Stefan Weber spricht von einem „schwerwiegenden Fall“ und von „Wissenschaftssimulation“. Der bekannte „Plagiatsjäger“ sitzt am Mittwochnachmittag im AfD-Fraktionssaal im Thüringer Landtag, neben ihm Fraktionschef Björn Höcke. Es geht um die Doktorarbeit von Mario Voigt, dem CDU-Ministerpräsidenten von Thüringen. Im Januar hatte die TU Chemnitz ihm den Doktorgrad aberkannt, Voigt trat nicht zurück, sondern wehrt sich gerichtlich gegen die Entscheidung. Die AfD beauftragte Weber mit einem zweiten Gutachten. Und Weber, Privatdozent an der Universität Wien, hat seine Auftraggeber nicht enttäuscht: 125 neue Plagiatsstellen will er zusammen mit seinem Team gefunden haben, sodass es nun insgesamt 265 sind.Voigt habe nicht etwa nur schlampig zitiert, sagt Weber. Er habe zwar an 21 Stellen Zitate aus der Sekundärliteratur übernommen und das kenntlich gemacht, an 61 Stellen habe er aber ganz darauf verzichtet. „Das ist nicht mehr Schlamperei, sondern Vorsatz“, sagt Weber. Oft habe Voigt auch als Quelle Interviews angegeben, die er geführt habe, aber tatsächlich Texte anderer Autoren aus dem Englischen übersetzt, sagt Weber. Er vergleicht den Fall mit jenem der ehemaligen Bundesministerin Annette Schavan (CDU), der im Februar 2013 ihr Doktorgrad wegen „einer vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat“ entzogen worden war. Schavan trat drei Tage später von ihrem Amt als Ministerin zurück. Weber sagt, bei Schavan seien 30 Prozent der Seiten betroffen gewesen, bei Voigt seien es 53,8 Prozent.Weber spricht von einem „Musterplagiat“Die Aussage von Voigt, der wissenschaftliche Kern seiner Arbeit sei nicht betroffen, sieht Weber als falsch an. Auch die Behauptung, die Regeln für die Einstufung von Plagiaten seien während des Verfahrens nachträglich geändert worden, stimme nicht. Weber zeigt in seiner Power-Point-Präsentation im AfD-Fraktionssaal eine E-Mail der TU Chemnitz. Darin steht, dass die TU nur eine Handreichung herausgegeben habe, sie diene „lediglich dazu, die Entscheidungsfindung im Einzelfall vorzustrukturieren“. Weber fährt am Ende seines Vortrags noch einmal schweres Geschütz auf. Voigts Arbeit sei ein „Musterplagiat“, sagt er. Es handele sich um „die schwerste Form des Textbetrugs, die die Wissenschaft kennt“.Für Björn Höcke und die Thüringer AfD ist das Gutachten der willkommene Anlass, abermals den Rücktritt von Voigt zu fordern. Er sei ein „Showmann“ und kein redlicher Politiker, die Thüringer vertrauten ihm nicht mehr. „Ein Ministerpräsident, der die Öffentlichkeit über den wissenschaftlichen Kern seiner Arbeit belügt, muss zurücktreten, und zwar sofort“, sagt Höcke. Die Frage nach dem Honorar für Weber beantwortet Höcke nicht. Ebenso will er nichts zu der Frage sagen, ob der Kontakt zu Weber über den Thüringer AfD-Pressesprecher Hans-Jörg Jenewein zustande kam, der früher für die österreichische FPÖ tätig war. Weber sagt, dass sein erstes Gutachten, das er kurz vor der Landtagswahl 2024 erstellt hat, nicht von der AfD beauftragt worden sei.CDU spricht von „politischer Schmutzkampagne“Die CDU-Fraktion kritisiert den Auftritt als „eine politische Schmutzkampagne“, die pünktlich vor dieser Landtagswahl losgetreten worden sei. Höcke und der AfD gehe es nur darum, Personen und Institutionen zu beschädigen. „Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun“, sagt CDU-Fraktionschef Andreas Bühl. Auch die oppositionelle Linke verteidigt Voigt. Der Auftritt der AfD sei „eine lächerliche und durchschaubare PR-Aktion“, teilt Fraktionschef Christian Schaft mit. Die Linke warte auf den Richterspruch des Verwaltungsgerichts in der Angelegenheit und wäge dann Konsequenzen ab.Die TU Chemnitz bestätigt auf Anfrage der F.A.Z., dass sie das weitere Gutachten Webers nicht zum Anlass für ein neues Verfahren nimmt. Der Erweiterte Fakultätsrat der zuständigen Philosophischen Fakultät der TU habe nach einer „äußerst sorgfältigen Prüfung der Dissertation über den Entzug des Doktorgrades“ entschieden. Für die Einleitung eines neuen Verfahrens bestehe „insofern keine Notwendigkeit“.