PfadnavigationHomeWirtschaftBetter FutureBetter FutureBetter Future Conference 2026Nachhaltig in ungewissen Zeiten? Jetzt erst recht!Stand: 12:32 UhrLesedauer: 6 MinutenWELT-Reporterin Inga Michler mit dem Bundestagsvizepräsidenten Omid Nouripour (Grüne), Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimm und Michelin-Managerin Maria Röttger (v. l.)Quelle: Mario FirynBei der elften „Better Future Conference“ von WELT AM SONNTAG diskutierten Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Medien über die optimale Vereinbarkeit von Ökologie und ÖkonomieDie Bundesrepublik steckt in der womöglich schwersten Krise ihrer Geschichte. Die Wirtschaft siecht, der Sozialstaat zerbröselt und geopolitisch ist die Lage unberechenbarer als jemals zuvor in der Nachkriegszeit. „Alle Gewissheiten, die wir hatten, wanken zumindest. Da denkt man doch eher über seine eigene Existenz und die Zukunft seiner Kinder nach und weniger über Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Klimaziele.“ So eröffnete Jacques Schuster, Chefredakteur WELT AM SONNTAG, die elfte „Better Future Conference“, in deren Zentrum dann aber doch die Nachhaltigkeit stand. „Vielleicht ist es ein Ansporn für uns in Europa zum ‚Jetzt erst recht‘„, nahm WELT-Wirtschaftsreporterin Inga Michler, die durch die Veranstaltung führte, den Ball auf. Zumal der Begriff „Nachhaltigkeit“ offenbar auch seinen Inhalt geändert hat. Es ist keine komplette Umwertung, aber doch eine bezeichnende Veränderung, über die Janina Mütze, Chefin des Meinungsforschungsinstituts Civey, in ihrem Impulsreferat berichtete. „Nachhaltigkeit wird heute weniger als moralisches Ziel diskutiert, sondern stärker als Frage von Stabilität, Sicherheit und Souveränität“, so die Quintessenz einer aktuellen Umfrage im Auftrag von Vattenfall. Darin hatten 94 Prozent Deutschland als verwundbar bei Energiepreisen und -versorgung angesehen. Mehr als 55 Prozent der Befragten plädierten dennoch für den Ausbau von erneuerbaren Energien, Netzen und Speichern.Nachhaltigkeit muss wirtschaflich funktionieren „Das ist ein anderer Zugang als noch vor wenigen Jahren. Nicht mehr nur Klimaschutz. Sondern Unabhängigkeit, planbare Preise und Resilienz“, so Janina Mütze, „mit diesem Narrativ erreicht man plötzlich ganz andere Gruppen. Nachhaltigkeit ist zurück. Nur in einem anderen Gewand.“ Insofern scheinen die Menschen tatsächlich für ein „Jetzt erst recht“ zu votieren, allerdings knüpfen sie das inzwischen an eine wichtige Bedingung: „Nachhaltigkeit muss wirtschaftlich funktionieren“, so Janina Mütze. Die alte, zwischenzeitlich verschüttete Frage nach der Balance von Ökonomie und Ökologie steht somit wieder auf der Tagesordnung. Kunden, Partner und Mitarbeiter bedenkenAuch Wirtschaftsvertreter stellen nicht mehr in Abrede, dass es nur mit Nachhaltigkeit geht. Maria Röttger, President und CEO Europe North des Reifenherstellers Michelin, machte auf dem Podium der „Better Future Conference“ unmissverständlich klar: „Wenn du das Thema Nachhaltigkeit nicht angehst, Energiewende nicht angehst, dann brauchst du gar nicht über ,Future‘ diskutieren und schon mal gar nicht über ,Better‘.“ Die Verantwortung für den Planeten sei daher ein Bezugspunkt in allen wirtschaftlichen Entscheidungen des Unternehmens.Die Managerin, die für gut 10.000 Mitarbeiter im deutschsprachigen Raum, in Skandinavien und auf den britischen Inseln verantwortlich ist, betonte jedoch ebenso klar: „Für uns bedeutet Nachhaltigkeit immer ein Zusammenspiel mit Unternehmertum und natürlich Gewinnerzielung. Du musst Gewinn machen, sonst kannst du nicht in deine Zukunft investieren.“ Und der dritte Faktor, der eine Rolle bei der Entscheidungsfindung spiele, sei der Mensch – als Kunde, Partner oder Mitarbeiter. „Wenn wir eine Entscheidung treffen, nehmen wir alle drei mit rein. Macht das keinen Sinn für eins dieser drei Elemente, werden wir die Entscheidung nicht treffen. Das ist einfach eine Frage der Notwendigkeit“, so Röttger. Deutschland reagiert zu langsamWenn in Bevölkerung und Wirtschaft die Erkenntnis gereift ist, dass Nachhaltigkeit notwendig ist, aber mit wirtschaftlichem Augenmaß verfolgt werden muss, woran krankt die Umsetzung? „Wir sind zu langsam. Das ist mittlerweile das Hauptthema dieser Republik“, diagnostizierte Omid Nouripour, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und Ex-Parteichef der Grünen, auf dem Podium. Und Veronika Grimm, streitbares Mitglied im Rat der Wirtschaftsweisen, bemängelte: „Den Teil, der gesellschaftlich einfach zu verhandeln ist, setzen wir engagiert um. Aber bei dem Teil, der nicht so gemütlich zu diskutieren ist, da geht es nicht voran. Das hemmt am Ende die gesamte Energiewende.“ Überregulierung behindert die WirtschaftDie Professorin für Energiesysteme und Marktdesign von der Technischen Universität Nürnberg meint damit, dass bei der Realisierung der Energiewende weniger die strukturell notwendige Reihenfolge das Handeln prägt, sondern der Weg des geringsten Widerstandes und des kurzfristigen Erfolgs. Ein weiteres zentrales Problem auf dem Weg in eine bessere Zukunft war schnell identifiziert: die staatliche Überregulierung. „Wir sind so vorsichtig in der Regulierung, dass es einfach nicht so richtig vorangeht. Und das in einer Welt, wo in anderen Regionen der Welt viel attraktivere Bedingungen für Innovationen herrschen“, war sich Veronika Grimm mit dem Grünen-Politiker Nouripour einig. „Wir haben jahrzehntelang Gesetze und Normen angehäuft, in Bund, Land, Kommune und Europa. Jede einzelne Regel ist vielleicht per se richtig, zusammen erschlägt es nur noch“, betonte Nouripour.Michelin-Managerin Maria Röttger hieb in dieselbe Kerbe: „Wenn du als Unternehmer Anfang Dezember nicht weißt, ob eine Regelung am ersten Januar in Kraft tritt oder nicht, dann denkst du: Entschuldigung, so kann ich meinen Job nicht machen.“ Ein Lichten des Dickichts aus Vorschriften und die Schaffung von Rahmenbedingungen, die mehr Freiheit für Bürger und Unternehmen bedeuten: Auf dieses Rezept schien man sich auf dem Podium einigen zu können. „Eigentlich brauchst du im Moment nur drei Dinge, und die sind doch gar nicht so schwer“, sprach Maria Röttger für die Wirtschaft: „Planbarkeit und akzeptable Energie- sowie Arbeitskosten.“Lesen Sie auchAus der Perspektive der Wissenschaft betonte die „Wirtschaftsweise“ Grimm: „Wir als Bevölkerung, Unternehmen und deren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können das System schon ganz schön umkrempeln, wenn eben die Regulatorik so ist, dass man hier auch gerne wirtschaftet.“ Nouripour ergänzte: „Die Leute sind nicht dumm. Es wäre extrem ratsam, wenn die Politik zwei Dinge beherzigte. Erstens müssen wir den Leuten abnehmen, dass sie die Wahrheit ertragen, und zweitens müssen wir die Auswege darstellen, die wir miteinander gehen können.“ Nina Warken ist auf Kritik gefasstDas scheint sogar für das notorisch heikle Feld des Gesundheitswesens zu gelten. Generationen von Politikern haben sich bemüht, das Feld zukunftsfähig und nachhaltig zu gestalten. Ihr Erfolg blieb überschaubar, was lange Zeit durch stetig wachsende Beitragssummen übertüncht wurde.Jetzt muss sich Gesundheitsministerin Nina Warken mit dem Problem herumschlagen und bekam nach Vorlage ihres Reformpakets die Kampfkraft der Lobbygruppen drastisch zu spüren. „Es war ja von vornherein klar, dass dieses notwendige Reformpaket nicht überall auf Zuspruch stoßen wird und die Gesundheitsbranche insgesamt auch sehr laut sein kann“, berichtete die CDU-Politikerin im Abschlussgespräch. „Aber wenn man selbst davon überzeugt ist, einen guten Vorschlag gemacht zu haben, und davon, dass jetzt wirklich großer Handlungsbedarf besteht, dann kann man auch mit Kritik umgehen.“Zumal die Bundesministerin auch bei den Kunden und Hauptfinanziers des Milliarden-Sektors die Bereitschaft zu mehr Nachhaltigkeit geortet haben will. „Wenn ich darüber mit Bürgerinnen und Bürgern spreche, bemerke ich durchaus eine Offenheit für die gut begründbaren Vorschläge und auch eine gewisse Veränderungsbereitschaft. Es hilft uns allen nichts, wenn der Sozialstaat so weitermacht wie bisher, wir ihn uns in dieser Form aber nicht mehr leisten können. Es geht um nicht weniger als die Zukunft dieses Sozialstaats.“ Sollte die Ministerin richtig liegen, könnte sich selbst auf diesem Gebiet eine nachhaltige Sicht mit dem Blick für Wirtschaftlichkeit ausbreiten. Uwe Sauerwein
Better Future Conference 2026: Nachhaltig in ungewissen Zeiten? Jetzt erst recht! - WELT
Bei der elften „Better Future Conference“ von WELT AM SONNTAG diskutierten Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Medien über die optimale Vereinbarkeit von Ökologie und Ökonomie






