Man könne ja auf diese Fachleute nicht verzichten: Diese jahrzehntelang, teils bis heute vorgebrachte Entschuldigung für das Versanden der „Entnazifizierung“ wollte unsere Zeitung frühzeitig abräumen.Wie denn mit Nazifunktionären, Parteibonzen und Parteigenossen, Mitmachern und Mitläufern umzugehen sei und umgegangen wird, das war vor 80 Jahren Thema vieler Berichte, Analysen und Kommentare sowie nicht zuletzt des „Demokratischen Forums“ mit Zuschriften der Leserinnen und Leser.„Die Staatsoper wäre nicht mehr leistungsfähig, wenn alle diese Kräfte entlassen würden?“ Am 22. Mai 1946 stellte der Tagesspiegel diese Frage rhetorisch-präventiv, aber offensichtlich auch schon aus Erfahrung. Die Antwort: „Ein solches Argument kann niemals anerkannt werden.“ (Wir zitieren in dieser historischen Kolumne wie immer in der damaligen Rechtschreibung.)Will man im Bild bleiben, dann war eine Kultur-Kanone größten Kalibers zuvor schon von den Alliierten „entlassen“ worden: Über Wilhelm Furtwängler, der in Nazi-Deutschland geblieben war und von Goebbels’ und Görings Gnaden die Berliner Philharmoniker geleitet und an der Berliner Staatsoper dirigiert hatte, war von den Alliierten fürs Erste ein Auftrittsverbot verhängt worden.Mit der Begründung, die Deutschen zur Demokratie zu erziehen, trieben die Alliierten die „Entnazifizierung“, oder synonym damals auch „Denazifizierung“, in der direkten Nachkriegszeit mit Anordnungen und Direktiven voran. Im heutigen Wissen darum, wie dann in Deutschland tatsächlich „entnazifiziert“ wurde, wirkt deren Wortlaut, hier dokumentiert im Tagesspiegel, fast surreal strikt. Entnazifizierungs-Anordnung im Tagesspiegel vom 9. März 1946 auf der Berlin-Seite. © Tsp-Archiv Auch der Stardirigent machte von der Möglichkeit Gebrauch, sich vor einer Entnazifizierungskommission einer „Reinigung“ zu unterziehen, wie es der Tagesspiegel ausdrückte, allerdings selbst in Anführungszeichen. Vorschnellen Rehabilitierungsmeldungen über Furtwängler war unsere Zeitung im Juni 1946 noch entgegengetreten.Im Dezember desselben Jahres folgte die „Entlastung“ samt ausführlich zitierter Begründung, derzufolge Furtwängler zwar „mit dem Gewicht seiner künstlerischen Bedeutung den kulturellen Interessen des Dritten Reiches diente“, er aber „selbst weder äußere noch innere Bindungen zu der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen hatte und in vielen Fällen Verfolgten Hilfe gewährte“.Maßgeblich dafür, eine „Entnazifizierung“ auszusprechen oder zu verweigern, war demnach, ob jemand Parteigänger oder Sympathisant war. Als weniger wichtig erschien, wie es dem NS-Regime half, wenn jemand sein Können und seine Prominenz in dessen Dienst stellte.Natürlich beschränkte sich die frühe, später dann ohnehin kaum mehr weiterverfolgte „Denazifizierung“ nicht auf die Kultur. Quer durch die Branchen gab es auf der Berlin-Seite Artikel im Stil von Gerichtsreportagen – „Ideale und Beweise“ (Einsprüche von Ärzten), „Gesinnung vor dem Richtertisch“ (Versuche, in der Wirtschaft wieder Fuß zu fassen) – wie auch nachrichtliche Berichte mit vielen Zahlen („Die Säuberung der Polizei“) .Die bezirklich organisierte Entnazifizierung betraf auch die Bezirksämter selbst. Hier ein Beispiel aus Wedding, ein erstes Resümee. Mit befürchtetem Personalmangel und protokolliertem Desinteresse klingen zwei Dauerthemen an.Die eigene Branche darf bei alldem nicht unerwähnt bleiben, durchaus kritisch auch im Tagesspiegel. So leitete Peter Wyden, der als Jugendlicher 1937 mit seinen Eltern vor antisemitischer Verfolgung aus Berlin nach New York geflohen war und sich nun in seiner Heimatstadt als US-Militärangehöriger am Wiederaufbau der Presse beteiligte, das weitverbreitete Mitmachen und Mitlaufen deutscher Journalisten auch historisch ab.Dass vielen „das Handwerk gelegt“ wurde, lässt sich laut der Studie „Journalismus im Dritten Reich“ von Norbert Frei und Johannes Schmitz am ehesten über exponierte Nazi-Ideologen unter den Medienschaffenden sagen. „Berufsverbot erhielten allenfalls jene, die als ausgesprochene Parteijournalisten bekannt waren und/oder einen Rang in der SS bekleideten“, schreiben die beiden Forscher in ihrem Standardwerk.So tauchten Journalisten, deren propagandistisches Wirken bis 1945 offensichtlich gewesen und im Tagesspiegel sogar vielfach dokumentiert worden war, bald darauf wieder in hohen bis höchsten Positionen auf. Auch beim Tagesspiegel selbst, dazu bald mehr in dieser Kolumne.