Die Berichte von Medizinstudentinnen beim 130. Deutschen Ärztetag in Hannover über sexualisierte Belästigungen haben weitere Kritik ausgelöst. Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, zeigte sich dem Deutschen Ärzteblatt (online) gegenüber erschüttert: „Es ist zutiefst verstörend, und wir werden uns daran machen, die Vorfälle aufzuklären.“Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt – ob verbal oder körperlich – seien in keiner Form zu tolerieren und widersprächen fundamental den Werten des ärztlichen Berufs, sagte Reinhardt demnach. Die Bundesärztekammer werde Schutzkonzepte, Selbstverpflichtungen und Compliance-Regeln erarbeiten. Ein solches Verhalten müsse und werde Konsequenzen haben.Die Frauen hatten auf dem am Freitag zu Ende gegangenen Ärztetag von Kommentaren über „hübsches Auftreten“, den Ausschnitt, „Hände auf Rücken und Gesäßen“ oder Einladungen ins Hotelzimmer berichtet. Ärzteverbände fordern Null-Toleranz-Politik Auch die Spitzen des Bundesverbandes der Hausärztinnen und Hausärzte sowie des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte forderten am Samstag eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexualisierter Gewalt. Bereits am Freitag hatte die Ärztekammer Niedersachsen angekündigt, gegen Machtmissbrauch und sexuelle Belästigungen in den eigenen Reihen vorzugehen. Zahlreiche weitere Verbände schlossen sich der Kritik an.In einer gemeinsamen Erklärung dankten die Verbände den Studentinnen: „Sexualisierte Gewalt ist überall in unserer Gesellschaft Realität – auch die Ärzteschaft ist davon nicht ausgenommen“, hieß es. Zugleich forderten sie Konsequenzen. „Es reicht nicht, bei gemeinsamen Solidaritätsbekundungen stehenzubleiben. Man muss genau dorthin schauen, wo Übergriffe stattfinden, Strukturen kritisch prüfen und notwendige Veränderungen einleiten – das gilt für den Deutschen Ärztetag wie auch für alle anderen Bereiche in unserer Gesellschaft“, hieß es weiter. Umfrage des Marburger Bunds Im April hatte die Ärztegewerkschaft Marburger Bund eine bundesweite Umfrage veröffentlicht, wonach Ärztinnen und Ärzte in Kliniken häufig Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt erleben. Zu den am häufigsten genannten Formen des Machtmissbrauchs gehörten „respektloser und herablassender Umgangston“, Infragestellung der fachlichen Kompetenz sowie Mobbing und öffentliche Bloßstellung. Sexuelle Belästigung wurde der Umfrage zufolge am häufigsten in Form von sexuell aufgeladenen Kommentaren, abwertenden Sprüchen oder sexuell aufgeladenen Gesprächen erlebt. (epd)