Frau Langkamp, im Osten der Demokratischen Republik Kongo und in zehn Nachbarländern grassiert eine seltene Variante des Ebola-Virus, für die es bisher keine Impfstoffe gibt. Macht sich Panik in der Bevölkerung bemerkbar?In Kongo tritt Ebola immer wieder auf, aber meist handelte es sich um lokal begrenzte Ausbrüche und um die Zaire-Variante, gegen die es Impfungen gibt. Deswegen haben die Menschen auf die ersten Nachrichten relativ ruhig reagiert. Aber die rasante Verbreitung dieser nicht impfbaren Variante sorgt jetzt schon für große Verunsicherung. Jeder weiß, dass die offiziellen Infektionszahlen nur die Spitze des Eisbergs sind und hinter jedem Fall eine lange Kette an Kontakten steckt.Wie groß ist die betroffene Region?Es sind im Osten des Landes mittlerweile drei Provinzen – Ituri, Nord-Kivu und Tshopo – betroffen, auch in den Millionenstädten Goma (Nord-Kivu-Provinz) und Kisangani (Tshopo-Provinz) sind verdächtige Infektionsfälle aufgetaucht, außerdem gibt es Fälle in Uganda. Vor allem über die Verkehrsmittel verbreitet sich das Virus über große Entfernungen und über Provinzgrenzen hinweg. Ein Pendler von Ituri nach Goma in Nord-Kivu etwa benutzt drei oder vier Sammeltaxis, in denen zehn bis 14 Menschen sitzen können. An Raststätten gibt es weitere Kontakte, dann natürlich Begegnungen mit Familienmitgliedern und Bekannten.Ursula Langkamp, Landesdirektorin der Welthungerhilfe in GomaPrivatWie versuchen sich die Menschen im Alltag zu schützen?Das Ebola-Virus verbreitet sich nicht über die Luft, sondern über den Austausch von Körperflüssigkeiten. Gesichtsmasken sind daher wenig effektiv. Wichtiger sind das Einhalten von Hygieneregeln, also gründliches Händewaschen, Abstandhalten, das Vermeiden von Menschenansammlungen sowie das Temperaturmessen bei der Ankunft im Büro. In unserer Organisation sind sofort die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet worden, der Arbeitsmodus der Mitarbeiter wurde angepasst. Bei der Arbeit in den Gemeinden finden also keine Versammlungen mehr statt, und auch hier wird Abstand gewahrt. Das ist in vielen Unternehmen und Organisationen der Fall. Wie gesagt, die Menschen in Kongo kennen Ebola und wissen, wie man sich verhält. Das Alltags- und Wirtschaftsleben geht auf jeden Fall weiter.Einige der betroffenen Regionen werden von der Rebellengruppe M23 kontrolliert, die auch die Millionenstädte Goma und Bukavu erobert hat. Ist die von den Rebellen aufgebaute neue Verwaltung für einen Gesundheitsnotstand dieses Ausmaßes gerüstet?Der zur M23 gehörende Gouverneur von Nord-Kivu hat offiziell bekannt gegeben, dass umgehend alle Maßnahmen eingeführt werden und sie sich mit der kongolesischen Regierung in der Hauptstadt Kinshasa abstimmen wollen. Das ist bei einem Ausbruch über Provinzgrenzen hinweg auch nötig. Ob und wie das in der Praxis gelingt, muss man sehen, aber auch den Rebellen ist klar, dass ein großer Ebola-Ausbruch dramatische Folgen hätte.Sie waren vor etwa zehn Jahren in Sierra Leone während eines schweren Ebola-Ausbruchs. Welche Lehren kann man daraus ziehen?Die Behörden müssen schnell und konsequent handeln. In Sierra Leone wurden damals Kirchen und Moscheen geschlossen. Beerdigungen durften nur begleitet von Gesundheitspersonal stattfinden, die Leichen wurden mit Kalk bedeckt, Familienmitglieder mussten fernbleiben. Es hat lange gedauert, bis dieses System aufgebaut war, aber danach hat man die Lage in den Griff bekommen, weil die Regierung ganz genaue und strikte Vorgaben gemacht hat. Kongo ist ein viel größeres Land, das steigert die Angst. In einem kleinen Land ist es einfacher, Regeln zu setzen.Die Menschen in Ostkongo sind von Warenlieferungen abhängig, die aus dem Osten über Ruanda und andere Nachbarländer ins Land kommen. Jetzt hat Ruanda die Grenze geschlossen. Verschärft das die Lage?Ruanda hat die Grenze nach eigenen Angaben kurzzeitig geschlossen, um die Grenzposten umzurüsten und ein Triage-System einzuführen. Es muss beispielsweise die Temperatur von Grenzgängern gemessen, Isolierstationen müssen aufgebaut werden. Eine vorübergehende Grenzschließung zu diesem Zweck ist sicherlich sinnvoll. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt aber, die Grenzen in einem Epidemiefall offen zu halten, um die Versorgung zu gewährleisten. Blieben die Grenzen geschlossen, dann wären die Folgen für Ostkongo katastrophal.Was wird bei der Bekämpfung dieses Ebola-Ausbruchs am dringendsten benötigt?In Sierra Leone hat sich damals das Blatt gewendet, als alle Kontaktpersonen systematisch erfasst worden sind und ihr Gesundheitszustand überwacht wurde. Bei der medizinischen Versorgung war es entscheidend, dass die Patienten systematisch mit Infusionen rehydriert wurden. Anfangs war die Letalität, also der Anteil der Menschen, die an einer bestimmten Krankheit sterben, sehr hoch. Durch die systematischen Infusionen konnte sie merklich gesenkt werden.Ist das Gesundheitswesen darauf vorbereitet?In den größeren Städten in Ostkongo gibt es einige sehr gute Kliniken, aber auf dem Lande existiert vielerorts nur eine sehr einfache Gesundheitsversorgung über kleine staatliche Einrichtungen. Bei einem größeren Ausbruch ist Unterstützung von außen unabdingbar. Darauf ist Kongo, wie die meisten Länder, nicht vorbereitet.