Bettina Orlopp muss erst einmal einen Schluck Wasser trinken. Vermutlich hat sie mit einem derartigen Zuspruch selbst nicht gerechnet. Als Jens Weidmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank, beim Aktionärstreffen am Mittwoch in Wiesbaden der Vorstandschefin für ihren Einsatz im Kampf gegen die Übernahme des Dax-Konzerns durch die italienische Großbank Unicredit dankt, gibt es im Wiesbadener Kongresszentrum, in dem sich die Aktionäre eingefunden haben, nicht nur Applaus, sondern auch lauten Jubel.Besonders hörbar ist der Zuspruch aus dem Mittelblock der riesigen Halle, dort, wo viele Mitarbeiter sitzen. In gelben Shirts mit der Aufschrift „We own yellow“ – Gelb ist die Farbe der Commerzbank – wollen sie zeigen, dass sie sich gegen die Übernahmepläne aus Mailand stellen und für die Eigenständigkeit kämpfen.„Ich bin seit 30 Jahren bei der Commerzbank“, sagt ein Mann aus dem Betriebsrat, der in Frankfurt in der Vertriebsabteilung tätig ist, der F.A.Z. und beschreibt die Stimmung, die in der Zentrale der Bank herrscht. Die Mitarbeiter seien zusammengerückt und gewillt, eigenständig zu bleiben. Die Art und Weise, wie sich Unicredit-Chef Andrea Orcel das über 150 Jahre alte Frankfurter Traditionshaus einverleiben wolle, sei nicht aufrichtig und nicht vertrauenswürdig. „Aber im Bankgeschäft geht es sehr viel um Vertrauen.“Kämpft gegen eine Übernahme: Commerzbank-Vorstandschefin Bettina OrloppJanek StempelAm Tag der Hauptversammlung wollen die Mitarbeiter zeigen, was sie von den Unicredit-Avancen halten. Und zwar möglichst so, dass das auch die Anteilseigner mitbekommen, von denen sich über 1000 in Wiesbaden eingefunden haben – deutlich mehr als im vergangenen Jahr, wie eine Sprecherin sagt. Denn die Aktionäre sind es, die am Ende über die Eigenständigkeit der Commerzbank entscheiden werden. Deshalb tun Beschäftigte vor Beginn der Versammlung, als die Anteilseigner vor dem Wiesbadener Kongresszentrum in Dreierreihen auf den Einlass warten, ihre Meinung kund, indem sie Schilder mit Sprüchen wie „No Merger, No Orcel“ oder „Unicredit – Go Away“ hochhalten.Stehende Ovationen von Mitarbeitern in gelben ShirtsEs sind spannende Zeiten für die Commerzbank. Vor 18 Monaten ist die Unicredit bei der Bank eingestiegen, inzwischen hat das Unternehmen ein Übernahmeangebot vorgelegt. Seitdem geht bei vielen Beschäftigten die Angst um, dass eine Übernahme erhebliche Folgen für die Strategie und die Zahl der Beschäftigten haben könnte.Stehende Ovationen: Mitarbeiter der Commerzbank stellen sich gegen eine Übernahme.Janek StempelHeute wollen sie Flagge zeigen. Während Orlopps Vortrag erheben sich Mitarbeiter in ihren gelben Shirts sogar von ihren Sitzen, als die Vorstandschefin lobt, wie groß der Rückhalt in der Belegschaft für ihren Kampf gegen die Übernahme sei. Von oben betrachtet, ergeben die gelben Shirts und Hüte der Beschäftigten ein Herz. Jenes Herz, das auch zwischen November und Januar wieder oben an der Fassade des Commerzbank-Towers am Kaiserplatz als Lichtinstallation zu sehen war.„Wir befürchten, dass in Frankfurt eine hohe Zahl an Mitarbeitern abgebaut wird.“Zudem haben Beschäftigte Dutzende Aktenordner beklebt mit der Aufschrift „Personalakte Closed“. Eine Mitarbeiterin, die ebenfalls in Frankfurt für die Bank tätig ist, erklärt, was es mit der Aktion auf sich hat: „Unicredit und Andrea Orcel wollen nach einem Zusammenschluss massiv Personalakten schließen, also Leute entlassen. Wir befürchten, dass vor allem in Frankfurt eine hohe Zahl an Mitarbeitern abgebaut wird“, sagt sie.Diese Befürchtung schürt auch Vorstandschefin Orlopp. Unicredit hat das Einsparpotential bei der Commerzbank im Falle einer Übernahme auf 1,3 Milliarden Euro bis 2028 beziffert. Orlopp hält das nicht nur für unrealistisch, sondern auch für folgenreich, im negativen Sinne. Sie rechnet mit „tiefgreifenden Einschnitten, massivem Personalabbau und dem Rückzug aus ganzen Geschäftsbereichen“.„Die Unicredit würde genau das schwächen, was die Commerzbank stark macht.“Mehrfach weist Orlopp auf die Rolle der Commerzbank als Finanzierer des Mittelstands hin, die dem Unternehmen im vergangenen Jahr Erträge in Höhe von 1,8 Milliarden Euro eingebracht hat. „Wir sind Marktführer in der deutschen Außenhandelsfinanzierung mit einem Anteil von rund 30 Prozent.“ Die von der Unicredit geplante Reduzierung des internationalen Netzwerks der Bank würde „genau das schwächen, was uns stark macht: die Fähigkeit, den deutschen Mittelstand weltweit zu begleiten“.Auch der Frankfurter Vertriebsmitarbeiter fürchtet um diese Stärke seines Arbeitgebers. Gerade in Zeiten, in denen mittelständische Unternehmen aus Deutschland viel Kapital unter anderem für Resilienz und die digitale Transformation benötigten, brauche es einheimische Banken, die diesen Weg unterstützten. „Ich weiß nicht, ob das genauso gut funktioniert, wenn die Entscheidungen in Italien und nicht in Frankfurt getroffen werden“, sagt der Bankangestellte.Rückenwind erhalten Vorstand, Aufsichtsrat und Mitarbeiter an diesem Tag, an dem sich die Unicredit als größter Anteilseigner nicht öffentlich zeigt, auch aus den Reihen der Aktionärsvertreter. Die Mailänder Bank und ihr Chef Andrea Orcel seien „der Elefant im Raum“, benähmen sich aber „eher wie einer im Porzellanladen“, sagt Andreas Thomae, Vertreter der Frankfurter Fondsgesellschaft Deka Investment. Das „ungestüme und unfreundliche“ Verhalten liefere „keine guten Voraussetzungen, um sich an einen Tisch zu setzen und vernünftig über mögliche Perspektiven zu sprechen“.Grundsätzlich gebe es gute Argumente für grenzüberschreitende Bankenfusionen in Europa, sagt der Frankfurter Anwalt Klaus Nieding, der als Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz die Interessen von Anlegern vertritt. Allerdings verminderten Fusionen auch den Wettbewerb, das schwäche Mittelstand und Wirtschaft.Die Unicredit hält inzwischen einen Anteil von rund 30 Prozent an der Commerzbank. Sie habe das Tor zur Übernahme damit ganz weit geöffnet, sagt Nieding, „es gibt nicht mehr viel, was dem entgegenzusetzen wäre“. Zugleich fordert er Unicredit-Chef Orcel auf, die bisherige Taktik des Anschleichens und der Negativinformationen zu beenden und gemeinsam mit der Commerzbank ein tragfähiges Zukunftskonzept zu entwickeln. Sonst drohe die Gefahr, dass die Frankfurter am Ende ein großer, hohler Fortsatz der Unicredit würden.Das wollen Vorstand und Mitarbeiter verhindern und demonstrieren in Wiesbaden als „Team Yellow“ Einigkeit. Der Beschäftigte aus der Frankfurter Vertriebsabteilung sagt an die Adresse Orcels, wenn die Beschäftigten von einer Zusammenarbeit nicht überzeugt seien, dann drohe die Übernahme zu einem Reinfall zu werden. „Und das wird auch Herr Orcel sicher nicht wollen.“