«Keine Lust, mit Leuten zu arbeiten, die mich als Kryptofaschisten bezeichnen» – der Streit um Vincent Bollorés Einfluss auf die Filmszene eskaliertJuliette Binoche und andere Filmschaffende haben vor dem Festival eine Petition gegen den rechten Medienunternehmer lanciert. Der droht mit Geldentzug. Nun schalten sich Politiker und die staatliche Medienaufsicht ein.21.05.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Wollen wir das Risiko in Kauf nehmen, dass morgen nur noch Propagandafilme finanziert werden?» – Juliette Binoche am Filmfestival in Cannes, 19. Mai 2026.Sebastien Nogier / EPABuhrufe im Kinosaal, Aufrufe zum Widerstand und ein Milliardär, der die Rolle des Superbösewichts spielt: Am Festival in Cannes gibt es derzeit nicht nur Filme zu sehen, sondern reales politisches Drama. Glaubt man Schauspielerinnen wie Juliette Binoche, droht eine Katastrophe, vom Ende der Meinungsfreiheit bis zum Anfang eines neuen Faschismus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Zentrum des Spektakels steht, obwohl physisch abwesend, Vincent Bolloré. Der streng katholische, schwerreiche französische Unternehmer hat ein Medienimperium aufgebaut, er besitzt Zeitungen und Verlagshäuser wie Hachette. Vor allem kontrolliert er Kanäle wie Canal+, Europe 1 und CNews, den erfolgreichsten Sender Frankreichs. Dieser macht vor allem mit Radau aus der rechten Ecke von sich reden, ganz im Sinne des Patrons, der dem Rassemblement national von Marine Le Pen den Weg zur Macht ebnen will.Vincent Bolloré, MedienunternehmerGetty«Uniformierung des Films»Mit seiner Haltung und seinem selbstherrlichen Gebaren hat sich Bolloré viele Feinde gemacht. Erst Mitte April haben rund 200 Schriftsteller gegen seinen Einfluss protestiert und den von ihm kontrollierten Verlag Grasset verlassen. Unter ihnen Virginie Despentes, Pascal Bruckner und Frédéric Beigbeder. Sie warfen dem Medienmogul vor, er führe einen «ideologischen Krieg» und wolle sein autoritäres Gedankengut in der Kultur verbreiten, nachdem er einen beliebten Verleger entlassen hatte. Bolloré tat das als Geschwätz einer abgehobenen Kaste ab.Ein ähnliches Szenario spielt sich jetzt in der Filmbranche ab, allerdings fällt Bollorés Reaktion diesmal weniger souverän aus. Angefangen hat der Machtkampf mit einer Petition, die ein Kollektiv mit dem Titel «Zapper Bolloré» – sinngemäss: Bolloré wegzappen – am 11. Mai in der linken Zeitung «Libération» veröffentlichte, vor der Eröffnung des Filmfestivals in Cannes.Die anfänglich rund 600 Unterzeichner, darunter Juliette Binoche, Raymond Depardon und Adèle Haenel, protestieren gegen die geplante Übernahme des Medienkonzerns UGC durch Bolloré. Die UGC besitzt 55 Kinos in Frankreich und Belgien, darunter das Les Halles in Paris mit jährlich 2,5 Millionen Besuchern. Zudem ist sie in der Film- und Medienproduktion tätig. Bereits im letzten Herbst hat Bolloré via Canal+ 34 Prozent des Konzerns übernommen, bis 2028 sollen es 100 sein.Mit diesem Kauf, so schreiben die Filmschaffenden in ihrem offenen Brief in der «Libération», wolle Bolloré die gesamte Filmproduktion kontrollieren, vom Anfang bis zur Premiere, «auf kleinen und grossen Leinwänden». Da hinter der Fassade des Geschäftsmanns ein reaktionärer und rechtsextremer Geist lauere, drohe nicht weniger als eine «Uniformierung des Films». Und eine «faschistische Kontrolle über die kollektive Vorstellungskraft».Noch sei Bollorés Einfluss auf das Kino «diskret», aber man solle sich keine Illusionen machen, das werde sich ändern. «Wollen wir das Risiko in Kauf nehmen, dass morgen nur noch Propagandafilme im Dienst einer Ideologie finanziert werden?», fragen Binoche und ihre Mitstreiter. Ihr Pamphlet schliesst mit der pathetischen Aufforderung, sich dem Kampf gegen die extreme Rechte im Filmbusiness anzuschliessen.Entfernt man die rhetorischen Faschismus-Girlanden, sind die Sorgen über Bollorés wachsenden Einfluss nachvollziehbar. Sein Sender Canal+ gehört schon heute zu den wichtigsten Filmförderern im Land. 2025 investierte Canal+ gemäss einem Bericht der Zeitung «Le Figaro» über 163 Millionen Euro in französische Filme. Von 214 Filmen erhielten 68 Prozent Geld aus Bollorés Medienimperium. Über 27 Prozent der Filmkosten werden von staatlichen Stellen getragen.Bollorés irritierende ReaktionZunächst sorgte das Anti-Bolloré-Pamphlet aus der Filmszene nicht für übermässigen Wirbel. Schliesslich gehören Warnungen vor einer rechtsextremen Machtübernahme in Frankreich zum politischen Alltag, besonders im linken Milieu, das in der Kultur und in den Medien trotz allen Bollorés viel Gewicht hat. Für konservative Publizisten wie Alexandre Devecchio sind Juliette Binoche nichts weiter als «Rebellokraten» und Repräsentanten einer «künstlich am Leben erhaltenen Kultur», die gern Subventionen kassieren und gewöhnliche Franzosen in ihren Filmen am liebsten als Dumpfbacken und Rassisten darstellen.Vielleicht lag die anfängliche Ruhe auch daran, dass von einer Kaperung der Kinoleinwände durch rechte Propagandisten bisher kaum die Rede sein kann, wie die Petitionäre in ihrem offenen Brief selber einräumen. Erst die Reaktion des Bolloré-Imperiums verschaffte dem Anti-Bolloré-Kollektiv die ersehnte Wirkung.Am Sonntag kündigte Maxime Saada, der Direktor von Bollorés Sender Canal+, bei einem Auftritt am Filmfestival in Cannes nämlich an, er werde die Zusammenarbeit mit allen beenden, welche den Aufruf in der «Libération» unterschrieben hätten. Denn er habe «keine Lust, mit Leuten zu arbeiten, die mich als Kryptofaschisten bezeichnen». Die Petition sei auch eine Ungerechtigkeit gegenüber all jenen, die sich bei Canal+ für Unabhängigkeit, Diversität und freie Programmwahl einsetzten.Kulturministerin wünscht sich «Vernunft und Dialog»Seit Saadas Auftritt ist Bolloré in Cannes das Thema Nummer eins. Die «versammelte französische Filmwelt», so behauptete die «Libération» am Montag, leide unter einem Kater, und sie habe nur noch ein Wort im Mund: «Canal». Erscheint das Logo des Senders auf der Leinwand, sind Pfiffe und Buhrufe jedenfalls schon fast garantiert. Selbst in bürgerlichen Medien ist von unerhörten Druck- und Drohversuchen zu lesen. Linke Kommentatoren sehen bereits einen neuen McCarthyismus am Werk, mit schwarzen Listen und Berufsverboten, wie im Kalten Krieg. Es könne doch nicht sein, dass man Angst vor einer Entlassung haben müsse, wenn man öffentlich seine Beunruhigung kundtue, sagte Schauspielerin Adèle Exarchopoulos.Die Aufregung ist so gross, dass sich die staatliche Medienaufsicht und Politiker eingeschaltet haben. Canal+ und die Bolloré-Gegner müssten miteinander reden, sagte Martin Ajdari, Präsident der Regulierungsbehörde Arcom. «Das Kino braucht Canal+, und Canal+ braucht das Kino.» Kulturministerin Catherine Pégard bedauerte die «unverhältnismässige» Reaktion des Hauses Bolloré auf die «sehr realen Bedenken» der Petitionäre. Nun hoffe sie, dass statt Drohungen wieder «Vernunft und Dialog» zählten.Die Zeichen stehen jedoch eher auf Konfrontation. Allein bis Dienstagabend haben 1800 weitere Persönlichkeiten die Petition gegen Vincent Bolloré unterschrieben.Passend zum Artikel