Jonas Vingegaard brauchte fast zwei Jahre, um seinen schlimmen Sturz ganz hinter sich zu lassen. Nun zeigt er sich am Giro in starker Berg-FormDer dänische Radprofi ist so siegreich wie nie in die Saison gestartet. Am Giro d’Italia, der nun in die entscheidende dritte Woche geht, will er den ersten Teil des Doubles Giro / Tour de France gewinnen.Stephan Klemm23.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Trophäe steht schon bereit, noch ist aber gut eine Woche zu fahren: Jonas Vingegaard will den Giro d’Italia gewinnen.Luca Zennaro / EPASeit dem 14. Mai trägt Afonso Eulálio das rosa Trikot, das wertvollste Dress des Giro d’Italia. 33 Sekunden Vorsprung verbleiben ihm noch auf den Topfavoriten und Giro-Debütanten Jonas Vingegaard auf dem zweiten Platz. Doch nun sind die Tage des Portugiesen Eulálio in Rosa gezählt – ab Samstag beginnt das Radrennen noch einmal von vorn.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn in der dritten Woche erreicht der Giro die Alpen. Gefordert sind die Fahrer schon am Samstag, bei 4200 Höhenmetern verteilt auf gerade einmal 133 Kilometer und der Bergankunft in Pila. Das ist Vingegaard-Terrain. Und auch wenn der Däne im Zeitfahren von Viareggio nach Massa am Dienstag unter seinen Möglichkeiten blieb, dürfte diese 14. Etappe in Pila eine Vorentscheidung für ihn bringen. Bisher fuhr er in den Bergen souverän und bestätigte damit die Eindrücke seiner bisherigen Auftritte in dieser Saison. Vingegaard, zuletzt bei der Tour de France chancenlos gegen Tadej Pogacar, ist wieder zum Siegfahrer geworden.Die schwere Etappe hinauf auf den Blockhaus im Majella-Massiv in den Abruzzen gewann Vingegaard am Freitag der ersten Woche als Solist. Zwei Tage später jubelte er erneut bei einer Bergankunft. Vingegaards Erkenntnis nach gut der Hälfte des Rennens lautet: «Ich bin mit dem Ziel hierhin gekommen, den Giro zu gewinnen. Ich bin in einer sehr guten Position, dieses Ziel auch erreichen zu können.»Während des Gesprächs mit der NZZ nieste und hustete er bisweilen – die Folge von kühlen und nassen Etappen in der ersten Hälfte des Giros. Mit diesen äusseren Umständen hatte Vingegaard gerechnet: «Ich habe den Giro oft im Fernsehen gesehen, da fiel mir schon auf, dass häufig schlechtes Wetter herrscht. Das war keine Überraschung.» In den ersten Tagen gab es nicht zuletzt wegen der nassen Fahrbahn zahlreiche Massenstürze. Dank aufmerksamer Fahrweise seines Teams Visma-Lease a Bike kam Vingegaard bisher ohne Asphaltkontakt durch. «Mir ist bewusst, dass mit einem Sturz alles vorbei sein kann», sagt er. Nicht nur in einem Rennen.In den Abfahrten ist er wieder völlig angstfreiIm Frühjahr 2024 hätte ihn ein fürchterlicher Unfall bei der Baskenland-Rundfahrt beinahe sein Leben gekostet. Er zog sich dabei schwerste innere Verletzungen zu. Drei Monate später gewann er bei der Tour de France eine Etappe und beendete die Rundfahrt auf Rang zwei. «Der schwere Unfall hat mich sowohl psychisch als auch physisch geprägt. Ich habe fast zwei Jahre gebraucht, um das wirklich hinter mir zu lassen», erzählt Vingegaard. Nun aber sei er so weit, dass er bei Abfahrten mit hoher Geschwindigkeit auf dünnen Reifen völlig angstfrei sei.Vor dieser Saison wollte Vingegaard nach zuletzt zwei heftigen Niederlagen bei der Tour sein Programm komplett ändern, vor allem aus Motivationsgründen. Seine Teamleitung unterstützte Vingegaards Wunsch, Giro und Tour in einem Jahr auf Sieg zu fahren. Dieses Double hat zuletzt Vingegaards Nemesis Pogacar 2024 erfolgreich vollendet. Bei der Teampräsentation im Januar in Marbella kündigte Vingegaard an, in diesem Jahr nur vier Rennen zu bestreiten: Paris–Nizza, die Katalonien-Rundfahrt, den Giro und die Tour. «Ich komme dennoch auf 60 Renntage, das ist nicht wenig», sagte er.Bei Paris–Nizza und in Katalonien gewann er jeweils zwei Etappen und die Gesamtwertung, hinzu kommen seine beiden Tageserfolge beim Giro. Das macht bereits acht Siege, ein Topwert in dieser Saison. Dazu sagt Vingegaard: «Es zahlt sich aus, neue Wege beschritten zu haben.» Ist er in diesem Jahr nun der beste Vingegaard, den es je gab? «Da bin ich mir nicht zu 100 Prozent sicher. Aber klar ist, dass ich derzeit in einer herausragenden Verfassung bin. Ich habe aber hier beim Giro auch die Tour im Kopf. Da will ich meinen Leistungszenit erreichen.»Er glaubt, Pogacar an der Tour bezwingen zu könnenBei der Frankreichrundfahrt trifft er erstmals in diesem Jahr auf Pogacar, den viermaligen Tour-Champion, den Vingegaard ganz besonders lobt: «Ich glaube, Tadej Pogacar ist der beste Fahrer, den wir je im Radsport gesehen haben, sogar der beste Fahrer der Geschichte.» Ist so ein Übermensch auf zwei Rädern überhaupt zu bezwingen? «Ich habe es bei der Tour bereits zweimal geschafft, 2022 und 2023. Das hat mir Selbstvertrauen und die Motivation gegeben, es auch noch ein drittes Mal schaffen zu können», sagt Vingegaard.Im Gegensatz zu Pogacar zeigt sich Vingegaard nicht gern bei den Eintagesmonumenten. Das könnte sich allerdings ändern: «Lüttich–Bastogne–Lüttich und die Lombardeirundfahrt sollten mir sehr gut liegen. Wenn ich mich zu 100 Prozent darauf vorbereite, werde ich dort auch gute Ergebnisse erzielen. Bisher stand das aber nicht ganz oben auf meiner Liste», sagt er. Er wolle sich dort aber auf jeden Fall «mal versuchen. Das gilt auch für die Weltmeisterschaft.»Viel Zeit bleibt ihm dazu nicht mehr in seiner Karriere, im Dezember wird Vingegaard 30 Jahre alt. Das Ende seiner Profizeit möchte er aber noch hinauszögern: «Rücktrittsgedanken habe ich keine.»In diesem Mai geht es für ihn erst einmal um den Giro-Sieg. Gelingt dieser Coup, hätte Vingegaard als erster Fahrer seiner Generation alle drei Grand Tours in Italien, Frankreich und Spanien mindestens einmal gewonnen. Das hat bisher auch Pogacar nicht geschafft.Passend zum Artikel
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