Als Berlin im Mai 2025 seine Bewerbung beim Deutschen Olympischen Sportbund einreichte, fand sich darin eine schöne Idee: Beachvolleyball am Brandenburger Tor – da würde die Welt hinschauen! Wo die Idee herkam, war klar: Aus Paris, wo Beachvolleyball unter dem Eiffelturm 2024 eine wirklich schöne Sache war. Aber irgendwann fiel auf, dass es für Berlin doch nicht so eine gute Idee wäre: weil das Brandenburger Tor nicht so hoch ist wie der Eiffelturm und die Welt dann zwar hinschauen, aber das Tor nicht mehr sehen würde, wenn davor eine Beachvolleyball-Anlage stünde.Als Berlin vor ein paar Wochen sein überarbeitetes Konzept vorstellte, fand sich darin eine noch schönere Idee. Beachvolleyball soll nun auf dem Maifeld am Olympiastadion gespielt werden, am Brandenburger Tor aber würden 2036, 2040 oder 2044 die olympischen und paralympischen Medaillen verliehen, mit tollen Bildern, die um die Welt gehen, nicht zuletzt von den Handys der Athleten. Es soll außerdem eine goldene Brücke hinauf zum Tor führen, bis auf Höhe der Quadriga, ansteigend jeweils von der Straße des 17. Juni und dem Boulevard Unter den Linden. Von Westen und von Osten.Man durfte mitdenken: Das hat der Söder nicht!Was für eine Stadt, was für ein Symbol – so sieht das Kai Wegner, der Regierende Bürgermeister. „Ich werde einfach das Bild in meinem Kopf nicht los“, sagte er kürzlich, als er im Sportausschuss des Abgeordnetenhauses die Pläne vorstellte, „wie Athletinnen und Athleten aus der ganzen Welt und Fans aus der ganzen Welt am Brandenburger Tor gemeinsam feiern.“ Nicht nur Erfolge, wie er hinzufügte, sondern auch Werte, Fairness, Respekt, Freiheit, Demokratie, Weltoffenheit, Internationalität.Die Olympischen Ringe in BerlindpaFür all das stehe Berlin wie keine andere Stadt und als Symbol dafür: das Brandenburger Tor. „Das wäre ein Signal, das diese Welt braucht“, sagte der CDU-Mann Wegner. Und man durfte mitdenken: Ein solches Symbol hat der Söder nicht!Am Ende der Sitzung ging es dann allerdings nicht mehr um Sport und Symbole, sondern darum, wer wen angeschrien hat oder nicht. Angeschrien fühlten sich die Grünen, sie warfen den Senatsmitgliedern vor, Antworten zu verweigern, dafür aber sie als Fragesteller zu attackieren. Iris Spranger, die Innen- und Sportsenatorin von der SPD, legte Wert darauf, dass sie niemanden angeschrien habe. „Das ist Lei-den-schaft!“, insistierte sie. Auf den Bildschirmen im Saal leuchtete noch die Präsentation: „Das ist Berlin+“.Und wenn man sich das Plus wegdachte, das für die Mitspieler der Hauptstadt steht, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, dann lieferte diese Szene doch wieder ein gutes Symbol für die Berliner Olympia-Ambitionen: was da sein könnte und was ist.Zwei-Drittel-Mehrheiten in München und Rhein-RuhrWas da vor allem ist: eine politische Klemme, aus der die Bewerbung irgendwie herauskommen muss, wenn sie eine Chance haben will bei der nationalen Kandidatenkür des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am 26. September im Kurhaus Baden-Baden.Ein Olympia-Stadion hat Berlin schonnPicture AllianceAn diesem Donnerstag stimmt in Berlin das Abgeordnetenhaus über einen Antrag der Regierungsfraktionen ab, „Die Spiele für Berlin“. Dieser Beschluss ist für Berlin das, was für die anderen Bewerber das Referendum ist. Die stolzen 66,4 Prozent, die München einsammelte (die hat der Söder), die 66, mit denen Köln und Rhein-Ruhr nachzogen, am 31. Mai ist Hamburg dran.Einen solchen von oben initiierten Volksentscheid sieht die Berliner Verfassung nicht vor, er ist auch weder vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) noch vom DOSB vorgegeben, aber er hat eine andere Kraft als ein Parlamentsbeschluss. In die Bewertungsmatrix des DOSB geht ein Referendum mit doppelter Punktzahl ein.In Berlin ist neben den Regierungsparteien CDU und SPD auch die AfD für Olympia, Grüne und Linke sind dagegen, herauskommen dürften also etwas über 60 Prozent. Aber die sind eben nur die Hälfte wert. Berlin muss woanders punkten, weshalb zuletzt die sogenannte internationale Strahlkraft noch ein bisschen größer ins Schaufenster gestellt wird (Münchner und Olympier, schaut auf diese Stadt!).Eine Woche vor der Kür in Baden-Baden: Wahl in BerlinWeitaus spannender aber ist das, was politisch noch kommt: Eine Woche vor der olympischen Kandidatenkür, am 20. September, wird das Abgeordnetenhaus neu gewählt. Laut Umfragen ist vieles möglich – aber nicht, dass das bisherige Olympia-Zweierbündnis für eine Mehrheit reicht. Und dann? Bei Rot-Rot-Grün hätte sich eine Bewerbung wohl von selbst erledigt, bei einer Kenia-Koalition von CDU, SPD und Grünen käme es darauf an, was in den Verhandlungen herauskommt.Eher nein: Nolympia-Demonstranten im April in BerlindpaAber würde das, was zu diesem Zeitpunkt werden könnte, aber noch nicht ist, dem DOSB als Vertrauensbasis für ein Votum genügen? Was auf keinen Fall sein dürfte: die Blamage, dass ein gekürter Kandidat wieder gekippt würde.Auf diesen Punkt zielt auch das Berliner Nolympia-Bündnis, das ein Volksbegehren gegen das Projekt erreichen will. Gerade erst sind zwei Initiativen („Berlin autofrei“, „Berlin werbefrei“) an der Hürde von 174.000 Stimmen gescheitert. Denkbar, dass Olympia mehr mobilisiert, denkbar aber auch, dass eine Abstimmung dann gar nicht gegen Olympia ausfallen würde.Ende März gab es eine Umfrage, die den Machern nach schwierigen Monaten Mut machte. 60 Prozent sagten „Ja“ oder „Eher ja“. „Das war ein Kipppunkt“, sagt Friedhard Teuffel, der Direktor des Landessportbundes. Die Stimmung im Sport sei zuversichtlich. In dieser Woche schrieb der Landessportbund alle Berliner Abgeordneten persönlich an und warb um deren Zustimmung.Das Plus in „Berlin+“ ist kleiner gewordenDie Berliner um ihren Olympia-Beauftragten Kaweh Niroomand, den Geschäftsführer der BR Volleys, haben nochmal intensiv an ihrer Bewerbung gearbeitet. Sie haben ein Beteiligungsverfahren aufgesetzt, an dem sich zwar nicht so viele wie erhofft beteiligten, aus dem aber Ideen eingeflossen sind, sie haben ihre Bewerbung stark auf den Wert für Kinder und auf Inklusion ausgerichtet, den Zweiklang olympisch-paralympisch vergisst hier keiner, schon gar nicht Wegner.Sie kommen nun auf 97 Prozent vorhandener (und genutzter) Wettkampfstätten, ein Plus in Sachen Nachhaltigkeit. Das Plus in „Berlin+“ haben sie hingegen etwas kleiner werden lassen, weil die Verbände ihre Athleten eben in Berlin sehen möchten, Stichwort Strahlkraft.Das dickste Brett aber bleibt das politische. Auch hier hat Niroomand, ein gut vernetzter Macher, viel gebohrt, er gewann Mitglieder von Grünen und Linken für das Kuratorium, im Bund sind die Grünen ja sogar dafür (wie auch bei den anderen Bewerbern). Aber reicht das, um in Berlin etwas aufzubrechen? Auch weil mangels Referendum kein ganz so klares Bild herrscht, was die Berlinerinnen und Berliner wirklich wollen. Und weil eben Wahlkampf ist.Es gibt einen Berliner ErfahrungsschatzWenn man sich den Zustand der Stadt anschaut, strukturell und mental, kann man sich schon fragen, ob Olympia nicht eine Jahrhundertchance ist, die Berlin nicht versemmeln sollte. Die Möglichkeitsräume der Nachwendezeit sind verbaut, was da ist, sind die vielen Touristen, die mit Berlin machen, was sie wollen, weil sie gehört haben, dass hier alles geht; eine Kiezkultur, die alles gern so konservieren möchte, wie es in den 2000ern war, als wirklich alles ging; und viel soziales Elend. Unter dem vermüllten Pflaster kein Strand, auch wenn an ziemlich vielen Stellen gegraben wird.Immer Betrieb: Der Regierende Bürgermeister Wegner bei der Einweihung eines U-Bahn-Waggons am 7. MaidpaDann gibt es aber doch diese besonderen Momente, die vielen jungen Menschen, aber auch die älteren, die gar nicht so unfreundlich sind, wie immer behauptet wird, sondern oft sehr, ja, solidarisch. Die einen Erfahrungsschatz in sich tragen, den man in München nicht hat. Oder wenn in einem der unzähligen Clubs eine Metal-Band aus Kalifornien oder eine queere Girlgroup aus Kanada sagt, dass sie sich nirgends so frei fühlt wie hier.Im Berliner Sommer, den die Welt noch von 2006 kennt, den olympischen Geist über das Tempelhofer Feld wehen zu spüren, das ein zentraler Ort der Spiele sein soll – es gibt schon ein Berlin-Gefühl, von dem die Spiele profitieren könnten.Wegner hatte es schon als Hobby-Tennisspieler versemmeltAber die Frage ist, ob die Berlinerinnen und Berliner glauben, dass sie davon profitieren würden. Ob sie überhaupt glauben, dass diese Stadt etwas Neues braucht. Und wenn sie daran glauben: ob das dann auch Olympia wäre. Es hat der Bewerbung jedenfalls nicht geholfen, dass andere parallel die Expo-Idee vorantrieben. Und dass Wegner, der es schon als Hobby-Tennisspieler versemmelte, sich in dieser Diskussion verzettelte.Eigentlich ist er ja ein leidenschaftlicher Kämpfer für Olympia (und gönnt‘s dem Söder nicht!). Im Sportausschuss versuchte er sich noch mal an einem überparteilichen Appell: „Fragen Sie nicht, was wem nutzt, sondern was der Stadt nutzt.“ Er räumte ein, dass über Jahrzehnte zu wenig für den Sport getan worden sei, der Sanierungsbedarf bei den Sportstätten liegt bei 1,2 Milliarden Euro. Aber er sieht in den Spielen eine Gelegenheit, die sonst nicht kommen würde.Sagt Nein: Grünen-Politikerin Klara SchedlichdpaIm Durchführungsbudget stehen Einnahmen von 5,2 Milliarden Euro und Ausgaben von 4,8 Milliarden Euro gegenüber, das Plus soll dem Sport zugutekommen. Auch von den 1,6 Milliarden Euro, die für Infrastruktur veranschlagt sind, soll Berlin profitieren, durch das, was vom Bund oder von privaten Investoren kommt. Die Kosten für Sicherheit sind allerdings noch nicht enthalten.Wegner hat das Wort „Chance“ noch nicht zu Ende gesprochen, da geht schon ein Arm nach oben. Es ist der von Klara Schedlich. Sie ist die sportpolitische Sprecherin der Grünen und stellvertretende Fraktionsvorsitzende, die relevanteste Stimme der Olympia-Gegner. Im Parlament wirkt es manchmal, als wäre es den Grünen zwar wichtig, Antworten zu bekommen, aber fast mehr noch, immer neue Fragen stellen zu können.Wenn man sich mit Klara Schedlich unterhält, zeigt sich auf sehr sachliche Weise, dass es eben auch ein ganz anderes Bild davon gibt, wie Berlin voranzubringen ist – nicht zuletzt für die Jüngeren. Sie ist 26. „In einer Stadt, die gerade an so vielen Ecken und Enden spart, weil sie kein Geld hat, ein so risikoreiches Riesenprojekt anzugehen, finde ich einfach die falsche Prioritätensetzung“, sagt sie. Auch die Kalkulation hält sie für unseriös, ebenso das IOC, mit dem man sich nicht einlassen dürfe.Es ist der gleiche Konflikt, könnte man sagen, den es auch in anderen Städten gibt. Nur dass der Unterschied zwischen dem, was da ist, und dem, was sein könnte, in Berlin ein besonders großer ist.