Am Samstag war Roger Kusch von seinem Verein Sterbehilfe im Streit als Vorsitzender abgewählt worden, am Donnerstag verstarb er. Seinen Tod vermeldete nun der Verein im Internet. In der Meldung heißt es, man verliere mit Kusch eine Persönlichkeit, die die Arbeit und die öffentliche Wahrnehmung des Themas Sterbehilfe über viele Jahre maßgeblich geprägt habe. Kusch habe wichtige Impulse gesetzt und die Diskussion um Selbstbestimmung und Würde am Lebensende in Gesellschaft und Rechtspolitik nachhaltig beeinflusst. Sein Wirken sei auch von „kontrovers geführten öffentlichen Debatten“ begleitet worden, doch diese änderten nichts an der Würdigung seines grundsätzlichen Engagements.Der studierte Jurist wurde 2001 Justizsenator in Hamburg unter dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust (CDU), es war die turbulente Zeit einer Koalition aus CDU, Ronald Schills „Partei Rechtsstaatliche Offensive“ (PRO) und FDP. Schon nach kurzer Zeit platzte das Bündnis, die CDU errang in der Folge eine absolute Mehrheit. Kusch trat eine zweite Amtszeit als Senator an, doch aufgrund wiederholter Alleingänge stand er in der Kritik, hatte in der CDU wenig Rückhalt.Nach seiner Entlassung 2006 – Kuschs Behörde hatte Unterlagen eines Untersuchungsausschusses weitergegeben – gründete Kusch eine neue Partei, „Rechte Mitte Heimat Hamburg“, die er rechts der in Hamburg ohnehin relativ konservativen CDU verortete. Doch die Partei erhielt bei der folgenden Bürgerschaftswahl nur 0,5 Prozent. Kusch verschwand danach aus der Hamburger Politik.Kusch scheiterte in der Politik und widmete sich der SterbehilfeFortan widmete er sich seinem Lebensthema, der Sterbehilfe. 2008 stellte er einen umstrittenen Sterbehilfe-Automaten vor, der per Knopfdruck tödliche Mittel injizieren sollte. Zum Einsatz kam er nicht. Das Vorhaben trug Kusch in der Presse aber den Spitznamen „Dr. Tod“ ein. Fortan unterstützte und beriet er Menschen beim Sterbewunsch, durch Beratung und Beschaffung von Medikamenten etwa. Das begründete er mit der Angst der Menschen, als Pflegefall langsam zu sterben, und nahm Aussagen von ihnen dazu auf Video auf.Aber nicht nur unheilbar Kranke nahmen seine Dienste in Anspruch, sondern auch solche, die sich etwa vor dem Alter fürchteten, die einsam oder die psychisch krank waren. Immer wieder wurde Kusch deswegen scharf kritisiert. Ebenso dafür, dass er aus dem Wunsch der Menschen zu sterben ein Geschäft machte.Die aktive Hilfe zum Suizid bezeichnete er als Beitrag zum Selbstbestimmungsrecht des Menschen am Lebensende, um die Art und den Zeitpunkt des Todes bewusst herbeizuführen. Die Suizidhilfe wurde ihm in Deutschland gerichtlich verboten. Eine Anklage gegen ihn wegen Totschlags ließ ein Hamburger Gericht zwar nicht zu. Doch 2015 verbot der Bundestag die geschäftsmäßige Sterbehilfe.Kusch war über den Schweizer Vereinssitz weiter aktiv. 2020 dann entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das allgemeine Persönlichkeitsrecht auch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst. Und dass hierfür Hilfe von Dritten in Anspruch genommen werden kann. Geschäftsmäßige Hilfe zum Suizid ist seitdem nicht mehr strafbar. Die Mitgliedszahlen in Kuschs Verein in Deutschland stiegen danach deutlich. Laut dem Verein hat dieser in den vergangenen 15 Jahren mehr als 10.000 Mitglieder unterstützt und mehr als 1200 „auf ihrem letzten Weg begleitet“.In dem Verein, der seinen Sitz in Zürich und Hamburg hat, gab es laut Berichten seit Monaten Streit zwischen Kusch und dem Vorstand. Von Untreuevorwürfen ist demnach einerseits die Rede, andererseits von Streit über den Umgang mit einer dementen Frau, die an einem Suizid interessiert sei. Nach seiner Abwahl bei der Versammlung des Vereins am Wochenende soll Kusch den Ort wortlos verlassen haben.Wie das „Hamburger Abendblatt“ berichtet, wurde er am Donnerstagmorgen dann leblos im Keller seines Wohnhauses im Hamburger Stadtteil St. Georg aufgefunden. Demnach soll er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt haben. In seiner Wohnung sollen leere Packungen von Substanzen gefunden worden sein, die in der aktiven Sterbehilfe Anwendung finden. Kusch wurde 71 Jahre alt.
Roger Kusch tot: Sterbehilfe war sein Lebensthema
Von der Spitze seines Sterbehilfe-Vereins wurde Roger Kusch im Streit abgewählt. Kurz danach wurde der frühere Hamburger Justizsenator tot aufgefunden.






