Der belgische Diplomat, der mutmasslich an der Ermordung des kongolesischen Nationalhelden Patrice Lumumba beteiligt war, ist totEtienne Davignon war lange einer der mächtigsten Belgier. In einigen Monaten hätte er sich vor Gericht verantworten sollen. Doch nun ist er 93-jährig gestorben.18.05.2026, 15.47 Uhr3 LeseminutenMächtiger Diplomat, Geschäftsmann – und Kriegsverbrecher? Etienne Davignon 2016 in Brüssel.Yves Herman / ReutersEr war lange einer der einflussreichsten Diplomaten Europas, Vizepräsident der Europäischen Kommission ab 1977. Er leitete die Internationale Energieagentur, die grösste belgische Bank und half dabei, die nationale belgische Airline zu gründen. 2018 verlieh ihm der belgische König den Titel eines Grafen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Etienne Davignon ist am Montag im Alter von 93 Jahren gestorben.Was Davignon bis zuletzt auch war: ein Verdächtiger in einem Mordprozess.Davignon wurde vorgeworfen, 1961 als junger Diplomat in die Tötung des kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba verwickelt gewesen zu sein. Die Ratskammer des erstinstanzlichen Gerichts in Brüssel hatte im März entschieden, dass sich Davignon wegen Kriegsverbrechen vor Gericht verantworten solle. Der Prozess hätte voraussichtlich 2027 stattgefunden. Sein Tod macht das Verfahren nun hinfällig.Telegramm nach MoskauDavignon war ein junger Diplomat im belgischen Aussenministerium, noch keine dreissig Jahre alt, als das heutige Kongo-Kinshasa 1960 unabhängig wurde. Das riesige Land war ab 1885 eine belgische Kolonie gewesen, zuerst im Privatbesitz des Königs, später im Besitz des belgischen Staats. Belgien verlieh Kongo nur widerwillig die Eigenstaatlichkeit.Davignon sass im Saal in der kongolesischen Hauptstadt, dem heutigen Kinshasa, als der belgische König die Kolonie in die Unabhängigkeit entliess. Ebenfalls im Raum befand sich Patrice Lumumba, ein charismatischer Politiker, nur wenige Jahre älter als Davignon, der die erste nationale Partei in Kongo-Kinshasa gegründet hatte und nun als Premierminister amtierte.Lumumba machte sich die Belgier rasch zum Feind. Das Land stürzte wenige Tage nach der Unabhängigkeit ins Chaos. Die Provinz Katanga im Südosten des Landes, wo ein Grossteil der kongolesischen Rohstoffreichtümer liegt, spaltete sich ab – mit belgischer Unterstützung.Der Premierminister Lumumba bat zuerst die Vereinten Nationen, dann die Sowjetunion um Hilfe. Die Belgier und andere westliche Mächte, aufgeschreckt durch das Telegramm nach Moskau, versuchten daraufhin, den Premierminister abzusetzen. Mitte September wurde Lumumba durch einen Militärputsch entfernt, den die USA und Belgien mitfinanziert hatten.Im Januar 1961 wurde Lumumba dann nach Katanga geflogen und von einem Erschiessungskommando getötet. Seine Leiche wurde in Salzsäure aufgelöst. Bei der Hinrichtung anwesend waren auch belgische Polizisten. Einer von ihnen bewahrte einen Zahn Lumumbas als Andenken auf.Davignon fand Vorwürfe «absurd»Es ist unbestritten, dass der belgische Staat mitmischte bei der Beseitigung Lumumbas. Aufgearbeitet wurde die belgische Rolle aber während Jahrzehnten nicht. 2001 hielt ein parlamentarischer Untersuchungsbericht in Brüssel dann fest: Belgische Regierungsmitglieder trügen eine «moralische Mitverantwortung» für die Tötung des ersten kongolesischen Premierministers.Später ging es dann auch um juristische Verantwortung. Die Nachkommen von Patrice Lumumba reichten 2011 Klage ein. Etienne Davignon rückte immer stärker ins Zentrum. Nicht, weil er der Belgier mit der grössten Verantwortung gewesen wäre, sondern weil er am Ende der letzte noch lebende von elf Beschuldigten war.Der Vorwurf gegen Davignon lautete, er habe als Jungdiplomat dabei mitgeholfen, auf die Entlassung und später die Ermordung Lumumbas hinzuarbeiten. Davignon telegrafierte im Herbst 1960 zum Beispiel dem nach Katanga umgezogenen belgischen Botschafter: «Fehlende Entschlossenheit, was erklärt, Lumumba noch nicht unschädlich ist. Hauptproblem scheint, Lumumba ausschalten und Einheit kongolesischer Führer gegen ihn erreichen.»Das erstinstanzliche Gericht in Brüssel befand im März, Davignon habe dabei mitgeholfen, Lumumba rechtswidrig zu inhaftieren und nach Katanga zu transportieren. Er habe womöglich Kriegsverbrechen begangen.Davignon bezeichnete die Vorwürfe gegen ihn in einem Interview im Juli 2025 als «ziemlich absurd».Der Prozess gegen Davignon wäre das erste Mal gewesen, dass ein europäisches Gericht untersucht, ob eine ehemalige Kolonialmacht dabei mitgeholfen hat, einen führenden afrikanischen Politiker zu beseitigen. Davignons Tod hat dies nun verhindert.Passend zum Artikel