Als Lindenberg-Fan der jüngeren Generation musste man sich in den Nullerjahren einiges anhören. Das war lange vor „Komet“. Noch nach Veröffentlichung der MTV-Unplugged-CD, die mit der bunten Karikatur von Udo himself, konnte es vorkommen, dass man zum Schlagerfan erklärt wurde, was wiederum Identifikationspotential hatte, schließlich verfolgte der Schlagerverdacht Udo Lindenberg jahrzehntelang, allerdings ohne Spuren an ihm zu hinterlassen. Die Spuren hinterließen andere Einflüsse.Es half dann natürlich, zu sagen: Habe ich von meinem Vater. Zumal, wenn es ein Vater war, den man beeindrucken wollte und von dem man beeindruckt war.
Solange ich noch zu Hause wohnte, brachte mir mein Vater, der viel unterwegs war, manchmal CDs mit: Amy Winehouse, Paolo Nutini, Bugge Wesseltoft, Nelly Furtado. Eklektische Mischung. Ich bekam sie beiläufig, ich sollte mal reinhören. Vielleicht dachte er, das helfe mir beim Entwickeln eines differenzierten Musikgeschmacks. Was es ja tat. Jahrelang hatte ich ausschließlich Die Ärzte gehört.Momente der SchwermutAls Lindenbergs Unplugged-Album 2011 rauskam, war ich gerade selbst in die Welt hinausgegangen. In meiner Erinnerung kam ich zu meinen Eltern nach Hause, und mein Vater legte Udo Lindenberg auf, diesen abgehalfterten Typen, der mit Eierlikör malte, und es rührte und berührte mich auf sonderbarste Weise. Am nächsten Tag nahm ich die CD einfach mit. Mein Bruder und ich waren in diesen Jahren dazu übergegangen, Musik aus unserem Elternhaus zu entwenden, die wir irgendwann zurückbringen wollten, was meistens nicht passierte, unbemerkt oder unkommentiert blieb, aber nach diesem Album fragte mein Vater kurz darauf in einer Mail: „Wo ist eigentlich die Udo-Platte? Bitte zurück an mich.“Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Version von „Ein Herz kann man nicht reparieren“ mit Inga Humpe schon verinnerlicht und natürlich „Mein Ding“ und „Reeperbahn“ mit Jan Delay. Wie diese Stars ganz selbstverständlich mit Lindenberg auftraten, wie Delay ihn als den „Derbsten“ ankündigte und Clueso verliebt für ihn sang, all das sprach für die magische Fähigkeit dieses abgehalfterten Typen, Leute um sich zu versammeln, für ein Verständnis des allzu Menschlichen, der atomaren Beschaffenheit ihrer Gefühle und Eigenheiten. Da hatte jemand etwas durchschaut und bot es uns allen dar, und wer bereit war, es zu verstehen, konnte für einen Moment abheben vor Glück.Im Nachhinein glaube ich, dass sich damals eine Verbindung zwischen Udo und meinem Vater einstellte, diesen beiden Männern aus verschiedenen Generationen, eine Verbindung, von der nur ich wusste. Es hatte mit dem zu tun, was Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem neuen Lindenberg-Lexikon „Udo Fröhliche“ als aufgekratztes Abliefern unter Leuten beschreibt, einen Hang zum kurzweiligen Geplänkel, das in scheinbar unbemerkten Momenten auf eine Schwermut traf, eine Gefühlstiefe und Demut angesichts der ultimativen Vergänglichkeit unseres Daseins.Überhaupt, der ganze UnsinnWas mein Vater an Udo mochte, obwohl wir nie darüber sprachen: seine Liebe zum Meer. Seine etwas piefige Art, die Mächtigen zu veralbern, ein Betragen, das unter DDR-Bürgern und ihren Nachkommen auf besondere Anerkennung stieß. Überhaupt den ganzen Unsinn, „Bodo Ballermann“ und so, Songs, die ich leider erst viel später entdeckte. Seine Charakterisierung cooler, unnahbarer Frauen (noch viel später im KGB-Lied mit Maria Furtwängler wieder belebt).Wie er alle Besserwisser der Welt in unseren Diensten dazu aufforderte, uns mit ihren Lappalien in Ruhe zu lassen, wenn gerade wieder die Welt unterging (also auch heute), dazu ein Rhythmus, der auf begnadete Weise Lou Reeds „Walk on the Wild Side“ imitierte. Das Traumtänzertum. Insgesamt und besonders natürlich die Erkenntnis, dass, was uns berührt, vom Schmerz handelt.Jedenfalls fuhren wir irgendwann mit der Familie nach Erfurt, wo mein Bruder zu diesem Zeitpunkt wohnte, und gingen ins Lindenberg-Konzert. Das Leben hatte für meinen Vater eine schwierige Abzweigung genommen, nach unten, wie Udo sagen würde, und ich saß neben ihm, also meinem Vater, auf den Stufen zu irgendeiner Empore, weil irgendjemand unsere Plätze besetzt hielt, und Lindenberg spielte „Durch die schweren Zeiten“, und es war kaum auszuhalten, diese Zeilen: „Die Jahre ziehen im Flug an dir vorbei / Die Last auf deinen Schultern, schwer wie Blei“. Der Gedanke an jemanden, überlebensgroß, der meinen Vater durch die schweren Zeiten trägt. Ich wollte dieser Jemand sein.Hätte ich Udo Lindenberg schon früher gehört, hätte ich früher dafür trainiert.In seinen letzten Jahren arbeitete mein Vater an einer Musiksammlung mit dem Titel „Playlist of my life“, einer Art musikalischem Testament. Wie es zu seiner Generation passte, schrieb er dafür Youtube-Links in ein Word-Dokument und speicherte das Ganze ab. Als ich sie später Song für Song durchhörte, sang da Lindenberg: „Wenn der Wind mich jetzt auch weiterweht / auf das große Meer hinaus / Musst du wissen, dass es mit uns weitergeht / Sowas kriegst du nie wieder aus’m Herzen heraus“. Womit einige sehr wichtige Dinge gesagt waren. Sein Weggehen war kein Ende, sondern ein Übergang. Trotzdem war es nach diesem Abschied unmöglich, das Herz zu reparieren. Es blieb allein die Aussicht auf spätere Kontaktaufnahme (wie?). Vielleicht würde das Meer dabei behilflich sein. Im Angesicht des Todes tat diese Botschaft gut, schon weil Segelmetaphorik immer guttut, wenn nichts anderes mehr hilft.Es gab eine Zeit, in der noch nicht Hunderte Videos und Sprachnachrichten zurückblieben, wenn jemand vom Wind weitergeweht wurde, sie ist noch gar nicht so lange her. Dann verschwindet eine Stimme, und eine andere muss übernehmen, muss die Erzählung weiterführen. Manchmal hat diese andere Stimme auch die Aufgabe, den Untergang der Übriggebliebenen abzuwenden, mit der Erinnerung an ein Konzert, bei dem man auf den Stufen saß, der Erinnerung an ein gegröltes „Wir ziehen in den Frieden“ auf dem Rücksitz.Es kann auch nicht jeder mit dem Tod kommunizieren. Udo kann es. Bei ihm stand er vor der Tür, „ich ließ ihn rein“. Und weil er so ziemlich jeden denkbaren Mist erlebt hat, kann man ihm auch vertrauen, wenn er davon berichtet, dass der Tod ihm mitgeteilt hat: Es geht noch ein bisschen weiter, mach was draus. Oder wenn er empfiehlt: „Augen zu und durch und ab dafür.“Augen zu und durch. Die kürzeste Anleitung fürs Leben. Danke dafür, Udo, und: Happy Birthday.













