Es gibt wenige Hotels, die einen solchen Kultstatus erreichen wie «Il Pellicano» im Süden der Toskana. Die Kreativdirektorin und CEO der Hotelgruppe, zu der vier weitere Hotels gehören, über ihre Design-DNA und das wichtigste Möbelstück in einem Hotel.Für alle, die noch nie da waren: das Hotel Il Pellicano in einem Satz?Es ist eine Welt für sich, absolut magisch.Worin zeigt sich diese Magie?Wie bei einem Rezept ist es auch hier eine Kombination aus mehreren hochwertigen Zutaten. Der Service, die Menschen, die dort arbeiten, die Natur, die Langsamkeit und die sorgfältig ausgewählte Einfachheit. Das Hotel Il Pellicano befindet sich in Porto Ercole auf der Halbinsel Monte Argentario im Süden der Toskana. PD «Il Pellicano» wurde 1965 eröffnet, 1979 kaufte es Ihr Vater. Wie prägend ist eine Kindheit im Hotel?Weil Kinder früher im «Pellicano» nicht erlaubt waren, erlebte ich das Hotel hinter den Kulissen. Ich versteckte mich hinter den Rosmarinbüschen und schaute in diese Welt voller schöner und eleganter Erwachsener, die sich prächtig amüsierten. Ich sah viel Fröhlichkeit und Eleganz, viel Neues. Es war wie reisen, ohne zu reisen.Das «Pellicano» hatte immer eine besondere Anziehungskraft auf Künstler und Persönlichkeiten wie Charlie Chaplin oder Jackie Kennedy. Woran liegt das?Hier wird man nicht gestört. «Il Pellicano» war und ist ein legendärer und zugleich diskreter Ort.Auch Fotografen wie Slim Aarons oder Juergen Teller haben das Hotel geprägt. Was haben Sie aus ihrem Blick auf diesen Ort gelernt?Als Kind zu beobachten, wie Slim Aarons Menschen fotografierte, war für mich wie eine Linse, durch die ich die Welt verstand. Es war fast so, als sähe ich mir ein Filmset an. Durch seine Augen begann ich zu verstehen, dass es nicht nur unser Haus war, sondern als Hotel das Zuhause vieler Menschen. Bei Juergen war ich schon viel älter, aber auch hier war es interessant, eine andere Sichtweise zu sehen. Stilistisch spiegelten beide die Entwicklung von Mode und Geschmack wider: Slim Aarons hielt zeitlose Eleganz und einen zurückhaltenden, klassischen Stil fest, während Juergen Tellers Arbeiten einen kühneren, exzentrischeren Ansatz zeigten.«Mir wurde klar, was ich nicht wollte: etwas machen, was repetitiv ist und keinen Raum für Selbstentfaltung lässt.»Marie-Louise SciòWas war die wichtigste Lektion, die Ihre Eltern Ihnen mitgegeben haben?Meine Mutter hat mir beigebracht zu träumen, und mein Vater hat mich ermutigt, gross zu denken.Sie sind in der französischsprachigen Schweiz zur Schule gegangen. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Aiglon College?Wir lebten mitten im Nirgendwo in den Bergen und gingen zweimal pro Woche Ski fahren. Die Aussicht war atemberaubend. Ich hatte Freunde aus aller Welt und war ständig mit verschiedenen Kulturen und Lebensweisen konfrontiert.Später lebten und arbeiteten Sie eine Weile in New York. Was hat die Stadt mit Ihnen gemacht?Ich arbeitete in dieser Zeit für ein renommiertes Architekturbüro. Sie bauten Wolkenkratzer und wunderschöne Wohnungen, aber alle sahen gleich aus. Mir wurde klar, was ich nicht wollte: etwas machen, was repetitiv ist und keinen Raum für Selbstentfaltung lässt. Ich hatte zuvor mein Studium an der Rhode Island School of Design absolviert, wo Architektur eher als Kunst denn als technische Disziplin unterrichtet wurde. Das Motto lautete stets: Hinterfrage alles. Das ist etwas, das ich bis heute in meine Arbeit einfliessen lasse.Haben Sie eine bestimmte Designsprache?Ich glaube nicht. Es gibt viel Eklektizismus, Weichheit und Nichtoffensichtliches wie zum Beispiel die subtile Neuinterpretation ikonischer Designstücke: die Sessel von Gio Ponti in der Bar Roberto des Hotels Il Pellicano etwa, die ursprünglich aus Leder entworfen wurden. Letztlich aber ist jedes Hotel anders, auch weil ich das Gefühl für den Ort, die Umgebung und die Geschichte eines Gebäudes mit in die Gestaltung einbeziehen will. Hotelzimmer im «Pellicano». PD Viele Stars checkten hier schon ein. PD Inwiefern unterscheidet sich die Gestaltung eines Hotels von jener eines Zuhauses?Für mich gibt es keinen Unterschied. Ich gestalte Hotels sehr ähnlich wie Wohnhäuser.Welcher Ort ist der wichtigste in einem Hotel?Das Bett. Man braucht einen guten Schlaf.«Unser Designansatz besteht nicht darin, etwas zu schaffen, was allen gefällt, sondern Orte mit Charakter und Identität.»Marie-Louise SciòSie sind nicht nur Kreativdirektorin, sondern auch CEO der Hotelgruppe. Wie unterscheiden sich diese Rollen, und wo überschneiden sie sich?Als kreative Leitung habe ich eine klare Vorstellung davon, wie die Innenausstattung aussehen soll, welche Geschichte das Hotel erzählen soll, wie es sich anfühlen soll. Kurz: wie ich die Menschen berühren möchte. Als CEO muss ich aber auch wissen, wie man diese Vision umsetzt und sicherstellt, dass die Zahlen stimmen. Die beiden Rollen erfordern, wenn man so will, zwei verschiedene Teile des Gehirns.Gibt es so etwas wie einen typischen Tag in Ihrem Leben?Nein. In Rom habe ich ein Meeting nach dem anderen, von Budgets über Design bis hin zu Marketing, PR und Grafik. Im Sommer verbringe ich mehr Zeit in den Hotels, mit Kunden, um das Produkt zu überprüfen. Ich lege viel Wert auf Details.Pellicano Hotels ist als Gruppe inzwischen auf fünf Häuser gewachsen. Was ist die DNA, die alle verbindet?Einzigartige Persönlichkeiten und ungewöhnliche Standorte. Unser Designansatz besteht nicht darin, etwas zu schaffen, was allen gefällt, sondern Orte mit Charakter und Identität.Früher rankten sich Mythen um Hotels, heute zeigen Social Media alles. Verliert ein Ort dadurch an Magie – oder gewinnt er neue?Ein Bild hat kein Bewusstsein. Man kann den Raum und die Farben zwar sehen, aber wie er sich anfühlt, ist etwas anderes. Mir wäre es lieber, die Menschen würden keine sozialen Netzwerke nutzen; aber das ist nicht möglich. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.