Unicredit, der größte und ungeliebte Aktionär, ist der Hauptversammlung der Commerzbank am Mittwoch in Wiesbaden ferngeblieben. Das als feindlich empfundene Vorgehen und das Umtauschaktienangebot der italienischen Bank, das die Commerzbank-Aktionäre noch bis 16. Juni annehmen können, waren aber in den Reden fast aller Aktionäre allgegenwärtig. Fondsmanager bezeichneten Unicredit während des jährlichen Aktionärstreffens als italienischen Elefanten, der sich wie im Porzellanladen bewege. Aber kaum ein Aktionärsvertreter glaubte, dass die größere und rentablere Unicredit nicht am Ende die Commerzbank in ihren Besitz bringen wird.Während die Commerzbank-Aktionäre noch auf ein höheres Angebot Unicredits hoffen und nach einer Kursverdoppelung in den vergangenen zwölf Monaten eine weitere Wertsteigerung der Aktie erwarten, befürchten die Commerzbank-Mitarbeiter einen noch höheren Stellenabbau nach einer Übernahme. Die Bankspitze, zunächst Aufsichtsratschef Jens Weidmann und dann Vorstandschefin Bettina Orlopp, erhielten aus dem Aktionärspublikum Jubelrufe für ihre Empfehlung an die Aktionäre: „Nehmen Sie das Angebot der Unicredit nicht an!“Mitarbeiteraktionäre bejubeln Vorstandschefin OrloppZwei Wellen an Jubelrufen ertönten sogar, als sich Weidmann in seiner Eröffnungsrede bei der seit Oktober 2024 amtierenden und damit kurz nach dem Einstieg von Unicredit auf den Vorstandsvorsitz gerückten Orlopp für „ihren unermüdlichen Einsatz“ bedankte. Orlopp dankte anschließend den Mitarbeitern, auch weil sie sich zunehmend als Käufer von Commerzbank-Aktien engagieren. Auch dafür gab es viel Beifall, obgleich die Commerzbank-Mitarbeiter mit einem Anteil von insgesamt weniger als einem Prozent eine Übernahme nicht werden verhindern können. Ihnen bleibt Protest, den sie schon vor dem Treffen vor dem Wiesbadener Kongress-Zentrum kundtaten – mit Plakaten wie „Unicredit go away“ oder Aussagen, man könnte Unicredit-Chef Andrea Orcel nicht trauen.Betriebsratschef kritisiert Orcel auf ItalienischSpäter sagte Dirk-Michael Mumot, Betriebsratsvorsitzender für das Ruhrgebiet aus Essen, in seiner Rede auf der Hauptversammlung: „Frau Orlopp, Ihr Kurs ist richtig und gut.“ Zuvor hatte Orlopp gemahnt, die Commerzbank müsse effizienter werden, gerade auch durch den Einsatz von KI-Agenten. Der Betriebsratschef erwiderte, noch sei offen, welche Standorte und Abteilungen vom nächsten Stellenabbau betroffen seien. Doch der zwischen Betriebsrat und Vorstand vor wenigen Wochen in Grundzügen vereinbarte Abbau von 3000 Stellen bis 2030, immerhin mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz im Inland, mit großzügigen Abfindungs- und Ruhestandsregelungen zeige schon vor der Konkretisierung eine „gelebte Sozialpartnerschaft“, die eine „betriebsfriedliche Umsetzung“ erlaube.Zu Unicredit äußerte sich Mumot dagegen in einer auf Italienisch direkt an Unicredit-Chef Andrea Orcel gerichteten Botschaft kritisch. Orcel will nach einem Zusammenschluss zwischen Commerzbank und seiner Münchener Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank 7000 Stellen abbauen, Gewerkschaftsvertreter sehen sogar 15.000 Stellen in Gefahr.Aktionärsvertreter: Unicredit nicht mehr viel entgegenzusetzenUnicredit besitzt inzwischen nahezu 30 Prozent der Aktien der Commerzbank mit Stimmrecht und hätte bei Anwesenheit auf der Hauptversammlung angesichts einer niedrigen Präsenzquote – Weidmann gab sie mit rund 48 Prozent des Kapitals an – Mehrheiten stellen können. Doch obwohl die Hauptversammlung bei Redaktionsschluss noch andauerte, war abzusehen, dass es dazu erst einmal noch nicht kommen wird. Gleichwohl sagte Klaus Nieding von der Aktionärsvereinigung Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Unicredit habe „das Tor zur Übernahme ganz weit geöffnet, und es gibt nicht mehr viel, was dem entgegenzusetzen wäre“.Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) forderte Orlopp auf, noch mehr die Stärken der Commerzbank zu ermitteln und damit den Aktienkurs nach oben zu treiben. Angesichts eines Fastrekordgewinns von 2,6 Milliarden Euro im Jahr 2025, der aber nur einer Nettoeigenkapitalrendite von unterdurchschnittlichen neun Prozent entspricht, sagte Kienle: „Seit 2010 hat die Commerzbank nicht ihre Kapitalkosten verdient.“ Daher sei es wenig verwunderlich, dass ein Käufer von außen komme, um das Wertpotential zu heben.Nieding sagte, die Commerzbank sei „gut beraten, jetzt das Maximum für unsere Mitarbeiter, unsere Kunden und uns Aktionäre herauszuholen – wenn es dafür nicht schon zu spät ist“. Auch Hendrik Schmidt von der größten Fondsgesellschaft DWS glaubt nicht, dass Unicredit lockerlassen wird. Eine Alpenüberquerung mit Elefanten sei bekanntlich langwierig, aber am Ende erfolgreich gewesen, erinnerte Schmidt an Hannibal, den Anführer karthagischer Truppen im Jahr 218 vor der Zeitenwende. Dass die Bundesregierung mithilfe der Staatsbank KfW und weiteren Aktienkäufen die Commerzbank vor der Übernahme durch Unicredit schütze, sei „unrealistisch“, meint Schmidt.Obwohl die Aktionärsvertreter die Aussichten Unicredits als gut einschätzen, sparten sie nicht mit Kritik. Nieding von der DSW richtete diesen Appell an Unicredit-Chef Orcel: „Geben Sie die bisherige Taktik des Anschleichens und der Negativinformationen, ja Falschinformationen auf, und setzen Sie sich mit dem Management der Commerzbank zusammen.“ Nieding regte an, beide Seiten sollten ein tragfähiges Zukunftskonzept erarbeiten, in dem „auf alle Befindlichkeiten größtmöglich eingegangen“ und der „beidseitige Nutzen“ befördert werden sollte. Die Commerzbank dürfe, anders als deren Münchener Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank, nicht „am Ende ein bloßer Wurmfortsatz der Unicredit sein“.Aufsichtsratschef Weidmann warnte die Aktionäre, das Aktienumtauschangebot Unicredits anzunehmen. Wer Commerzbank-Aktien in Unicredit-Aktien tausche, gehe höhere Risiken ein, denn Unicredit halte mehr italienische Staatsanleihen, mehr notleidende Kredite und habe im Gegensatz zur Commerzbank noch ein signifikantes Russland-Geschäft. Auch Orlopp warb für die eigene Strategie. Sie gab sich aber gesprächsbereit, sollte Unicredit sein Angebot erhöhen und die Stärken der Commerzbank in einem gemeinsamen Geschäftsmodell berücksichtigen.Boni von Knof für das Jahr 2024 um 30 Prozent gekürztDie Commerzbank zahlt allen Aktionären direkt nach der Hauptversammlung 1,10 Euro je Aktie Dividende nach 65 Cent im Vorjahr. Damit kehrt die Commerzbank zusammen mit 1,5 Milliarden Euro, die sie für den Rückkauf eigener Aktien ausgibt, den gesamten Nettogewinn des Jahres 2025 in Höhe von 2,6 Milliarden Euro an die Aktionäre aus. Dafür gab es viel Lob. Andreas Thomae von der Sparkassen-Fondsgesellschaft Deka gab allerdings zu bedenken: „Ohne den Druck von außen wären die Ergebnisse so schnell nicht erreichbar gewesen.“ DWS-Fondsmanager Schmidt wies darauf hin, dass allein Unicredit 350 Millionen Euro an Dividenden erhielt, und fragte, ob das nicht allein reiche, um die Kosten der Übernahme, etwa die Derivate-Positionen, zu finanzieren.Manfred Knof schied 2024 als Vorstandsvorsitzender der Commerzbank aus.dpaDie Fondsmanager von DWS und Deka rückten zudem in den Blick, dass sich der bis Ende September 2024 amtierende Commerzbank-Vorstandsvorsitzende Manfred Knof kurz nach dem Einstieg in den Aktionärskreis mit Unicredit-Chef Orcel getroffen hat und darüber weder Aufsichtsrat noch Vorstandskollegen informiert hat. Beide forderten den Aufsichtsrat auf, zu prüfen, ob Knof Boni gestrichen werden können. Der seit 2021 amtierende Vorstandschef hatte im Oktober 2024 eine Rücktrittsvereinbarung mit dem Aufsichtsrat geschlossen und laut Schmidt eine Einmalzahlung in Höhe von 2,4 Millionen Euro für die Aufhebung seines bis Ende 2025 laufenden Vertrages erhalten.Der Aufsichtsratsvorsitzende Jens Weidmann sagte dazu, der Aufsichtsrat habe die Boni von Knof im Jahr 2024 um 30 Prozent gekürzt. Knof seien weitere Boni zugesagt, die erst im Jahr 2032 letztmalig ausgezahlt würden. Diese Boni könnten nicht gekürzt werden. Es könne nur die variable Vergütung für das Jahr gekürzt werden, in dem eine Pflichtverletzung festgestellt werde.
Weidmann an Commerzbank-Aktionäre: „Nehmen Sie das Angebot der Unicredit nicht an“
Die Commerzbank-Führung warnt vor Unicredits Risiken, und auch Mitarbeiter mobilisieren gegen die Italiener. Aktionäre rechnen indes mit Unicredits Erfolg und fragen nach Boni-Kürzungen für den früheren Vorstandschef Knof.











