Wenn die Berliner Bürger an diesem Donnerstag über die Pläne ihrer Stadt richten, sich für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 zu bewerben, dürften die meisten dies eher am Rande bemerken. Luden die nationalen Mitbewerber in München und Rhein-Ruhr rund um ihre Referenden zu großen Empfängen, wo sie unerwartet hohe Zustimmung aus der Bevölkerung bejubelten; strahlten die Kölner gar ihre Rheinbrücke in Olympiafarben an, versteckt sich das Berliner Vorhaben in der Tagesordnung für die kommende Sitzung des Abgeordnetenhauses, Punkt drei, Drucksachen 19/3232, 19/2962 und 19/2962-1.Das liegt freilich daran, dass das Berliner Referendum gar kein echtes Referendum ist. Für einen solchen Volksentscheid fordert die Landesverfassung ein mindestens zweijähriges Verfahren, aus der Mitte der Bevölkerung heraus, und das alles ist so herzhaft berlinerisch verwinkelt, dass am Ende im Zweifel nicht mal abgestimmt werden könnte. In Berlin treten am Donnerstag also die Volksvertreter als, nun ja, Vertreter der Bürger an: Die Abgeordneten des Landesparlaments sollen beschließen, dass die Hauptstadt samt Partnerregionen offiziell einsteigt in jenes nationale Wettrennen, das Ende September den deutschen Kandidaten für die künftigen Sommerspiele ermitteln soll. Und sollte das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Berlinern die Spiele irgendwann zusprechen, hätten sie auch schimmernde Brücken im Angebot, wie die Macher zuletzt enthüllten: Ein goldener Fußgängersteg soll dann empor zum Brandenburger Tor führen.Berlins Olympia-Bewerbung:So alt sah die Zukunft noch nie aus100 Jahre nach den NS-Spielen: Deutschlands Hauptstadt will sich um Olympia ab 2036 bewerben – unter anderem mit einer kindlichen Ringelreih-Idee.Wann und wie das IOC die Spiele ab 2036 vergibt, ist aktuell allerdings so schwer zu greifen, wie es Berlins Olympiapläne lange waren. Just die Hauptstadt hatte es schwer, in den Mittelpunkt des Olympiawettstreits im eigenen Land zu rücken. Andererseits trugen die Berliner schon auch selbst Schuld daran, und jetzt, da das nationale Rennen in die heiße Phase eintaucht, sind weiter viele Fragen offen – auch jene, wie deutlich die Volksvertreter jetzt überhaupt dem Berliner Olympiakonzept zustimmen werden.Kaweh Niroomand, der Beauftragte der Berliner Olympiabewerbung, war bis zuletzt jedenfalls gut damit beschäftigt, dem Abgesang auf sein Konzept entgegenzutreten. Der kreiste vor allem um die Pläne der Berliner Olympiaopposition, „Nolympia Berlin“. Bis zum Oktober dieses Jahres will diese 20 000 Unterschriften sammeln, das dürfte sie auch schaffen; so wie die Befürworter zuletzt 20 000 Unterschriften gesammelt hatten, die das aktuelle Votum im Abgeordnetenhaus herbeiführten. Die Gegner wollen ihr Verfahren allerdings weitertreiben, sie wollen einen Volksentscheid auslösen, mit einer Bürgermehrheit gegen die Spiele – und das frühestens im Jahr 2027, lange nachdem der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seinen nationalen Bewerber gekürt hat.„Berlin gewinnt mit Olympia“: Hier posiert Kaweh Niroomand (rechts) mit der ehemaligen Leichtathletin Heike Drechsler und dem ehemaligen Kanuten Ronald Rauhe beim Istaf Indoor. Tilo Wiedensohler/camera4+/ImagoKleiner Haken: Um einen solchen Volksentscheid zu ermöglichen, müssten die Gegner in einer zweiten Runde mindestens 175 000 Unterschriften sammeln. „Da bezweifle ich sehr, dass die zusammenkommen“, sagte Kaweh Niroomand kürzlich der tageszeitung: „Und selbst wenn, dann wird es keine Mehrheit bei einem Volksentscheid geben.“ Zumindest im Fall der 175 000 Unterschriften sind Niroomands Zweifel nicht ganz unberechtigt: Die Initiatoren – in dem Fall ein Bündnis aus Linkspartei, Grünen und Naturschützern – müssten diese bei Bürgern handschriftlich einholen, Geburtsdatum und Anschrift inklusive. Dass die Berliner Ämter dies außerordentlich gewissenhaft prüfen, erfuhren zuletzt die Olympiabefürworter, die für ihre Initiative mit großer Mühe knapp 28 000 Signaturen zusammenbekamen, aber eben nicht „8000 mehr als erforderlich“, wie der DOSB jetzt schrieb. Tatsächlich waren 5214 dieser Stimmen ungültig und 999 „ungeprüft“, hielt das Berliner Abgeordnetenhaus fest.Das ist also eine These der Berliner Bewerbung: dass das Risiko, das von den Gegnern ausgeht, viel kleiner sei als gedacht. Überdies würden fast alle Wettkampfstätten bereits existieren, „wir können quasi morgen die Spiele ausrichten“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner zuletzt. Das wäre allerdings ungünstig vor allem für Turner und Basketballer, die in einer Multifunktionsarena des Basketball-Bundesligisten Alba Berlin beheimatet wären – diese Halle soll Anfang der 2030er-Jahre fertig sein. Auch stünde quasi morgen noch kein olympisches Dorf parat. Aber so ist das wohl im olympischen Städtewahlkampf. Dann heißt es auf Plakaten der Berliner Bewerbungskampagne auch schon mal: „Klar kann man Olympia woanders machen. Wird dann halt öde.“ Oder Kaweh Niroomand adressierte Ende April den wohl stärksten nationalen Mitbewerber so: „München ist bürgerlich, gesittet und eine ordentliche Stadt – aber nur mit einem internationalen Ereignis, dem Oktoberfest. Berlin hingegen ist 365 Tage im Jahr international. Viele IOC-Mitglieder kennen nur Berlin.“Berlins Bewerber lästern über München, Kölns Oberbürgermeister über BerlinDas war insofern beachtlich, als Niroomand kurz darauf betonte, dass der DOSB den Bewerbern diktiere, „sich nicht übereinander zu äußern“. Genau das habe aber die Konkurrenz aus Rhein-Ruhr gewagt, als Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester Berlin kürzlich als quasi unmöglichen Kandidaten porträtierte, wegen der Referendumspläne der Berliner Olympiagegner.Interessant ist das in jedem Fall schon: dass der DOSB seine Olympiaregion am letzten Septemberwochenende kürt – just eine Woche, nachdem die Berliner ihr neues Abgeordnetenhaus gewählt haben werden. Und sollten dabei Linke und Grüne triumphieren, wie es die Umfragen derzeit nahelegen, hätte eine deutsche Olympiabewerbung aus Berlin just in der eigenen Stadt die wohl größte Opposition. „Wirre Event-Träume und verschleierte Kosten“, so rezensierten die Linken vor Kurzem das Berliner Olympiakonzept. Die Planer würden Kosten für Sicherheit und Sportstättensanierung in Nebenbudgets schieben, während Berlins Infrastruktur schon jetzt zerfalle.Tatsächlich soll der Olympiabeschluss im Abgeordnetenhaus zumindest das Vorhaben verankern, mit der Bewerbung ein tägliches Sportangebot in Berlins Schulen zu schaffen und weitere Sportstätten zu sanieren. Und doch könnte das Votum am Donnerstag eher knapp ausfallen. Zwar stellen CDU und SPD gerade so die Mehrheit der 159 Abgeordneten, und eine solche braucht es, um die Berliner Bewerbung am Leben zu halten. Sollten die Fraktionen aber geschlossen abstimmen, dürften Linke und Grünen wohl en bloc dagegen votieren. Ein positives Ergebnis würde in jedem Fall nur halb so viele Zähler in der Bewertungsmatrix bringen, mit der der DOSB die vier Bewerber bepunktet, denn der Dachverband wertet Bürgerbefragungen wie in München, Rhein-Ruhr und Hamburg (31. Mai) als wertvoller.Zwar verweisen sie in Berlin darauf, dass die DOSB-Matrix die internationale Strahlkraft wiederum höher bewerte. Doch das bindende Votum in der Sache haben Ende September wohl die olympischen Fachverbände im DOSB – und die sind gar nicht an die Bewertungsmatrix gebunden. Was sich bis dahin im politischen Berlin tut, werden einige indes weiter beobachten, nicht nur an diesem Donnerstag.
Deutsche Olympiabewerbung: München will, Rhein-Ruhr will. Und Berlin?
Die Hauptstadt sieht sich als einzig logischer deutscher Bewerber für Olympische Sommerspiele. Aber welche Chancen hat Berlin überhaupt?










