletzt gezeigt, wie man Stoffen einen witzigen frischen Dreh und einen eigenen Look gibt. Mit „Stardust Hotel“ haben die Beteiligten wieder ein Kleinod geschaffen.Stardust Hotel läuft in der ARD-Mediathek und am 12. Juni ab 22.30 Uhr bei One.