PfadnavigationHomeKulturFilmfest und der Fall BolloréIn Cannes herrscht KriegStand: 11:25 UhrLesedauer: 5 MinutenPatriotismus für 100 Millionen Euro: „La Bataille de Gaulle“ Quelle: Festival de Cannes 2026In Cannes tobt der Kampf um die französische Kultur. Gleich vier Kriegsfilme nehmen sich der Sache an. Die finstere Botschaft: Der Feind kommt aus den eigenen Reihen – auch heute noch droht er mit schwarzen Listen.Am 27. Mai 1943 fand in Paris ein geheimes Treffen der verschiedenen Widerstandsgruppen gegen die deutsche Besatzung statt. In dem Film „Moulin“ sieht man Männer an einem langen Tisch sitzen. An der Stirnseite steht ein Mann Mitte vierzig, ein grauer, unauffälliger Typ, und er schwört das Gremium auf eine gemeinsame Linie ein, die er vom Chef der französischen Exilregierung in London, General de Gaulle, mitgebracht hat.Es ist die Geburtsstunde der Résistance, und „Moulin“ ist, mehr als acht Jahrzehnte nach dem Treffen, der erste Kinofilm über Jean Moulin, den größten französischen Helden des 20. Jahrhunderts. Das Weltkriegsdrama hatte bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere – wo hinter den Kulissen ein ganz anderer Krieg tobt, der um die Vorherrschaft in der französischen Kultur.Lesen Sie auch„Moulin“ steht im Programm von Cannes nicht allein. Es gibt nicht weniger als vier Filme über die Besatzungszeit, aber in keinem spielen die deutschen Besatzer die Hauptrolle, sondern in allen geht es um die französische Seele, um Widerstand – oder Kollaboration. Dieser Widerstreit ist das Hauptthema von Daniel Auteuils „La troisième nuit“, der in Lyon spielt, das zwar nicht deutsch besetzt ist, aber den Befehlen des kollaborierenden Vichy-Regimes untersteht. Einer der Befehle lautet, jüdische Flüchtlinge in ein Lager einzuweisen, von dem sie später abtransportiert werden sollen. Und damit beginnt das Tauziehen zwischen den Spitzen der Verwaltung, die sich anpassen und darauf berufen, dass sie „nur Befehle ausführen“, und einigen Mutigen, die sich diesen Befehlen widersetzen.Auch Emmanuel Marres „Notre Salut“ ist eine Geschichte der Anpassung. Ein Ingenieur bringt ein selbstverfasstes Manifest namens „Unsere Rettung“ nach Vichy, in dem er seine patriotischen Überzeugungen und seine „Effizienz über alles“-Methoden ausführt; die Schrift soll seine Eintrittskarte in die neue faschistische Ordnung sein.Und schließlich bietet Cannes noch eine weitere, fünfstündige Heldengeschichte: „La Bataille de Gaulle“ schildert, wie aus einem unbekannten Brigadegeneral im Londoner Exil der Führer des Freien Frankreich wurde, ein Blockbuster à la française in zwei Teilen, der bis zu 100 Millionen Euro gekostet haben soll.Lesen Sie auchDie erstaunlichste dieser Heldengeschichten ist „Moulin“, inszeniert von dem Ungarn László Names, der mit dem Holocaust-Drama „Son of Saul“ bekannt wurde, und sein neuer Film ist von der gleichen Sepia-Düsternis geprägt wie „Saul“. Gilles Lellouche in der Titelrolle tut praktisch nichts, redet praktisch nicht. Darin besteht sein Heldentum, denn er fällt in die Hände von Klaus Barbie, dem deutschen Gestapo-Chef, genannt der „Schlächter von Lyon“, der aus ihm Informationen herauspressen will, mit den brutalsten Foltermethoden. Lars Eidinger spielt den Barbie wie einst Christoph Waltz den SS-Offizier in „Inglourious Basterds“ in einer Mischung aus Intelligenz und Grausamkeit.Und doch stiehlt Eidinger Lellouche nicht die Schau, überstrahlt das Schmerzzufügen nicht das Leiden. „Moulin“ ist das Kernstück der Selbstvergewisserung einer Nation an einem Scheideweg. Wir befinden uns am Ende der Weltordnung, die uns seit 1945 Stabilität verliehen hat, das Gleichgewicht der Mächte ist zusammengebrochen und die Gewissheit moralischer Maßstäbe erodiert. Was „Moulin“ stumm beschwört, sind die ehernen Grundsätze der französischen Republik, das „liberté, fraternité, egalité“, und Daniel Auteuil als Priester in „La troisième nuit“ und Simon Abkarian als de Gaulle tun nichts anderes, nur mit wesentlich mehr Worten.Nicht nur die Welt-, sondern auch die französische Filmordnung stehen vor gravierenden Veränderungen. Man kann das live in den Kinos des Festivals miterleben: Wann immer in Vorspännen von Filmen der Name Canal+ auftaucht, wird er von Buhrufen aus dem Publikum begleitet. Das wäre im vorigen Jahr noch undenkbar gewesen, denn Canal+ (unter dem Logo steht stolz „Le premier partenaire de la création cinématographique en France“) ist einer der wichtigsten Financiers des französischen Kinos.Lesen Sie auchLesen Sie auchCanal+, der erste und größte Bezahlsender in Frankreich, wird von dem Milliardär Vincent Bolloré kontrolliert, dem auch wichtige Zeitungen („Le Journal du Dimanche“) und Verlage (Hachette) und weitere Medienunternehmen (Vivendi) gehören. Bolloré wird als Rechtskatholik bezeichnet. Er setzt sich für die Förderung christlicher Werte, die Zurückdrängung des Islam, eine restriktive Migrationspolitik und deutliche Kürzungen der Staatsausgaben ein.Der Medienmogul ermöglichte 2022 maßgeblich die Präsidentschaftskandidatur des Rechtsextremen Éric Zemmour, im Parlamentswahlkampf 2024 untersagte Bolloré den von ihm kontrollierten Medien, die Le-Pen-Partei Rassemblement National als rechtsextrem zu bezeichnen.Canal+, das wurde während des Festivals bekannt, plant die Übernahme der Kinokette UGC, der unter anderem das Ciné Cité Les Halles in Paris gehört, das größte Kino Europas. Sollte der Handel zustande kommen, hätten Canal+ und seine Tochtergesellschaft StudioCanal in jeder Phase der Filmproduktion – von der Vorfinanzierung über die Besetzung und den Kinostart bis hin zur Fernsehausstrahlung – starken Einfluss. Es wäre das erste Mal in der französischen Filmgeschichte, dass ein Konzern so viel Macht besäße. StudioCanal wäre in der Lage, alle anderen zu verdrängen.Lesen Sie auchDie UGC-Übernahme hat die Filmszene alarmiert. Die Regisseursgilde warnte vor der Zunahme der Macht großer Konzerne. Der Verband unabhängiger Filmemacher befürchtet einen Rückgang filmischer Vielfalt. Vor vier Jahren, so das Enthüllungsblatt „Le Canard enchainé“, habe Bolloré Passagen der Serie „Paris Police 1905“, die sich mit der katholischen Kirche, Homosexualität und dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat befassten, zensieren lassen.Die Zeitung „Libération“ veröffentlichte als Reaktion auf den UGC-Plan einen Protest von 600 französischen Filmschaffenden, unter ihnen die Stars Juliette Binoche und Adèle Haenel; inzwischen haben 2000 unterschrieben. Vom Filmfestival in Cannes aus reagierte Canal+-Chef Maxime Saada auf die Petition, und die Reaktion klang extrem: „Ich möchte nicht länger mit den Unterzeichnern dieser Petition zusammenarbeiten.“ Das klingt nach schwarzer Liste.