Am selben Tag, an dem im Februar ein israelischer Luftangriff Irans Obersten Führer Ali Khamenei tötete, warfen Berichte über einen ganz anderen Toten Fragen auf. Ursprünglich hieß es, der frühere Präsident Mahmud Ahmadineschad sei bei einem Angriff auf sein Haus in Teheran getötet worden. Er hatte seit Jahren kaum noch eine Rolle in der iranischen Politik gespielt. Warum also hätte Israel ihn töten wollen?Wie sich nun herausstellt, war wohl das Gegenteil der Fall. Laut einem Bericht der „New York Times“ wollte Israel Ahmadineschad den Weg an die Macht ebnen. Nicht der frühere Präsident sollte getötet werden, sondern die Sicherheitskräfte, die ihn in seinem Hausarrest bewachten. Tatsächlich wurde Ahmadineschad, wie sich später herausstellte, nur leicht verletzt. Getroffen wurde nicht sein Haus, sondern der Wachposten der Revolutionsgarde vor seinem Haus.Die „New York Times“ schreibt unter Berufung auf amerikanische Regierungsquellen, dass der mutmaßliche Befreiungsplan mit dem Politiker abgestimmt gewesen sei. Ein namentlich nicht genannter Mitarbeiter Ahmadineschads bestätigte der Zeitung, dass dieser den Luftschlag als Befreiungsversuch verstanden habe und als Hinweis, dass die Amerikaner ihm die Führung des Staates zutrauten.Keine Hinweise auf ein Netzwerk AhmadineschadsWie er allerdings nach der Befreiung aus dem Hausarrest an die Spitze des Staates hätte kommen sollen, ist völlig unklar. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Ahmadineschad über ein signifikantes Netzwerk an einflussreichen Personen verfügt, die ihm zu diesem Posten hätten verhelfen können. Andernfalls wäre es für sie wohl ein Leichtes gewesen, ihn zu „befreien“. Sollte Israel – mit amerikanischer Unterstützung – tatsächlich einen solchen Plan verfolgt haben, erscheint er nach jetzigem Informationsstand reichlich unausgegoren.Der zu Beginn des Krieges getötete Oberste Führer Ali Khamenei am 9. Januar 2018AFPMindestens ebenso bemerkenswert ist, dass Israel ausgerechnet den notorischen Holocaustleugner Ahmadineschad als Verbündeten gewählt haben soll, der noch dazu offen zur Vernichtung Israels aufgerufen hat. Es gibt aber eine Reihe von Indizien, die darauf hindeuten, dass der Politiker tatsächlich Verbindungen zu Israel gehabt haben könnte. Dazu zählen seine Reisen 2023 nach Guatemala sowie 2024 und 2025 nach Ungarn. Mit beiden Ländern unterhält Israel enge Verbindungen. Laut der „New York Times“ kehrte Ahmadineschad wenige Tage vor dem Zwölftagekrieg im vergangenen Juni aus Budapest zurück.Selbst iranischen Medien fiel auf, dass er sich in dieser Zeit ungewöhnlich zurückhaltend zu israelischen Angriffen auf Iran äußerte. Die Plattform „Khabar Online“ schrieb im April über sein auffälliges „Schweigen und seine Distanzierung von seinen früheren Ansichten zu Israel“. Während seiner beiden Amtszeiten von 2005 bis 2013 hatte er Israel als „Schandfleck“ bezeichnet, der aus „dem Schoß der islamischen Welt getilgt“ werden sollte. Er hatte den Holocaust eine „große Lüge“ genannt und einen Karikaturenwettbewerb über die Judenvernichtung ausrichten lassen.Ahmadineschad klang auf einmal nicht mehr so israelfeindlichNach dem israelischen Großangriff auf Iran im Juni 2025 sagte er dagegen lediglich: „Ich verurteile diese Angriffe und fordere ihre sofortige Einstellung.“ Zu dieser Zeit kursierten Gerüchte über ein Attentat auf Ahmadineschad. Ein früherer Berater Ahmadineschads, Abbas Amirifar, sagte „Khabar Online“ über dessen zurückhaltende Stellungnahmen: „Man weiß überhaupt nicht, wie er tickt, und auf ihn ist kein Verlass.“Schon während seiner Amtszeit galt Ahmadineschad als Wendehals und Populist. Sozialprojekte und Kritik an der Korruption der Eliten machten ihn in der Unterschicht populär. 2009 kam es aber zu Massenprotesten gegen seine Wiederwahl, die angeblich mithilfe des aktuellen Obersten Führers Modschtaba Khamenei gefälscht worden sein soll.Modschtaba Khamenei bei einer Veranstaltung in Teheran am 2. März 2016AFPTrotz seiner konservativen Ansichten ernannte er erstmals seit der Revolution eine Frau zur Ministerin. Ungeachtet seiner israelkritischen Äußerungen weigerte er sich, seinen Vizepräsidenten Rahim Maschai zu entlassen, nachdem dieser gesagt hatte, dass die Iraner Freunde des israelischen Volkes seien.Wo ist der frühere Präsident jetzt?Maschai wurde 2018 vor Gericht gestellt und dabei auch zu angeblichen Verbindungen zum israelischen Geheimdienst befragt. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen Verstößen gegen die „nationale Sicherheit“. Doch schon 2021 gab es Berichte, wonach er entlassen worden sei. Ahmadineschads früherer Berater Amirifar behauptet, nach seiner mutmaßlichen Befreiung habe er sich in Maschais Villa geflüchtet. Ein amerikanischer Regierungsmitarbeiter sagte der „New York Times“, der Politiker habe nach seiner Verletzung den Glauben an den israelischen Regimewechselplan verloren.Ursprünglich war Ahmadineschad 2005 mithilfe des Obersten Führers Ali Khamenei und der Revolutionsgarde zum Präsidenten „gewählt“ worden. Sie unterstützten ihn vor allem, um nach Mohammad Khatami einen weiteren Reformerpräsidenten zu verhindern. Doch zu Beginn seiner zweiten Amtszeit fiel Ahmadineschad in Ungnade, als er zunehmend auf Konfrontation zu den Machteliten ging. Zum Bruch kam es 2011, nachdem der Präsident seinen Geheimdienstminister ohne Genehmigung des Obersten Führers entließ. Auch die Revolutionsgarde wendete sich von ihm ab.Danach versuchte Ahmadineschad noch dreimal für das Präsidentenamt zu kandidieren, wurde aber von Khameneis Leuten stets disqualifiziert. In dieser Zeit fiel er mit einigen Trump-freundlichen Äußerungen auf. Unter anderem plädierte er 2019 in einem Interview mit der „New York Times“ für ein neues Abkommen mit Amerika. Zugleich war er einer der Ersten, die amerikanische Popkultur nutzten, um die US-Regierung zu kritisieren. Ab 2024 gab es Gerüchte über einen Hausarrest. Dennoch konnte er ins Ausland reisen.Der Bericht der „New York Times“ unterstreicht bestehende Erkenntnisse, wonach Israel einen Regimewechsel in Iran anstrebte und Donald Trump zu überzeugen versuchte, dass dies möglich sei. Zu Beginn des Krieges erweckte Trump selbst mehrfach den Eindruck, dass Washington konkrete Personen als künftige Führer eines geläuterten Regimes im Auge habe. Die „New York Times“ schreibt, es habe Geheimdienstinformationen über Kräfte innerhalb des Regimes gegeben, die angeblich bereit gewesen seien, mit den USA zu kooperieren.Etliche Irankenner taten die Idee einer Machtübernahme Ahmadineschads am Dienstag als völlig illusorisch ab – manche auch als Beleg dafür, dass der Krieg auf der Basis falscher Annahmen begonnen worden sei. Selbst einer der Autoren des Zeitungsberichts, der israelische Geheimdienstfachmann Ronen Bergman, kommentierte, dies sei „ohne Zweifel eine der verrücktesten Geschichten, über die ich je berichtet habe – wenn nicht die verrückteste.“