Ebola kursiert offenbar schon seit Wochen in Kongo-Kinshasa. Ist der Ausbruch deutlich grösser als bisher bekannt?Die Zahl der Infizierten und Toten steigt rasch – bisher sind 131 Personen gestorben. Gesundheitsexperten zeigen sich im Gespräch besorgt.20.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPrävention gegen das tödliche Virus: Schülerinnen und Schüler in der kongolesischen Stadt Goma waschen sich die Hände.Marie Jeanne Munyerenkana / EPA«Es wird schwierig, diesen Ausbruch zu stoppen», sagt Greg Ramm, «das Virus hat sich schon weit verbreitet.» Ramm ist Länderchef der Hilfsorganisation Save the Children in Kongo-Kinshasa, er ist vor wenigen Tagen aus dem Nordosten des Landes zurückgekehrt, wo sich der jüngste Ausbruch des hochansteckenden Virus abspielt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zahlen steigen rasch. Am Dienstag hat Kongos Gesundheitsminister, Samuel Kamba Mulamba, die bestätigten Infektionen auf 513 hinaufkorrigiert. 131 Personen seien an dem Virus gestorben. Das sind schon beinahe doppelt so viele bestätigte Infizierte und Tote wie am Freitag, als die kongolesischen Behörden erstmals informierten.Der jetzige Ebola-Ausbruch ist bereits der grösste seit jenem von 2018 bis 2020, als ebenfalls im Osten von Kongo-Kinshasa 3500 Personen starben. Die WHO hat am Samstag eine internationale Gesundheitsnotlage erklärt.Offenbar kursierte das Virus schon seit Wochen in der betroffenen Provinz Ituri, örtliche Gesundheitsarbeiter erkannten es aber nicht. Greg Ramm von Save the Children konnte die Ungewissheit vor Ort beobachten. Er war eigentlich nicht wegen Ebola in die Gegend gereist, vor Ort machten dann Gerüchte über eine tödliche Krankheit die Runde. «Die Leute waren besorgt über einen Krankheitsausbruch, bei dem Menschen starben. Gesundheitsarbeiter hatten auf Ebola getestet, doch die Tests fielen negativ aus.»Überwachung hat versagtDie Proben fielen negativ aus, weil es sich bei der ausgebrochenen Variante nicht um die gängigste Form von Ebola handelt – den Zaire-Stamm –, sondern um die seltene Bundibugyo-Variante, die erst zweimal ausgebrochen ist. Die in Ituri eingesetzten Testkits erkennen nur die Zaire-Variante. Die Gesundheitsarbeiter in der Provinz unterliessen es offenbar auch während Wochen, Proben in die 1800 Kilometer entfernte Hauptstadt Kinshasa zu senden, wo die Laborinfrastruktur besser ist.Der Leiter des Nationalen Instituts für Biomedizinische Forschung, Jean-Jacques Muyembe, der auch einer der Entdecker von Ebola ist, sagte gegenüber einer kongolesischen Nachrichtenplattform: «Unser Überwachungssystem hat nicht funktioniert.» Leute, die nach Kinshasa hätten rapportieren müssen, hätten dies versäumt. Zum Beispiel hätten sich Parlamentsabgeordnete in der Region aufgehalten und von den Todesfällen gewusst. Sie hätten aber die Behörden in der Hauptstadt nicht informiert.Wegen der verpatzten Früherkennung ist wertvolle Zeit verlorengegangen. Die Zahl der Toten und Erkrankten könnte deutlich höher sein als offiziell bekannt – wie mehrere Vertreter von internationalen Hilfsorganisationen im Gespräch sagen. «Wir sind gerade ziemlich blind», sagt zum Beispiel Alan Gonzalez, stellvertretender Direktor für Einsätze bei Ärzte ohne Grenzen (MSF). «Aber wir schicken mehr Material und Personal in die betroffene Gegend, als es die bisher bekannten Zahlen erfordern.»Zur Unsicherheit trägt auch bei, dass die Region Ituri ein Konfliktgebiet ist – mehrere bewaffnete Gruppen sind aktiv, fast eine Million Menschen in der Gegend sind durch die Gewalt vertrieben worden. In den letzten Monaten hatten sich die Kämpfe verschärft. In der Stadt Mongwalu zum Beispiel, einem Epizentrum des Ebola-Ausbruchs, bekämpfen sich regelmässig Milizen. Gesundheitsarbeiter wohnen deshalb meist in der 50 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Bunia.«Es ist ein perfekter Sturm», sagt Alan Gonzalez von MSF. «Ein Konfliktgebiet, in dem die medizinische Versorgung ohnehin prekär ist – und nun diese Epidemie.»«Wir sind viel zu spät dran»Es gibt eigentlich seit einigen Jahren Impfungen gegen Ebola. Doch wie die Testkits, die das Virus in Ituri nicht erkannten, sind auch die Impfungen auf die Zaire-Variante ausgerichtet. Bei der Bundibugyo-Variante sind die Impfstoffe mit grosser Wahrscheinlichkeit wirkungslos. Dasselbe gilt für die gängigen Ebola-Medikamente. Ein Expertengremium der WHO wollte sich am Dienstag treffen, um über mögliche Optionen für Impfungen zu beraten. Die Bundibugyo-Variante ist weniger tödlich als die Zaire-Variante – aber sie tötet noch immer bis zu 40 Prozent aller Erkrankten.In Ituri fehlt es ausser an wirksamen Impfstoffen und Medikamenten auch an Schutzmaterial – Schutzanzügen und Leichensäcken zum Beispiel. Hilfsorganisationen versuchen dieses nun einzufliegen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits zwölf Tonnen an Gütern geschickt. Am Dienstag sollte eine weitere Ladung von sechs Tonnen eintreffen.Trotzdem sagt Bob Kitchen, Vizepräsident für Notfälle bei der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC): «Wir sind viel zu spät dran.» Er habe Bilder gesehen von Gesundheitsarbeitern, die nur mit Plastikhandschuhen geschützt Leute auf Ebola-Symptome prüften. «Ich bin erschrocken, das ist höchst gefährlich», sagt Kitchen.Wie rasch die Schutzmaterialien verteilt werden können, ist unsicher. Das betroffene Gebiet ist gross: Ein Fall ist zum Beispiel in Goma bekanntgeworden, einer Grossstadt im Ostkongo, die mehrere Tagesreisen entfernt von Ituri liegt. Goma und die umliegenden Gebiete sind unter Kontrolle der M23, einer Rebellengruppe, die einen Parallelstaat aufgebaut hat. Die M23 hat etwa einen eigenen Gesundheitsminister eingesetzt. Ob die Rebellen bereit sind, sich an einem nationalen kongolesischen Notfallplan zu beteiligen, ist unklar.Die Schweiz, Deutschland und die USA haben die Hilfe gekürztDie Eindämmung des Virus wird schliesslich auch dadurch erschwert, dass viele Länder in den vergangenen Jahren die Gelder für die humanitäre Hilfe gekürzt haben, unter ihnen Deutschland und die Schweiz. Allein aus den USA sind Milliarden Dollar weggefallen, weil die Regierung von Donald Trump vor einem Jahr die staatliche Entwicklungshilfebehörde USAID aufgelöst hat.Vor Ort in Ituri hat dies etwa dazu geführt, dass Personal in den Gesundheitszentren fehlt. Oder dass die Zentren von Patienten Behandlungsgebühren verlangen – was sich in der armen Region viele nicht leisten können. Greg Ramm von Save the Children sagt, er habe in Ituri ein Gesundheitszentrum besucht, das seit den Hilfskürzungen eine Gebühr von wenigen Dollar erhebe und nun statt von 2000 Patienten monatlich noch von weniger als 200 aufgesucht werde.Dafür, dass die finanziellen Mittel fehlen, ist auch der kongolesische Staat verantwortlich. Dieser wendet für die Bevölkerung pro Kopf weniger als 10 Dollar pro Jahr für die Gesundheit auf – was Kongo-Kinshasa zu einem der Länder mit den tiefsten staatlichen Gesundheitsausgaben macht. Gerade in periphere Regionen wie Ituri fliesst wenig Geld.Der einzige Gesprächspartner, der Optimismus versprüht, ist der Regierungssprecher von Uganda, Alan Kasujja. Das Nachbarland, das eine Grenze mit Ituri teilt, hat Screenings an der Grenze eingeführt. Das haben auch die anderen Nachbarländer getan. Rwanda hat die Grenze zu Kongo-Kinshasa gar geschlossen.Der Sprecher Kasujja sagt: «Wir kennen Ebola. Wir werden das Virus auch diesmal besiegen.» In Uganda sind in den vergangenen Tagen zwei Fälle aufgetreten. Ein 59-jähriger Kongolese, der zur Behandlung eingereist war, starb in der Hauptstadt Kampala.Ob der ugandische Optimismus berechtigt ist, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Sollte der Ausbruch in Kongo-Kinshasa tatsächlich viel grösser sein als bisher bekannt, wird er kaum an den Grenzen aufzuhalten sein.Passend zum Artikel
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