Es kam anders als geplant. Wir starteten in Richtung Schweiz und landeten in der Holsteinischen Schweiz. Eine Verwechslung? Nein, schuld war die Großwetterlage. Schietwetter im Süden, Sonnenschein im Norden. Daher wurde das Kommando ausgegeben: Klar zur Wende! Wir richteten den Bug der R 1300 GS Adventure Richtung Küste und telegrafierten die entsprechenden Anweisungen in den Maschinenraum.Es handelt sich bei dieser BMW um den global mächtigsten Pott für die Große Fahrt. Das Motorrad für alle, die schon immer davon träumten, Kapitän zu werden. Passendes Mittel, dem Fernweh nachzugeben. Ist es als Teil eines Konvois unterwegs, fällt ihm dank seiner natürlichen Autorität immer die Rolle des Mutterschiffs zu.Lässt andere Reiseenduros aussehen, als seien sie geschrumpftZu den Leistungen einer R 1300 GS Adventure gehört es, dass sie andere Luxus-Reiseenduros wie eine gewöhnliche R 1300 GS oder eine Ducati Multistrada V4 S, für sich genommen mordsmäßig respekteinflößend, aussehen lässt, als seien sie über Nacht geschrumpft. Abdrücke, die der Hauptständer einer Adventure auf einem Parkplatz hinterlässt, werden Archäologen noch in Jahrhunderten eindeutig zuordnen können, etwa so, wie es heute mit den Dinosaurierspuren gelingt.In der Vergangenheit war die Adventure eine Variante der Basis-GS fast ohne gravierende Unterschiede. Sie zeichnete sich vor allem durch Sturzbügel und einen größeren Tank aus. Zum Modellwechsel fürs Jahr 2025 traf BMW die Entscheidung einer deutlicheren Spreizung. Die GS wurde schlanker, sportlicher, die fernreiseverliebte Adventure klotziger. Gute Entscheidung.Potentester BMW-Serienboxer aller ZeitenBeide nutzen den identischen Antrieb. Der mit variabler Ventilsteuerung arbeitende Motor, mit 145 PS und 149 Nm potentester BMW-Serienboxer aller Zeiten, überträgt den Schmalz per Kardanwelle zum Hinterrad. Fahrwerk, Rahmenheck, Sitzarrangement, Windschild und manches mehr sind unterschiedlich, die Federwege länger. Statt rund 240 Kilogramm bringt die Adventure, ein paar Extras eingerechnet und inklusive Benzin im 30-Liter-Tank, mehr als 270 Kilo an den Start.Preislich zielen beide in den weiß-blauen Himmel. Für eine Adventure werden mit mindestens 22.500 Euro noch einmal 2500 Euro mehr verlangt als für das Schwestermodell ohne den Namenszusatz. Trotzdem gelang ihr im vergangenen Jahr eine historische Tat: Erstmals überflügelte sie in der Verkaufsstatistik alle anderen BMW-Modelle, lag mit weltweit 33.570 verkauften Exemplaren an erster Stelle, schob sich also auch vor die über viele Jahre an oberster Stelle rangierende Basis-GS. Der Abstand betrug nur 1015 Einheiten, aber immerhin.Erfolgreiches RustikaldesignMöglicherweise sind die Verantwortlichen in München von den Zahlen selbst überrascht. Vielleicht werden sie die Beliebtheit der neuen Adventure nicht nur mit Zufriedenheit, sondern auch mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben. Denn mit dem Erscheinen der Maschine hatte es im Internet Spott und Häme über ihr Aussehen gehagelt. In der Tat handelt es sich nicht um eine zarte Elfe von höchster Anmut. BMW hat Form und Funktion auf unerbittliche Weise in Einklang gebracht. Man versucht ja auch nicht, einen Bergepanzer wie eine Lotus Elise aussehen zu lassen. Ob einem das Rustikaldesign nun gefällt oder nicht: Der Triumph mit den Zulassungszahlen ist ein schönes Beispiel dafür, dass es genug Menschen gibt, die sich in ihrem Urteil nicht von jenen beeinflussen lassen, die in Online-Kanälen am lautesten schreien.Platzmangel? Eher nicht . . .Walter WilleZudem widerlegt die Adventure die verbreitete Ansicht, auf einem Motorrad herrsche Platzmangel. Mit Unbequemlichkeit kann man sie ebenfalls nicht in Verbindung bringen, der Windschutz ist überragend, die Scheibe bewegt sich elektrisch auf und ab. Schon bisher setzte die Adventure Maßstäbe, die Neue packt noch eins drauf. Sie zieht alle Register der Transportkünste, bietet Haken, Ösen und sonstige Befestigungsmöglichkeiten in Hülle und Fülle, sodass man für alle Eventualitäten alles mitnehmen kann, bis auf die Waschmaschine, wofür BMW allerdings auch noch eine Lösung finden wird. Denn die Entwicklung steht nicht still, es werden eine nächste und eine übernächste Generation der GS Adventure kommen.Wer den Konfigurator zu Rate zieht, entdeckt drei Varianten der Adventure, die 740 bis 2170 Euro teurer sind als die in Rot gehaltene Basisversion. Solch eine Basis-Rote haben wir einmal ungefähr so zusammengestellt, wie sie als Testmaschine mit uns auf Tour ging und wenig Wünsche offenließ. Die Summe lag am Ende bei gut 30.000 Euro. Schluck!Absteigen leicht gemachtZur Serienausstattung zählten dabei unter anderem: mehrere Fahrmodi, elektronisches Fahrwerk mit Beladungsausgleich, Tempomat, Smartphone-Ladefach, Reifendruckkontrolle, Funkschlüssel für Lenk, Zünd- und Tankschloss, Zusatzscheinwerfer, Bremsassistent, Berganfahrhilfe, Motorschleppmomentregelung. Als Extras gingen drei Ausstattungspakete, radargestützte Assistenzsysteme, Navigationsgerät, elektrifizierte Alu-Koffer und manches mehr an Bord, was den Umgang mit dem Motorrad so angenehm macht. Es vermag sich dann beispielsweise beim Anhalten etwas abzusenken, um das Erreichen des Bodens zu erleichtern, kann zudem mittels elektronischem Federbein sein Heck anheben, damit es einfacher auf den Hauptständer zu wuchten ist, auch vollbeladen. Das optional erhältliche automatisierte Schaltgetriebe (mit manuellem und Automatikmodus) ist ein Spektakel der Entwicklungskunst, insbesondere im Zusammenspiel des automatischen Schaltens mit dem Abstandstempomaten.Solcherlei funktioniert vorzüglich, doch sind es an dieser großen BMW auch Kleinigkeiten, die Freude bereiten: maßgeschneiderte Stautaschen, simpel anzusteckender Tankrucksack, gummierte Flächen an der Tankoberseite, auf denen man während der Pause ein Getränk rutschfest abstellen kann. Es gibt Spitzenkönner, die mit dem teuren Koloss durchs Gelände bolzen, den Normalbegabten unter uns wird schon beim Manövrieren auf einem weich geschotterten Parkplatz mulmig. Nichts hält eine GS Adventure, wenn sie ins Wanken gerät. Vom Seitenständer in die Senkrechte bugsieren, ist ein Akt.Alles im Griff: Tankrucksack an einer BMW R 1300 GS AdventureWalter WilleAls wir dann, schon auf dem Heimweg, die Elbe entlangdampferten, durchquerten wir zufällig Bullenhausen und eine halbe Stunde später auch Bullendorf, wo sich der Boxermotor, die Bulligkeit in Person, sehr heimisch zu fühlen schien. Wobei er sich in seiner universellen Verwendbarkeit im Grunde überall heimisch fühlt. Wendland, Wüste oder Winsen an der Luhe, kein Weg ist zu weit. Nach dem Volltanken verspricht das Cockpit rund 530 Kilometer Aktionsradius und mehr. Unser Durchschnittsverbrauch über 1400 Kilometer betrug erträgliche 5,3 Liter je 100 Kilometer. Eine parallel dazu in der gleichen Art und Weise bewegte „Normal“-GS war drei Zehntel sparsamer, eine 170 PS starke Ducati Multistrada V4 S ließ sich 6,0 Liter schmecken.Nach den ersten Monaten dieses Jahres liegt die Adventure im Wettrennen mit der regulären GS hauchdünn hinter ihrem Schwestermodell. Abwarten, sagen die Verantwortlichen. Sie vermuten, dass die Adventure am Ende ihre dicke Nase wieder vorn haben wird.