PfadnavigationHomeICONISTTrendsOsterfolge IslandEine Traumschiff-Folge wie ein Fiebertraum – Warum schaut das jemand an?Veröffentlicht am 13.04.2026Lesedauer: 5 MinutenBarbara Wussow und Collien Fernandes sollen in ihren Traumschiff-Rollen auf die Elfen achtenQuelle: Dirk Bartling/ZDF/dpaFantasy-Elemente, eine lesbische Altersliebe, eine angedeutete Neurodivergenz, der Sekunden-Auftritt eines Reality-Stars – die Osterfolge vom ZDF-„Traumschiff“ zieht alle Register. Trotzdem bleibt der Zuschauer ratlos zurück.Collien Fernandes läuft durch die Wälder Islands. Sie ist „Wasser holen“ gegangen, am Fluss, als wäre sie eine mittelalterliche Magd, hat dann aber nur ihre Iso-Trinkflasche ein bisschen befüllt. Auf dem Rückweg von dieser Mission verläuft sie sich, natürlich, aber hat Glück: Ein Elf taucht auf! Oder ein Magier? Ein Zauberer? Auf jeden Fall ein weiß gekleideter, hübscher Mann, der ihr den Weg weist. Dann gibt er ihr, und hier wird es angesichts der aktuellen Ereignisse wirklich prophetisch, noch diese Worte mit: „Es ist besser zu glauben, als zu zweifeln.“ Als sie sich noch einmal umdreht, ist er spurlos verschwunden. Sie sei wieder auf dem Weg dorthin, „wo die Welt noch in Ordnung ist“, postete Fernandes vor ein paar Tagen aus dem Flugzeug. Die Schauspielerin flog zurück zu „Traumschiff“-Dreharbeiten nach Vietnam, Fernandes spielt seit Ostern 2021 die Schiffsärztin Dr. Jessica Delgado. Sie sehnt sich in diesen Tagen wohl wie nie nach heiler Welt, ob vor oder hinter der Kamera, und spürt damit das, was seit jeher als Hauptrezeptionsmotiv der „Traumschiff“-Zuschauer gilt: grenzenlosen Eskapismus, Alltagsflucht in eine Welt, in der jeder Konflikt sich zuverlässig nach 90 Minuten in wohlstes Wohlgefallen auflöst. Das Traumschiff ist ein schwimmendes Versprechen, dass alles irgendwie gut wird. Selbst dann, wenn es vorher ziemlich bemüht schlecht gemacht wurde.Die Osterfolge nimmt das Publikum nun also nach Island mit, und wer länger kein „Traumschiff“ geschaut hat (wie die Autorin dieses Texts), muss sich schon zu Beginn kurz wundern: Ist das Traumschiff etwa gar nicht mehr die gediegene „MS Deutschland“? Warum ist das Logo türkis-gelb, das ganze Schiff ein bisschen weniger elegant als das schwimmende Grandhotel, als das die „Deutschland“ bekannt war? Schaut man nicht auch „Traumschiff“, weil sich hier verlässlich nie etwas ändert? Für alle also, die ebenfalls nicht auf dem neuesten Stand sind: Schon seit 2015 ist das Traumschiff die „MS Amadea“ von Phoenix Reisen. Man wird dies auch nie wieder vergessen, so oft wird das Schiff samt Namen und allen Logos von oben, unten und hinten abgefilmt. Am 20. April startet die nächste Reise mit Dreharbeiten an Bord. Es geht von Malé über Kapstadt nach Las Palmas zum Preis von 1500 Euro.Für die Passagiere Dominik und Nikolaus geht es nach Island, beim Einchecken an einem Mini-Counter vor dem Schiff, vor dem niemand sonst wartet, erzählen sie Barbara Wussow direkt und ungefragt ihre Lebens- und Reisegeschichten, damit der Zuschauer versteht, worum es nun gehen wird. Warum allerdings Familienvater Dominik ohne seine Frau und seine drei Kinder alleine eine Kreuzfahrt macht, wird nicht so richtig glaubwürdig erklärt, es muss aber für die Geschichte so sein. Er trifft auf dem Schiff nämlich seinen Halbbruder Nikolaus, von dem er nie etwas wusste, und der sich so verhält wie jemand, über den im Drehbuch steht: Zeigt Züge, die man eventuell dem Autismusspektrum zuordnen könnte. „Komischer Vogel“, fasst Dominik es dann wie ein ZDF-Zuschauer zusammen, am Ende werden die Verhaltensweisen (Nikolaus versteht keine Ironie, nimmt alles wörtlich, ist körperlich eher zurückhaltend und so weiter) aber nie eingeordnet oder aufgeklärt. Auch bleibt offen, wie so ein Schiff mit nur vier Crewmitgliedern auskommt, die den ganzen Tag gemeinsam umherschlendern: Kapitän Max Parger (Florian Silbereisen), sein Staff-Kapitän Martin Grimm, besagte Schiffsärztin und die Hoteldirektorin Barbara Wussow als Hanna Liebhold. Der Kapitän drückt ab und zu mal einen Knopf, seine wichtigste Tat: die Durchsage über das Reiseziel. Fernweh wecken und gleichzeitig stillen, eine weitere Superpower vom Traumschiff. Im Fall von Island gelingt das mit zahlreichen Drohnenaufnahmen von Quellen und Vulkanen. Außerdem müssen die Schiffsärztin und die Hoteldirektorin eine Wanderung unternehmen, damit man noch ein paar Felder und Wiesen abdrehen kann. Und erstmals eine Art Fantasy-Storyline einbauen, mit dem Waldmenschen, der der Schiffsärztin den Weg weist und einen Bernstein in ihren Rucksack zaubert. Ja, auch das Traumschiff spürt den Quotendruck, und „Herr der Ringe“ war doch schließlich auch so erfolgreich! Zwei Trümpfe hat die Folge aber noch: die lesbische Liebe zwischen Saskia Vester und Michaela May, die zwei Frauen spielen, die sich vierzig Jahre nicht gesehen haben, aber nach einem Treffen auf Mays isländischem Pferdehof und zwei Küssen sofort ein gemeinsames Restleben starten. Denn als Vester noch zweifelnd an Bord aufs Meer blickt, schlendert mal wieder der Staff-Kapitän vorbei, den sie im Vorbeigehen fragt: „Entschuldigung, wann kann man sein Leben neu anfangen?“ Er hat natürlich direkt weise Worte parat, sodass Saskia Vester nur mit ihrem Bordgepäck direkt nach Island auswandert und das Schiff verlässt. Das also als Inspiration für alle Zuschauer Ü60, aber da man ja auch junge Zielgruppen erreichen will, hat man groß angekündigt, Reality-Star Evelyn Burdecki (Bachelor, Dschungelcamp, Promi Big Brother) als Gastrolle zu buchen. Diese ist aber dann wiederum so klein, dass man den Auftritt komplett verpasst, wenn man blinzelt. Burdecki spielt wohl eine Art Kosmetikerin oder Boutiquenbesitzerin, man muss es ja mit dem Mut zum Ungewöhnlichen nicht übertreiben. Zwischen vier und fünf Millionen Menschen schauen regelmäßig das „Traumschiff“, stören sich nicht an gestelzten Dialogen und unrealistischen Handlungssträngen, die schon immer Konzept sind. Vielleicht ist es genau dieser Moment im isländischen Wald, der erklärt, warum das „Traumschiff“ bis heute funktioniert: weil Millionen Zuschauer bereit sind, lieber zu glauben als zu zweifeln.