Pickel, Diabetes, ausbleibende Blutungen: Das PCO-Syndrom betrifft jede achte Frau. Aber hinter dem sperrigen Namen steckt ein grosser IrrtumDas polyzystische Ovarialsyndrom hat viele Folgen für die Gesundheit der betroffenen Frauen. Aber ausgerechnet die namensgebenden Zysten verursacht es nicht. Was hinter der Erkrankung steckt und wieso sie jetzt anders heisst.21.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Eierstöcke standen lange im Fokus des PCO-Syndroms. Der neue Name PMOS soll verdeutlichen, dass der ganze Körper betroffen ist.peakSTOCK/GettyKerstin Futterer war Anfang zwanzig, als sie bemerkte, dass sich ihr Körper auf eine besorgniserregende Art verändert hatte: «Ich bekam mehr Pickel. Ich hatte plötzlich Haare im Gesicht, wo sie nicht hingehörten. Und mein Gewicht ging hoch. Ich hatte Heisshungerattacken.» Zum Arzt ging sie, weil ihre Periode immer seltener kam: «Ich hatte sie alle drei Monate.» Was Kerstin Futterer vor über zwanzig Jahren an sich beobachtete, war ein ganzes Spektrum an typischen Symptomen von PCOS.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jede achte bis zehnte Frau hat PCOS, das polyzystische Ovarialsyndrom. Der Name suggeriert, die Eierstöcke der Betroffenen seien voller Zysten: Hohlräumen, die mit Flüssigkeit gefüllt sind, die wachsen und platzen können.Als PCOS vor rund hundert Jahren seinen Namen erhielt, glaubten Forscher, solche Zysten seien schuld daran, dass die Frauen mit dem Syndrom nur selten ihre Menstruation bekämen. Manche bluten alle sechs Wochen, andere einmal im halben Jahr, wieder andere nur alle paar Jahre. Die Zysten sollten auch dafür verantwortlich sein, dass viele der diagnostizierten Frauen Probleme hatten, schwanger zu werden.Heute weiss man: Es ist ganz anders. Deshalb soll PCOS nun PMOS heissen: Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom. So hat es in diesem Monat ein internationales Gremium aus 56 Fach- und Patientenorganisationen beschlossen. Das Ziel ist, die neue Bezeichnung bis 2028 weltweit offiziell einzuführen, zum Beispiel in Behandlungsleitlinien.Zugegeben, beide Namen – PCOS und PMOS – sind komplex und für viele Betroffene unverständlich. Man könnte meinen, es sei egal, ob sie in den Buchstabensalat ihrer Diagnose ein C oder ein M streuen. Aber der neue Name hat Vorteile. Zum Beispiel räumt er auf mit dem Irrtum rund um die Zysten.«Es ist gut, dass der Name geändert wird. PCOS ist ein verwirrender, ja sogar falscher Begriff», sagt Susanna Weidlinger deshalb. Sie ist Gynäkologin am Inselspital Bern und Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie.Zu viele Eier konkurrieren um den ersten PlatzSusanna Weidlinger erklärt ihren Patientinnen so, was wirklich in ihren Eierstöcken passiert: «Normalerweise gehen in einem Eierstock jeden Monat rund ein Dutzend Eibläschen an den Start – wie bei einem kleinen Wettbewerb. Die Eibläschen checken sich gegenseitig, und nach einigen Tagen setzt sich eines als Sieger durch.» Dieses wachse heran, führe zum Eisprung, leite die Gelbkörperphase ein und starte somit den Zyklus. «Die übrigen Eibläschen ziehen sich zurück.»Bei Frauen mit PMOS läuft dieser Wettbewerb anders ab, sagt die Gynäkologin: «Sie haben viel mehr Eibläschen am Start – oft doppelt oder dreimal so viele. Und diese Eibläschen sind ein richtiger Streithaufen. Jedes will zeigen, dass es das stärkste ist. Aber sie schaffen es nicht, untereinander auszumachen, wer der Sieger sein soll. Deshalb haben diese Frauen so seltene Eisprünge und so lange Zyklen.»Der Grund dafür ist ein hormonelles Ungleichgewicht. Dadurch bleiben viele Eibläschen in einem frühen Entwicklungsstadium «stecken». Kein Eibläschen reift vollständig heran – und deshalb kommt es nur selten oder verspätet zu einem Eisprung.Mit Zysten hat das also nichts zu tun. Was im Ultraschall wie Zysten aussieht, sind in Wirklichkeit die vielen unreifen Eibläschen. Der neue Name eliminiert dieses Missverständnis. Dafür verweisen neu die Stichworte endokrin und metabolisch auf Hormone und den Stoffwechsel und deuten darauf hin, dass der unregelmässige Zyklus gar nicht das grösste Problem der Betroffenen sein muss.«Die meisten Frauen mit PMOS können Kinder bekommen – etwa gleich viele wie Frauen ohne PMOS», sagt Weidlinger. «Allerdings brauchen sie oft länger, um schwanger zu werden, und benötigen häufiger medizinische Unterstützung.» Oft reiche es, Tabletten einzunehmen, um die Reifung des Eibläschens zu erleichtern und den Eisprung auszulösen. «Bei manchen Frauen braucht es intensivere Behandlungen, aber die Erfolgsaussichten sind insgesamt gut», sagt die Gynäkologin und fügt hinzu: «Schlimmer sind die Auswirkungen des Syndroms auf den Stoffwechsel.»Susanna Weidlinger.PDDie vielen Auswirkungen des SyndromsDas sieht auch Susanne Reger-Tan so, Professorin für Endokrinologie an der Ruhr-Universität Bochum und Koordinatorin der ersten deutschen Leitlinie zu PMOS. Sie sagt: «Die betroffenen Frauen sind häufiger übergewichtig und haben ein erhöhtes Risiko, an Schwangerschaftsdiabetes oder Diabetes Typ 2 zu erkranken. Unsere grosse Chance ist, diese Patientinnen schon früh in ihrem Leben aufzuklären, damit sie eine passende Behandlung bekommen.»Darüber hinaus verweist sie auf häufigere Lebererkrankungen bei Frauen mit PMOS, mehr Herz-Kreislauf-Krankheiten, Atemaussetzer im Schlaf, Erkrankungen der Schilddrüse. Typisch für das Syndrom sind erhöhte Testosteronwerte und damit einhergehend Haarausfall auf dem Kopf, aber erhöhtes Haarwachstum zum Beispiel im Gesicht, an den Oberarmen, am Bauch. Einige haben jahrelang starke Akne. Und die Betroffenen leiden mehr als andere Frauen an Depressionen und Ängsten.Als Kerstin Futterer vor mehr als 20 Jahren bei ihrem damaligen Frauenarzt Hilfe suchte, fühlte sie sich nicht ernst genommen. «Er sagte mir, ich solle froh sein, meine Periode bloss alle drei Monate zu haben. Das war ich aber gar nicht. Mir war das unheimlich», erinnert sich Futterer. Ihre Hausärztin verwies sie schliesslich an eine Uni-Frauenklinik. «Dort haben sie Hormontests und einen Ultraschall gemacht.» Sie bekam die Verdachtsdiagnose PCOS.Danach wurde Futterer wieder an ihren Frauenarzt verwiesen. «In der Zwischenzeit hatte ich die Praxis gewechselt. Meine neue Ärztin erklärte mir ein bisschen was. Aber so richtig hatte ich noch nicht verstanden, was ich eigentlich habe.»Heute wird fachübergreifend behandeltHeutzutage bekommen Frauen wie Kerstin Futterer im besten Fall medizinische Unterstützung von einem Team aus verschiedenen Disziplinen: Gynäkologinnen, Endokrinologen, Dermatologinnen und Psychologen helfen bei den unterschiedlichen Beschwerden, die bei dem komplexen Syndrom auftreten können.Kerstin Futterer hingegen musste damals, vor mehr als 20 Jahren, selbst recherchieren und hat eine Weile gebraucht, um zu begreifen: Der lange Zyklus, die Gewichtsprobleme, die Pickel und manch andere Symptome hängen allesamt mit ihrem polyzystischen Ovarialsyndrom zusammen. Dabei half ihr der deutsche PCOS-Selbsthilfeverein, dessen Vorsitzende sie heute ist.Der neue Name PMOS soll Patientinnen und Fachleute schneller auf die vielen Gesichter des Syndroms aufmerksam machen. Wenn Kerstin Futterer an die Frauen denkt, die beim Selbsthilfeverein um Rat fragen, dann ist sie nicht so sicher, ob das gelingen wird: «Polyendokrines metabolisches Ovarialsyndrom – das werden die meisten Patientinnen auch nicht verstehen. Man hätte einen einfacheren Namen suchen können», sagt sie. «In Selbsthilfegruppen oder bei Ärzten brauchen die Frauen nach wie vor eine gute Erklärung.»Aus der Perspektive der Fachwelt begrüssen Susanna Weidlinger und Susanne Reger-Tan die Namensänderung. Die Gynäkologin Weidlinger fügt allerdings hinzu: «Wir müssen uns nichts vormachen. Der neue Name ändert gar nichts daran, dass PMOS schwer diagnostizierbar und viel zu schlecht erforscht ist.» Mehr Forschung wünscht sich auch die Endokrinologin Susanne Reger-Tan.«Wir wissen zum Beispiel, dass die Frauen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Aber wir wissen nicht, wie wir sie am besten frühzeitig behandeln», sagt sie. Wo sie ebenfalls Forschungsbedarf sieht: «Es gibt keine einzige zugelassene medikamentöse Behandlung von PMOS.»Unklar ist auch, warum das Syndrom überhaupt entsteht. Was man bisher weiss: Die Betroffenen haben mehrere genetische Besonderheiten. Womöglich wird die genetische Belastung auch vom Vater vererbt. Könnte das heissen, dass auch Väter oder Söhne der betroffenen Frauen eine Art Männer-PMOS haben? «Diese Diskussion gibt es in der Forschung schon lange», sagt Reger-Tan. Eine sichere Antwort kann sie nicht geben. Aber man beobachte, dass männliche Verwandte der betroffenen Frauen auch eher an Stoffwechselproblemen litten, übergewichtig seien, schlechte Blutfettwerte hätten, Diabetes Typ 2 entwickelten. Vieles ist also noch unklar. Was klar ist: Ob PCOS oder PMOS, es gibt noch viel zu tun, um das Syndrom besser zu verstehen und zu behandeln.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel