«Those were the days» – der FC St. Pauli verabschiedet sich ohne grossen Knall zum sechsten Mal aus der BundesligaUnmittelbar nach dem Abpfiff zeigt St. Pauli-Goalie Vasilj, dass Fussball für ihn vor allem ein Job ist – und das Hamburger Publikum reagiert gelassen auf den Fall in die zweite Liga.17.05.2026, 13.43 Uhr5 LeseminutenJackson Irvine (Mitte) sieht auch das Team in der Verantwortung.DPAEs dauerte eine Weile, ehe Jackson Irvine, der Captain des FC St. Pauli, Worte gefunden hatte, um zu beschreiben, was gerade geschehen war. Minuten zuvor war er noch durch die Mixed Zone geeilt – er, der ohnehin nicht zu übersehen ist mit seinem imposanten Dutt, seinem Schnauzbart und den grossflächig tätowierten Unterarmen. Tränen standen in seinen Augen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Fünf Jahre spielt Irvine nun schon beim FC St. Pauli, der Australier ist mit der Mannschaft aufgestiegen, hat die Klasse gehalten und wird nun, daran besteht kein Zweifel, mit ihr den Weg in die zweite Liga antreten. «Das ist mein Zuhause und für mich etwas ganz Besonderes. Es müsste schon Dramatisches passieren, damit ich nicht hier bleibe», sagte Irvine, der seine Verbundenheit mit der Stadt im glasklaren Commonwealth‑Englisch formulierte.1:3 hat der FC St. Pauli am letzten Spieltag gegen den VfL Wolfsburg verloren. Ein gewöhnliches Spiel war es nicht, denn nur selten in der langen Geschichte der Bundesliga waren sich potenzielle Absteiger so nah wie an dieser 34. Runde. Wolfsburg, der Drittletzte, verzeichnete wie auch der Vorletzte St. Pauli und der Letzte Heidenheim 26 Punkte.Die Lage versprach DramatikNur die knappe Differenz von drei Toren trennte Wolfsburg von den Konkurrenten. Ein veritables Endspiel also – obwohl auch der 1. FC Heidenheim gegen Mainz noch chancenreich war, zumal die Heidenheimer zu Hause antraten und es für die Mainzer um nicht mehr als den guten Ruf ging. Diesen aber verteidigten sie vehement: Die frühe 2:0‑Führung der Mainzer bedeutete, dass der Sieger aus dem Hamburg-Match in der Relegation die Chance erhalten würde, die Klasse zu halten.Zu wenig habe St. Pauli getan, um diese Gelegenheit zu bekommen, sagte der Captain Irvine, und verwies auf die kärglichen 26 Punkte: «Wir haben bekommen, was wir verdient haben.»Ein solcher Satz, formuliert in der ersten Enttäuschung, klingt hart. Aber er drückt auch noch etwas anderes aus: dass dieser Abstieg nicht überraschend kommt, dass er sich lange Zeit angekündigt hat und vielleicht sogar, dass Gelegenheiten versäumt wurden, die Situation noch zu beeinflussen. Neun Spiele ohne Sieg war St. Pauli vor dem finalen Aufeinandertreffen mit Wolfsburg geblieben, es war nicht die erste solche Durststrecke der Saison. Zuvor, in der Hinrunde, hatte St. Pauli sogar zehn Spiele ohne Sieg aneinandergereiht.Der Torhüter will nach dem Abstieg weiterziehenNikola Vasilj, der Torhüter, hatte hingegen eine ganz andere Botschaft für die Fans: Es sei ganz sicher sein letztes Spiel für den FC St. Pauli gewesen, sagte er – der beste Mann seines Teams an diesem Tag. Enttäuscht, berührt, das war der Torhüter durchaus. Aber keineswegs so sentimental, dass er nicht unmittelbar im Augenblick des Abstiegs an die eigene Zukunft dachte.Zumal er zu den wenigen im Kader des Absteigers zählen dürfte, die lukrative Angebote erhalten könnten: Auch dank seinen Leistungen, vor allem in zwei Penaltyschiessen, hat sich Bosnien für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Und beinahe hätte er sein Team noch einmal zurück ins Spiel gebracht, als Wolfsburgs Christian Eriksen einen Elfmeter zu hart und zu genau schiessen wollte und nur die Latte traf.Vasiljs Einlassung war aber nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Eigennutzes bemerkenswert. Denn sie zeugt auch davon, wie begrenzt die Möglichkeiten des FC St. Pauli mit einem Team-Budget von 30 Millionen Euro für die höchste deutsche Spielklasse sind. Oke Göttlich, der Präsident, sprach davon, dass man angesichts der finanziellen Limitierungen stets mehr als nur 100 Prozent geben müsse, um die Liga zu halten.Dass dies aber zweimal hintereinander gelungen ist, stellt die Frage nach den Ursachen auf eine andere Weise. Wer den Trainer Alexander Blessin unmittelbar nach Spielschluss im kleinen Presseraum erlebte, der sah einen ziemlich ratlosen Mann. Auf die Frage, was der Abstieg in ihm ausgelöst habe, sagte er: «Man sackt in sich zusammen.» Er sei kurz bei seiner Familie gewesen, aber er könne sich gar nicht daran erinnern, was seine Frau zu ihm gesagt habe.Zu präsent war die Enttäuschung für ihn noch, um zu bewerten, was tatsächlich falsch gelaufen war. Ob die Methoden, mit denen er seine Spieler für die letzten Spiele im Kampf gegen den Abstieg präparieren wollte tatsächlich die richtigen waren, ist ebenso zu diskutieren wie die Frage, ob er grundsätzlich der richtige Trainer für dieses Team ist. Nichts spricht dafür, dass diese Frage nicht auch im Klub gestellt wurde. Als Göttlich gefragt wurde, ob Blessin in der kommenden Saison noch auf der Trainerbank sitzen werde, drückte er sich um eine klare Antwort herum.Denn es war gewiss nicht der grosse Zusammenbruch, mit dem sich dieser Abstieg vollzog. Eher wirkte es so, als sei nur vollzogen worden, was sich lange angekündigt hatte. Wer im entscheidenden Spiel eine fiebrige, vibrierende Atmosphäre am Hamburger Millerntor erwartet hatte, der wurde zwar nicht enttäuscht. Das Zünden von Bengalos überliess das Heimpublikum ausschliesslich dem Gästeblock, der mehrfach vergeblich verwarnt wurde.Wolfsburgs Coach bedankt sich für die FairnessDen Eindruck, dass es um weit mehr geht als um drei Punkte gegen den VfL Wolfsburg, konnte man aber nicht unbedingt gewinnen. Vorbildlich zeigten sich die Anhänger allerdings im Umgang mit dem eigenen Team und auch mit dem Gegner: der gegnerische Coach Dieter Hecking, der die schon abgeschlagenen Wolfsburger in die Relegation rettete, rühmte die Fairness des Publikums und des gesamten Vereins gegenüber seinem Team; das sei alles andere als selbstverständlich in einer solchen Situation.Und auch die eigene Mannschaft wurde vom Publikum in Hamburg wärmstens in die zweite Liga verabschiedet. Die passende Musik dafür lag schon auf dem Plattenteller: «Those were the days», klang aus den Stadionlautsprechern, auch «Das ist Fussball» des Sängers Thees Uhlmann. Zum Fussball gehören Enttäuschungen und Siege, aber auch Routine – was vielleicht ein wenig erklärt, dass das Millerntor-Publikum relativ gefasst auf den Gang in die zweite Liga reagierte. Für den FC St. Pauli ist es immerhin schon der sechste Abstieg aus der Bundesliga.Passend zum Artikel