Im Wettlauf um den Zuschlag für Olympische und Paralympische Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 biegen die vier deutschen Kandidaten auf die Zielgerade ein: Bis zum 4. Juni müssen die Millionenstädte Berlin, Hamburg, München und Köln als zentrale Austragungsorte ihre Unterlagen beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) einreichen, danach werden die Konzepte ausgewertet und am 26. September in Baden-Baden bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zur Abstimmung vorgelegt. Der Sieger wird dann beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ins Rennen geschickt.Auf nationaler Ebene liegt München derzeit vorn, zumindest in organisatorischer Hinsicht: Die Stadt hat ihr überarbeitetes Bewerbungskonzept bereits fertig und wird es am 20. Mai der Vollversammlung des Stadtrats zur Zustimmung vorlegen. Wie ist derzeit an den vier Austragungsorten der Stand der Dinge? Ein Vergleich der Kandidaten anhand der wichtigsten Kriterien – Zustimmung der Bevölkerung, Sportstättenkonzept und Kostenkalkulation.MünchenEin Visualisierung der Landeshauptstadt München zeigt beispielhaft, wie die Umsetzung der Olympischen und Parlympischen Spiele im Olympiapark aussehen könnte. Landeshauptstadt MünchenDer Bürgerentscheid: München hat seine Einwohner als erster Kandidat abstimmen lassen, bereits am 26. Oktober 2025. Das Votum ergab eine selbst für optimistische Befürworter überraschend hohe Zustimmung von 66,33 Prozent.Das Sportstätten-Konzept: München setzt weitgehend auf bewährte Anlagen von 1972, plant zudem mit temporären Bauten im Olympiapark, auf dem Messegelände und auf der Theresienwiese. Die soll mit Beachvolleyball bespielt werden, ohne das nur wenig später stattfindende Oktoberfest zu beeinträchtigen. Wie 1972 sollen Kanu- und Segelwettbewerbe außerhalb ausgetragen werden, in Augsburg und Kiel oder Rostock.Grundsätzlich heißt das Ziel aber: kurze Wege! Mehr als 90 Prozent der Athletinnen und Athleten sollen im neuen Olympischen Dorf im Nordosten der Stadt untergebracht werden. Von dort aus gesehen lägen 90 Prozent der Wettkampfstätten in einem Radius von weniger als 30 Kilometern und seien in weniger als 30 Minuten zu erreichen. Die Hälfte der Sportarten soll im Olympiapark in einem Areal von rund zwei Kilometern Länge abgewickelt werden.Die Kosten: Bei den Ausgaben für die Veranstaltung selbst, die sogenannten Event- oder Durchführungskosten, nennt München keine eigenen Zahlen. Die Stadt orientiert sich an den Berechnungen des DOSB, der bei allen deutschen Kandidaten von etwas weniger als fünf Milliarden Euro ausgeht. Diese Summe sei durch Ticket-, Sponsoren- und IOC-Einnahmen zu decken. Bei der Bezifferung eines möglichen Gewinns hält man sich in München zurück.Dafür werden die Investitionen für Infrastrukturmaßnahmen ziemlich genau beziffert. Im vertieften Konzept summieren sich die Kosten für Wohnungsbau und Erweiterung des öffentlichen Personennahverkehrs auf rund 18 Milliarden Euro. Chefplaner Michael Asbeck nennt das freilich nur „eine Wunschliste“; was letztlich verwirklicht werde, obliege der Entscheidung des Stadtrats.Für die Bewerbung hat die Stadt München nach Angaben der Organisatoren bislang nur etwas mehr als eine Million Euro ausgegeben. Der Aufwand für den Bürgerentscheid ist dabei nicht eingerechnet, dieser beläuft sich auf rund 6,7 Millionen Euro. Daraus ergibt sich eine Gesamtsumme von knapp acht Millionen Euro für die bisherigen Bewerbungsmaßnahmen.BerlinAuch die Stadt Berlin bewirbt sich für Olympia, einen Bürgerentscheid kann es dort aus verfassungsrechtlichen Gründen im Vorfeld jedoch nicht geben. Kulturprojekte Berlin/NaroskaDer Bürgerentscheid: Aus verfassungsrechtlichen Gründen kann das Land Berlin selbst keine Volksabstimmung auf den Weg bringen. Anfang Mai gab es daher bloß einen Beschluss des Senats zum Bewerbungskonzept. Von Olympia-Kritikern ist ein Volksbegehren gegen die Bewerbung geplant.Das Sportstätten-Konzept: Mehr als 90 Prozent der Sportstätten existieren bereits oder werden nur für die Dauer der Spiele errichtet, heißt es im Bewerbungskonzept. Die für Sport zuständige Senatorin Iris Spranger (SPD) spricht davon, dass sogar „97 Prozent aller Wettkämpfe“ in bestehenden Sportstätten ausgetragen werden. Wobei die Wettkampforte „sinnvoll über das Stadtgebiet verteilt“ seien. Einige befinden sich allerdings auch außerhalb, nämlich in Sachsen (Leipzig), Brandenburg (Brandenburg an der Havel) und Mecklenburg-Vorpommern (Rostock-Warnemünde). Daher firmiert die Bewerbung als „Berlin+“.Das Olympische Dorf soll im Westen der Stadt entstehen, zwischen den S-Bahnhöfen Westkreuz und Grunewald. Das rund 45 Hektar große Areal ist ohnehin für eine langfristige Entwicklung vorgesehen.Die Kosten: Für die Bewerbung allein hat der Senat rund sechs Millionen Euro vorgesehen. Beim Investitionsvolumen haben die Berliner Organisatoren einen Betrag im mittleren einstelligen Milliardenbereich angesetzt: Rund 1,6 Milliarden Euro veranschlagen sie für Infrastrukturmaßnahmen; Kosten für öffentliche Dienstleistungen wie Sicherheit und Ordnung haben sie bislang nicht beziffert.Beim Eventbudget stehen Einnahmen in Höhe von 5,2 Milliarden Euro und Ausgaben von 4,8 Milliarden Euro gegenüber. Daraus ergibt sich ein Gewinn von 400 Millionen Euro.HamburgEine Flagge mit den Olympischen Ringen hängt an einer Brücke im Hamburger Hafen. IMAGO/Hanno BodeDer Bürgerentscheid: Das Votum ist für den 31. Mai angesetzt, also unmittelbar vor der Abgabefrist der Bewerbungsunterlagen. An diesem Tag können die stimmberechtigten Hamburgerinnen und Hamburger in Wahllokalen votieren; seit 22. April wurden zudem automatisch Briefwahlunterlagen verschickt.Das Sportstätten-Konzept: Hamburg wirbt mit den kürzesten Wegen aller deutschen Bewerber – 85 Prozent der Wettkampfstätten lägen in einem Sieben-Kilometer-Radius, und 40 Prozent der Athleten sollen ihren Wettkampfort zu Fuß in einer Viertelstunde erreichen. Nirgendwo sonst liegen auch die Segel-Wettbewerbe näher: In den knapp 100 Kilometer entfernten Segel-Standort Kiel sollen zudem Handball und Rugby verlegt werden. In Hamburg selbst sind zwei „Hauptcluster“ als Herzstück der Wettkämpfe geplant, Olympic Park Altona und Olympic Park City.Olympiabewerbung von München und Hamburg:Teurer, schneller, weiterIn Hamburg werden wichtige Verkehrsprojekte als Druckmittel eingesetzt, um die Olympia-Kandidatur durchzusetzen. Politiker warnen: Das viele Geld gehe sonst nach München, schon wieder.Drei Viertel der Wettkampfstätten gibt es schon, neu gebaut werden muss aber eine Arena für die Leichtathletik. Die ist im Volkspark als Multifunktionsstadion konzipiert, das später insbesondere für Fußball, aber auch andere Sport- sowie Musik-, Kultur- und Wissenschaftsveranstaltungen genutzt werden kann. Als Olympisches Dorf ist die ohnehin bereits für 9000 Menschen geplante Science City Hamburg Bahrenfeld gedacht; bei Olympia sollen dort 15 000 Athleten und Betreuer unterkommen.Die Kosten: Den Angaben auf der Homepage zufolge kämen die Organisatoren in Hamburg mit einem Investitionsbudget in Höhe von 1,3 Milliarden Euro aus. Beim Durchführungsbudget kalkuliert auch Hamburg mit 4,8 Milliarden Euro Ausgaben, denen Einnahmen in Höhe von 4,9 Milliarden Euro gegenüberstehen sollen. Der errechnete Gewinn beträgt also 100 Millionen Euro. Was die Bewerbungsmaßnahmen kosten, verrät Hamburg nicht.Köln/Rhein-RuhrNach der erfolgreichen Abstimmung über die Olympischen Spiele in Nordrhein-Westfalen leuchtete die Hohenzollernbrücke in den olympischen Farben. Christoph Reichwein/dpaDer Bürgerentscheid: In den 17 beteiligten Kommunen haben Mitte April rund 1,4 Millionen Menschen über die Olympiabewerbung abgestimmt, zwei Drittel davon unterstützen sie, für Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidenten Hendrik Wüst (CDU) ein „überwältigender Rückhalt“. Am stärksten fiel dieser in Aachen aus mit 76,3 Prozent Zustimmung, am schwächsten ausgerechnet in der „Leading City“ Köln mit 57,4 Prozent.Das Sportstätten-Konzept: Das Besondere an der Bewerbung des Rhein-Ruhr-Gebiets ist die Verteilung auf 16 Austragungsorte mit Köln als Zentrum. Das widerspricht im Grunde dem Gedanken von zentralen Spielen. Dennoch wird auch in Nordrhein-Westfalen mit kurzen Wegen geworben: Die meisten Sportstätten sollen innerhalb von 40 Kilometern beziehungsweise einer Stunde Fahrzeit liegen, 95 Prozent der Athleten im Olympischen Dorf in Köln untergebracht werden.Auch in Nordrhein-Westfalen sollen überwiegend bestehende Sportstätten genutzt werden, die temporären Arenen klingen zumindest attraktiv: Schwimmen vor 60 000 Zuschauern im Gelsenkirchener Fußball-Stadion, BMW-Radfahren auf der Zeche Zollverein in Essen, Beachvolleyball am Rheinufer in Düsseldorf, Marathon rund um den Kölner Dom. In Köln soll eigens für die Spiele auch ein Leichtathletik-Stadion errichtet werden, das nach der Veranstaltung zu einem Wohnquartier mit öffentlichem Park im Innenraum umgebaut wird. Um dieses Stadion herum ist das Olympische Dorf geplant mit 16 000 Betten.Die Kosten: Ein starkes Argument der Rhein-Ruhr-Bewerber ist die Zahl der Tickets, die sie in den Verkauf bringen können – rund 14 Millionen, mehr als je zuvor bei Olympia. Damit wollen sie Einnahmen von 5,2 Milliarden Euro generieren. Bei angenommenen Ausgaben für die Ausführung in Höhe von 4,8 Milliarden Euro kalkulieren also auch die Organisatoren in NRW mit einem Gewinn von 400 Millionen Euro. Was sie bisher nicht berechnet haben, sind die Investitionskosten, also die Ausgaben für Infrastrukturmaßnahmen. Die Kosten für die Bewerbung werden mit rund 14,5 Millionen Euro beziffert. Allein elf Millionen waren für die Organisation des Bürgerentscheids nötig, der Rest fließt in die Ausarbeitung des Bewerbungskonzepts.
Olympia: Vergleich der Bewerbungen von München, Berlin, Hamburg und Rhein/Ruhr
Wer hat die besten Chancen auf Sommerspiele ab 2036 und was bedeutet eine Bewerbung für die Kandidaten konkret?









