Manche dürfen noch telefonieren. Mehrab Abdollahzadeh zum Beispiel, 27 Jahre alt, der ahnte, dass er bald hingerichtet werden würde. Aus dem Gefängnis im westiranischen Urmia heraus rief er eine Menschenrechtsorganisation an, das Kurdistan Human Rights Network, kurz KHRN, und sagte ein paar Dinge, von denen er wollte, dass sie an die Öffentlichkeit kommen. Dinge, die die Welt über ihn wissen soll. Die Nachwelt. Eigentlich nur eine Sache: Dass er unschuldig ist.Abdollahzadeh, so berichtet es das KHRN, erzählte am Telefon von seiner Festnahme im Herbst 2022, während der „Leben, Frau, Freiheit“-Proteste. Die Revolutionsgardisten seien in seinen Laden in Urmia gekommen und hätten ihn mitgenommen, ohne dass er wusste, weswegen. Die Männer, die ihn vernahmen, hätten Namen hören wollen, irgendwelche Namen. Er sollte Leute hinhängen.Die Islamische Republik ließ Mehrab Abdollahzadeh am frühen Morgen des 3. Mai erhängenAls Abdollahzadeh beteuerte, er kenne keine Oppositionellen, er habe nicht mal demonstriert, begannen sie ihn zu foltern. Schläge erst, dann psychologische Folter, Isolationshaft. Man habe ihm Halluzinogene gegeben, sagte er am Telefon. „Ich schlug nur noch meinen Kopf gegen die Wand, ich verlor den Verstand.“ Irgendwann, nach Drohungen, seine Freundin und seine Familie zu verhaften, legte Abdollahzadeh ein falsches Geständnis ab. Er habe Basidsch-Mitglieder geschlagen, also Milizionäre der Revolutionsgarde.Ein Richter verurteilte ihn später wegen eines Falls, in dem ein Basidsch-Mann getötet worden war. Ein Fall, mit dem Mehrab Abdollahzadeh nichts zu tun hatte, von dem er nicht einmal gehört hatte. Die Männer, die ihn vernahmen, hätten von seiner Unschuld gewusst, dies sogar offen zugegeben. Es war ihnen egal. „Vielleicht“, sagte Abdollahzadeh im Telefonat aus dem Gefängnis, „hört ihr meine Stimme zum letzten Mal.“Zwei Jahre lang ließ die iranische Justiz Mehrab Abdollahzadeh auf das Urteil warten, auf sein Todesurteil. Jetzt, nach den erneuten Protesten im Januar und nach dem Krieg gegen Israel und die USA, hängte ihn die Islamische Republik. Am frühen Morgen des 3. Mai.Ein Fall, einer von vielen. Jüngst erschienene Berichte von Menschenrechtsorganisationen zeigen, wie viele solcher Fälle es in Iran in den vergangenen Wochen und Monaten gegeben hat. Das Regime hat nicht nur im Januar auf der Straße auf Menschen schießen lassen, wobei mindestens 7000 Demonstranten starben. Schätzungen gehen sogar von mehreren Zehntausend Opfern aus. Seitdem will die Staatsführung das Volk auch einschüchtern – und setzt dafür gezielt die Todesstrafe ein.Der Organisation Iran Human Rights zufolge wurden bis jetzt 44 Teilnehmer der Proteste zum Tode verurteilt. Drei Urteile hat das Regime schon vollstreckt, schneller, als es selbst im System der Islamischen Republik vorgesehen ist, teils noch während laufender Berufungsverfahren. Genau das hatte der Chef der Justiz, Gholamhossein Mohseni-Ejei, gefordert: schnelle Hinrichtungen und „keine Gnade“.Mindestens 2159 Hinrichtungen hat Amnesty International im vergangenen Jahr gezähltEiner der so schnell Getöteten ist Mohammad Abbasi, gemeinsam mit seiner Tochter im Januar festgenommen. Einen Rechtsbeistand erlaubte ihm das Regime nicht, er sollte sich selbst verteidigen. Vergangene Woche, am 13. Mai, wurde Abbasis Familie zum Gefängnis gerufen, angeblich, um ihn zu besuchen. Aber die Wärter schickten sie wieder nach Hause. Als die Familie auf dem Rückweg war, bekam sie einen Anruf. Mohammad Abbasi war gehängt worden.Mindestens 32 Hinrichtungen von politischen Gefangenen seit Kriegsbeginn zählt HRANA, eine von iranischen Aktivisten gegründete US-basierte Nachrichtenagentur. Dazu zählen Menschen, die demonstrierten oder demonstriert haben sollen, aber auch solche, denen das Regime vorwirft, sie hätten für Israel spioniert. Als Indiz dafür, ein Spion zu sein, reichen bestimmte Apps auf dem Handy, etwa Whatsapp oder Telegram – falls die iranischen Richter überhaupt noch Indizien brauchen, wenn sie jemanden zum Tod verurteilen wollen. Zum Beispiel wegen „Mohabareh“, in etwa: Kriegsführung gegen Gott. Das stand im Urteil gegen Mohammad Abbasi.Mindestens 1639. Das ist die Zahl der Hinrichtungen im vergangenen Jahr, von denen Iran Human Rights erfahren hat. Dahinter stehen nicht nur politische Urteile, jedenfalls nicht auf dem Papier, sondern auch etwa Verurteilungen wegen Drogendelikten. Aber der Anstieg gegenüber dem Vorjahr zeigt, wie sehr das Regime auf die Todesstrafe setzt: plus 68 Prozent. Die Islamische Republik nennt keinen Grund dafür, sie veröffentlicht auch keine Zahlen. Sie hat bloß nichts dagegen, dass alle es erfahren: Die Führung kann töten, wen sie töten will.2159, mindestens. Das ist die Zahl der Hinrichtungen in Iran im Todesstrafenbericht von Amnesty International 2025, der gerade erschienen ist. Iran, so die Menschenrechtsorganisation, sei damit fast allein dafür verantwortlich, dass es im vergangenen Jahr weltweit deutlich mehr Hinrichtungen gab.
Wie das iranische Regime die Todesstrafe zur Einschüchterung nutzt
In Iran wurden zahlreiche Demonstranten hingerichtet. Das Regime setzt die Todesstrafe gezielt zur Einschüchterung ein. Die Zahl der Hinrichtungen stieg 2025 deutlich an.













