Als in der Theobald-Ziegler-Schule die ersten Töne des Streichquartetts „Kalliope“ erklingen, wird es im Musikraum plötzlich ganz still. Kinder, die eben noch durcheinanderredeten, schauen gebannt nach vorn, einige rutschen neugierig auf die Stuhlkante. Für viele ist es die erste Begegnung mit klassischer Musik aus nächster Nähe.Vor wenigen Wochen stand die Schule aus einem ganz anderen Grund in den Schlagzeilen. Weil Geländer im Treppenhaus nicht den Sicherheitsvorgaben entsprachen, mussten sie provisorisch mit Spanplatten und Wachpersonal abgesichert werden – eine teure Notlösung im denkmalgeschützten Gebäude. An diesem Tag wird dagegen sichtbar, was Schule Kindern jenseits von Mathe und Deutsch geben kann.„Ich habe noch nie so große Augen gesehen, wie als das große Cello in den Raum getragen wurde“, sagt Musiklehrerin Sarah Gold. Das Kalliope-Quartett der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) spielt ein dramatisches Stück, das die Kinder sofort mitreißt. Einige wippen mit, andere werden ganz ruhig. „Der eine wird ganz zappelig, der andere verstummt. Aber man sieht: Es bewegt“, beobachtet HfMDK-Präsident Elmar Fulda, der an diesem Vormittag auch im Klassenzimmer sitzt.Wenn Kinder Musik zum ersten Mal live erlebenNach dem ersten Stück stellen die Musikerinnen ihre Instrumente vor und zeigen, wie unterschiedlich sie in den Tonarten Dur oder Moll klingen. Die Kinder sollen entscheiden, was fröhlich und was traurig wirkt. Als das Cello seinen tiefsten Ton spielt, schrecken einige zusammen, andere lachen. Schnell kommen die ersten Fragen: „Können wir das auch lernen?“ – „Ich will auch eine Geige haben!“Als das Quartett Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ anstimmt, erkennen viele das Stück sofort. Musiklehrerin Sarah Gold hat mit ihnen eine kleine Choreographie erarbeitet. Sie klatschen, trampeln, wiegen im Takt. Musik wird hier zu einem gemeinsamen Erlebnis.Wie klingt eine Bratsche? Maj Bommas, aus dem Kalliope-Quartett, erklärt die Funktion des Bogens.Maximilian von LachnerIm anschließenden Gespräch geht es um die Bedeutung solcher Momente – und um die Lücken im System. In Hessen finden nur rund drei Viertel der vorgesehenen Musikstunden tatsächlich statt, etwa 60 Prozent des Unterrichts übernehmen fachfremde Lehrkräfte, an jeder dritten Grundschule fehlt eine ausgebildete Musiklehrkraft. Zugleich rückt mit dem Ganztagsanspruch von 2026 an ein bildungspolitischer Einschnitt näher: Er könnte musikalischer Bildung mehr Raum geben, aber auch dazu führen, dass sie noch stärker an den Rand gedrängt wird. Zum Beispiel in freiwillige Arbeitsgruppen am Nachmittag, die vor allem Kinder anziehen, die über ihre Eltern ohnehin schon Wege zur Musik gefunden haben.„Bei Musik spielt Sprache keine Rolle.“Schulleiterin Christina Raab beschreibt die Lage an ihrer Schule: Es gebe nur eine ausgebildete Musiklehrerin, Sarah Gold. „Es war ein Jackpot, als Frau Gold zu uns kam“, sagt Raab. Die übrigen Stunden würden von fachfremden Kolleginnen unterrichtet. Zugleich sei die Schule „bunt“. Kinder mit sehr unterschiedlichen Sprachen, Hintergründen und Startchancen lernten zusammen. „Was ich an Musik toll finde, ist, dass Sprache keine Rolle spielt“, sagt Musiklehrerin Gold. „Die Kompetenzen sind anders verteilt. Es entsteht ein Gruppengefühl.“ Die Kinder seien dankbar, im Musikunterricht „den Stift beiseitezulegen“.In dem Gespräch bekommen auch vier Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit zu erzählen, was Musik für sie bedeutet. Teils sind sie über ihre Familien zur Musik gekommen – über Instrumente der Großeltern und gemeinsames Spielen mit den Eltern. Für HfMDK-Präsident Fulda ist das ein Problem: Noch immer hänge musikalische Bildung stark vom Elternhaus ab. Wer Instrumente zu Hause habe, wer Zeit und Geld für die Musikschule aufbringen könne, habe einen Vorsprung. Gerade deshalb sei die Schule der einzige Ort, an dem wirklich alle Kinder erreicht werden könnten – auch die, die zu Hause keinen Zugang zu Musik hätten.Der Musik Monat Mai, der aus einem „Tag der Schulmusik“ entstanden ist und inzwischen Tausende Schüler erreicht, will zeigen, was möglich ist, wenn Kulturinstitutionen und Schulen zusammenarbeiten. Doch Projekte allein könnten strukturelle Defizite nicht ausgleichen, sagt Christopher Brandt, Vorstandsmitglied des Hessischen Landesmusikrats, im gemeinsamen Gespräch. Damit aus Erlebnissen wie an diesem Vormittag mehr werde als eine schöne Erinnerung, brauche es verlässlichen Musikunterricht mit qualifizierten Lehrkräften und politische Entscheidungen, die musikalische Bildung nicht als Randthema behandelten.
Musik Monat Mai: Kalliope-Quartett begeistert Schüler für Klassik
Wenn das Kalliope‑Quartett in der Theobald‑Ziegler‑Schule aufspielt, wird aus einem gewöhnlichen Vormittag ein Schlüsselmoment: Kinder entdecken klassische Musik.










