Es ist gerade mal die Hälfte der Fahrstrecke dieses 109. Giro d’Italia absolviert, des ersten mit Jonas Rutsch im Peloton. Doch für den hessischen Radprofi war schon vieles dabei: Bummelfahrten gab es ebenso wie harten „Kampf mit dem Messer zwischen den Zähnen“, wie Rutsch erzählt. Hektik, (Massen-)Stürze, Wind, Kälte und manchmal empfand er es so, „als ob sich die Niagarafälle über uns ergossen hätten“.Ach ja, am Wochenende hatte er sich zwei Tage lang mit Magenproblemen im Sattel abgeplagt. Als „unschön“ bezeichnet Rutsch dieses Gefühl der Schwäche zu einem unpassenden Zeitpunkt. Was bewirkte, dass ihm jeweils nach etwa zwei Rennstunden die Energie ausgegangen sei. Doch der 28-Jährige ist ein ungemein zäher Fahrer, der es gewohnt ist, Widerstände aller Art zu überwinden.Rutsch geht am Montagnachmittag im Teamhotel ans Telefon. Es ist schon der zweite Ruhetag dieser dreiwöchigen Italien-Rundfahrt. Einen gab es nach den drei Auftaktetappen in Bulgarien, um den ganzen Räder-Tross hinüber nach Italien zu schaffen. Rutsch hat den Vormittag für eine anderthalbstündige Ausfahrt mit den Kollegen seiner dezimierten Equipe Lotto-Intermarché genutzt. Der Nachmittag steht im Zeichen „von Handy weglegen und ausruhen“, wie er sagt.Ideales Pflaster für eine FluchtgruppeUnd auch das einzige Zeitfahren dieses Giro am Dienstag über topfebene 42 Kilometer fällt für den Südhessen in die Kategorie aktive Erholung. Rennfahrer aus dem Hinterfeld des Klassements wie er jazzen ihren Puls an Tagen wie diesen nicht sehr hoch. „Von Mittwoch an hoffe ich, wieder voll da zu sein“, sagt Rutsch zuversichtlich. Es wäre ein gutes Timing, wirkt das 178 Kilometer lange elfte Teilstück vom toskanischen Porcari bis Chiavari an der ligurischen Küste doch wie ein ideales Pflaster für eine Fluchtgruppe. Und zwar für eine, deren Mitglieder auch den Rennausgang unter sich ausmachen könnten.Dass Rutsch die Kraft und das Vermögen dafür hat, in solch eine dem Peloton davoneilende Gruppe vorzudringen, hat er unlängst erst bei seinem Heimrennen wieder bewiesen. Bei Eschborn–Frankfurt am 1. Mai fuhr er beherzt und offensiv voraus und ergatterte das Bergtrikot.Etwas, das er als 1,97 Meter großer und rund 80 Kilogramm schwerer Klassikerspezialist unter all den Weltklasse-Kletterern beim Giro gar nicht erst zu versuchen braucht. In eine starke, gut harmonierende Fluchtgruppe zu kommen strebt Rutsch natürlich an. Beziehungsweise hat es schon einige Male angestrebt und große Anstrengungen dafür unternommen. In den Phasen nach den Etappenstarts, wenn es über eine Stunde dauern kann, bis die Gruppe des Tages steht und vom Hauptfeld sozusagen die Lizenz zum Ausreißen bekommen hat. Bis dahin gibt es Attacke auf Attacke, Tempoverschärfung auf Tempoverschärfung, eine ständige „Springerei“, wie es im Jargon heißt, an der sich auch Rutsch beteiligt.Es bleibt ihm und seinen Mitstreitern seines belgischen Teams auch nicht viel anderes übrig. Die Zielsetzung seiner Equipe Lotto-Intermarché für die dreiwöchige Giro-Exkursion lautet: Ein Etappensieg soll her. Eine Vorgabe, die bei den größten Veranstaltungen des Radsportjahres für kleinere Rennställe (im World-Tour-Vergleich) zunehmend schwerer zu erreichen ist. Wegen der Dominanz der großen, erheblich finanzstärkeren Mannschaften.Zudem stehen die Vorzeichen für Rutschs Team im Grunde schon seit dem „Grande Partenza“ in Sofia nicht gut. Ein Virus grassierte innerhalb des Teams, sodass kurzfristig sogar ein Rennfahrer ins Aufgebot rutschte, der sich gar nicht konkret auf den Giro vorbereitet hatte (und mittlerweile mit Sturzverletzungen schon wieder abgereist ist). Andere waren geschwächt, wie der belgische Shootingstar Arnaud de Lie. Der sprintstarke Kapitän war die Trumpfkarte des Teams, das ohne Fahrer mit klarer Ambition im Gesamtklassement angereist ist. Und es wäre auch Rutschs Aufgabe gewesen, de Lie in den Etappenfinals adäquat zu positionieren – doch auch er ist nicht mehr im Rennen.Jonas Rutsch: „Können nicht jeder Attacke hinterherfahren“Anstatt in voller Teamstärke mit acht Mann ist Lotto-Intermarché nur noch mit fünf Fahrern unterwegs. „Dies ändert viel. Die Arbeit, die man sich sonst zu acht aufteilt, fällt schwerer. Gerade wenn es darum geht, sich an den Schlüsselstellen der Etappen im Feld zu positionieren. Wir müssen mit den Ressourcen haushalten, können nicht jeder Attacke hinterherfahren“, sagt Rutsch, der von nun an aber selbst mehr Spielraum hat, auf eigene Ergebnisse zu fahren.Noch immer wartet der Südhesse in seiner Profikarriere auf einen großen Tagessieg. Erfahrungen auf höchstem Niveau hat er schon einige. Dreimal ist er die Tour de France gefahren, hat dreimal Paris erreicht. Bei seiner Giro-Premiere führt der letzte Weg am 31. Mai nach Rom. Was nach drei Wochen im Sattel sein Fahrerprofil weiter schärfen und seinen Horizont weiten dürfte. Und doch geht das Warten weiter auf den einen großen Tag, an dem Rutsch seine ganze Power und Tempohärte im Kampf um einen Sieg ausspielen könnte.Er weiß, dass er sich auf den 3400 Kilometern Rennstrecke mit knapp 50.000 zu bewältigenden Höhenmetern bis Rom so lange wie möglich etwas Frische bewahren sollte. „Die dritte Woche ist sehr schwer, und die anderen werden auch müde. Zudem stehen die Chancen besser, wenn sich mit zunehmender Renndauer das Klassement strukturiert hat“, sagt Rutsch.Es ist ein Poker- und nicht selten auch ein bisschen ein Glücksspiel, in die entscheidende Fluchtgruppe zu gelangen. Es gilt zu pokern, auf welche Zusammensetzung von Flüchtigen man setzt, um denen dann mit voller Kraft nachzusetzen. Es braucht auch Glück, dass die Klassementfahrer eine Gruppe gewähren lassen und nicht später alle Helfer kurbeln lassen, um die Ausreißer wieder einzuholen, um selbst um den Etappensieg zu fahren. Jonas Rutsch wartet noch auf diesen Tag, an dem er richtig pokert, das Glück ihm hold ist und die Beine möglichst so gut wie nie sind.
Radsport: Jonas Rutsch wartet auf den einen großen Tag beim Giro d'Italia
Für einen Etappensieg beim Giro d’Italia braucht es die ganze Power und Tempohärte des Fahrers. Und auch beim Pokerspiel muss Jonas Rutsch das entsprechende Glück haben.














