Es gehört zur bewährten Tradition des FC St. Pauli, kurz nach Saisonende bei Brezeln und Franzbrötchen in einer Medienrunde Bilanz zu ziehen. Präsident Oke Göttlich und Andreas Bornemann, dem Geschäftsleiter Sport, ist es ein Anliegen, noch einmal die richtigen Worte für das abgelaufene Jahr zu finden. Auch die jeweiligen Trainer haben immer auf dem Podium im kleinen Presseraum des FC gesessen.Zweimal nun waren dies ausgelassene Treffen; zunächst als Aufsteiger, dann als „Drinbleiber“ mit guten Aussichten. An diesem Montagvormittag aber werden die beiden Führungspersonen und Trainer Alexander Blessin als Teil eines Absteigers sprechen, und die entscheidende Frage wird sein: Muss man sich auf Abschiedsworte von Blessin einstellen, dessen Vertrag nicht ausläuft (über die Dauer der Arbeitspapiere schweigt St. Pauli grundsätzlich)?Am Samstag nach dem 1:3 gegen den VfL Wolfsburg gab es von beiden Seiten noch ausweichende Antworten mit der Bitte um Beachtung der schmerzlichen Situation. „Ich bin einfach leer“, sagte Blessin, „ich saß gerade bei meiner Frau auf der Tribüne und weiß gar nicht mehr, was sie gesagt hat. Aber für die Relegation hätte die Energie schon noch gereicht.“ Später bedankte er sich bei Bornemann und pries das Vertrauen, das er am Millerntor immer gespürt habe.Die 20. Saisonniederlage war so verdient, dass am Ende keiner mehr vom knappen Verpassen der Alles-oder-nichts-Spiele sprach. Wolfsburg war vorne und hinten besser, traf durch Konstantinos Koulierakis (37. Minute), ein Eigentor von Nikola Vasilj (64.) und Dženan Pejčinović (80.), und steuerte trotz des zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleichs durch Abdoulie Ceesay in der 57. Minute kühl zum siebten Saisonsieg.Wolfsburg vergab sogar noch Chancen und hatte in Christian Eriksen den überragenden Mann dieses Abstiegsendspiels. Aus St.-Pauli-Sicht war die Partie dagegen ein Spiegelbild der Saison: gescheitert an der größeren Qualität beim Gegner.Erklärbarer, aber vermeidbarer AbstiegTatsächlich ist beim FC St. Pauli ja Ungewöhnliches geschehen, das muss man schon anmerken: Trotz zweier schwarzer Serien von je zehn Partien ohne Sieg (in der Hin- und in der Rückrunde) durfte Blessin bleiben. Den Sinn eines „Feuerwehrmanns“ sahen Göttlich und Bornemann auch dann nicht, als die Mannschaft sichtlich ins Trudeln geriet und kaum etwas klappte – die vermeintlichen Rettungsspiele gegen Köln, Heidenheim und Mainz beendete Blessins Elf mit einem Punkt. Der Griff zum Notnagel wie Wolfsburg mit Dieter Hecking schien den beiden offenbar aussichtslos.Es hatte Stil und unterschied sich von anderen Schauplätzen der Bundesliga, wie das Trio Richtung Abstieg steuerte. Es bleibt jedoch der Eindruck eines erklärbaren, aber vermeidbaren Abstiegs haften. Erklärbar, weil der FC St. Pauli eben nun einmal der Klub mit den geringsten Personalausgaben ist. Dann muss fast jeder Griff auf dem Transfermarkt sitzen. Das misslang diesmal, abgesehen von der Winter-Verstärkung Tomoya Andō.Ins Risiko war Bornemann ja schon im Sommer 2025 mit vier Millionen Euro Ablöse für Martijn Kaars gegangen. Die Bundesliga erwies sich als ein Regal zu hoch für den Niederländer. Und auch wenn die Verantwortlichen zu Recht anführen, nicht die schwache Offensive sei das Problem gewesen, sondern die viel löchrigere Defensive als in der Saison 2024/25, muss man doch hinzufügen, dass der Angriff mit Kaars und Andréas Hountondji der schwächste der Liga war – als es gegen Wolfsburg darauf ankam, ließ Hountondji stümpernd eine Großchance liegen.29 Treffer sind der ligaweit schwächste Wert. Unbestritten fanden die vier Kernspieler Jackson Irvine, Hauke Wahl, Eric Smith und Torwart Nikola Vasilj nicht ihre Form der Vorsaison. „Wir wollen ein ekliger Gegner sein“, hatte Blessin bei Amtsbeginn 2024 gesagt. Diese Widerstandskraft fehlte den Braun-Weißen den gesamten Frühling.Zumal Äußerungen von Kapitän Irvine vermuten lassen, dass es Risse im Inneren gegeben hat: „Wir haben es nicht verdient, besser als Achtzehnter zu sein“, sagte er, „zu vieles ist schlecht gelaufen. Wir haben zwei Jahre so viel aufgebaut und es dann auf allen Ebenen abgerissen.“Zerbrechliches TeamgebildeImmerhin sorgte der Schulterschluss mit dem Publikum für einen würdigen Abgang an diesem 16. Mai. Keine Randale, kein Platzsturm, nur Applaus und tröstende Worte; nicht nur der Wolfsburger Coach Hecking fand diesen Beistand „überragend.“Wie zerbrechlich indes ein solches Teamgebilde ist, bewiesen die Minuten nach dem Abpfiff. Da bekannte sich Irvine zu Klub und Vertrag; er werde bleiben. Torwart Vasilj indes kündigte an, den Verein zu verlassen. Wahl scheute ein Bekenntnis, Smith möchte in die Premier League. Leihspieler werden gehen.Bezogen auf das zweite Erstliga-Jahr unter Blessin muss man sagen: Da war viel Pech im Spiel, schwere Verletzungen (James Sands, Mathias Pereira Lage) und gewiss keine Schiedsrichter-Gunst, am Ende ein Magen-Darm-Virus. Aber da war auch ein Team, das aus dem Traumstart mit sieben Punkten aus drei Spielen nichts machte. Da war ein Trainer, der weder Einzelne verbesserte noch taktische Varianz hinzufügte.In Tateinheit mit dem Abstieg der U 23 aus der Regionalliga in die Oberliga Hamburg ergibt sich – sportlich – ein düsteres Bild für den FC St. Pauli. Schwer vorstellbar, dass Blessin an diesem Montag grünes Licht für eine weitere Tätigkeit am Millerntor gibt. Er sieht sich in der Bundesliga. Ausgerechnet der VfL Wolfsburg soll an ihm interessiert sein.Sollte er gehen, wäre es indes noch unverständlicher, es vor ein paar Wochen nicht mit dem berühmten „Impuls“ von der Trainerbank versucht zu haben und sich von ihm zu trennen.