Was macht aus einem Udo-Song einen Udo-Klassiker? Die ewige Sehnsucht? Der stechende Herzschmerz? Die heißen Nonnen? Oder die Assonanzen? Der WELT-Kanon zu einem deutschen Feiertag.Vor 80 Jahren, am 17. Mai, fiel er vom Himmel in ein Doppelkornfeld. So schilderte er seine eigene Geburt als Sänger auf seinem Album „Udopia“: „Das Unglaubliche trug sich zu in der Nähe von Gronau/ Und als ich so um dreizehn war/ Stellte man fest, ich war zu schlau.“ So aufgeweckt war Udo Lindenberg, dass ihm das Schlagzeugspielen schnell zu langweilig wurde und er die deutsche Rockmusik erfand.Nach einigen frühen Krautrock-Songs auf Englisch sang er ein Lied mit dem Titel „Good Life City“ und den Zeilen: „Du, diese Stimme, die hab ich doch schon mal gehört/ Das klingt ja ganz manierlich/ Wenn man den Gesang mal überhört.“ Dabei ging es ihm um nicht weniger, als die Sprache der deutschen Vorkriegspopmusik zu retten, zu beleben und vom Schlagerhaften zu befreien. Geglückt ist es ihm häufiger als nicht. Eine kleine Exegese zu Udo Lindenbergs 80. Geburtstag am 17. Mai.„Daumen im Wind“Wer jung ist, will weit weg. Wenn er weg ist, will er wieder nach Hause. Niemand hat den Widersinn der Sehnsüchte, die jeder zwischen Kindheit und Erwachsenwerden kennt, schöner beschrieben und besungen als der damals, 1972, ebenfalls noch jüngere Udo Lindenberg. „Daumen im Wind“, das erste Lied auf seinem ersten deutschsprachigen Album, fing mit Autobahngeräuschen an. Der Held, ein trauriger Tramp, spielte auf seiner Mundharmonika. Wohin es gehen sollte, wusste er noch nicht. Nichts war es mit der großen Liebe. Deshalb tat ihm jedes Mal am Ortsausgang sein Tramperherz so weh.In diesem einen Lied ist das gesamte Lindenbergsche Lebenswerk schon angelegt: das Fern- und Heimweh, eine weichherzige, ritterliche Männlichkeit, panische Angst vor Klein- und Spießbürgern. Neugier auf alles andere, auf Eskimos im Schnee und Medizinmänner im Urwald, woran sich sprachlich noch keiner störte. Und keinerlei Scheu vor Lebensweisheiten für Poesiealben: „Denn ich will meine Träume nicht nur träumen/ Ich will sie auch erleben.“ Junge Menschen mochten so was früher schon. mpLesen Sie auch„Nonnen“Lange bevor meine Eltern mir erlaubten, mein Taschengeld für Musik und die „Bravo“ auszugeben, versorgte mich das ältere Nachbarsmädchen verlässlich mit Kassettenpop und unverzichtbaren Informationen für den Schulhof. So wurde irgendwann 1984 die ausgelesene Zeitschrift vor meinem Kinderzimmerfenster heruntergelassen, und ich erfuhr mehr von dem Skandälchen um „Nonnen“. Udo Lindenberg hatte mit dem Song über funky tanzende Ordensschwestern die Kirche gegen sich aufgebracht: „Nonnen, sie tragen schwarze Klamotten/ Und jetzt fangen sie an zu hotten.“Lesen Sie auchMir gefielen der simple Synthiesound, wie Lindenberg aus dem Wort „Nonnen“ die Vokale wegnuschelte und dass Kinderreime von weißen Häubchen und heißen Täubchen die Erwachsenen verstörten. Mit anscheinend noch anstößigeren Versen wie „den Rosenkranz immer rauf und runter/ Immer runter und rauf/ Da haben sie keinen Trieb mehr drauf“ konnte ich noch nichts anfangen. Mit dem Rest des Albums „Götterhämmerung“, das mir meine so ungläubigen wie arglosen Eltern kauften, allerdings auch nicht. Es blieb die einzige Udo-Platte in meinem Regal. woe„Cello“Ich war Udo schon sehr dankbar damals. Man konnte Anfang der Siebziger nämlich ziemlich einsam sein als kleiner, eher dicklicher Junge, der Rockmusik nicht leiden konnte und lieber Händels Sonaten und Haydns Konzert in seiner Mansarde übte, als mit den anderen auf der Straße zu kicken. Klassik war doof.Bis „Cello“. Da erzählte Udo von einem, der mit dem Moped oder schwarz mit der Bahn einer Cellistin hinterherfuhr, sich verzückt in die erste Reihe setzte, während sie mutmaßlich Bach-Suiten spielte. Der sie erregend fand. Und „dachte ,Mann, oh Mann‘“ (immer noch eine der schrecklichsten Zeilen der deutschen Lyrics-Geschichte).Könnte einem Oboisten vielleicht auch passieren. Dass Jule – Udos Celloliebe in der wahren Wirklichkeit seiner westfälischen Jugend – Virtuosin im Turmspringen war, wusste ich damals nicht. Und bin sehr froh, dass er sie hat Cello spielen lassen, weil Turmspringen so ein schrecklich unpoetisches Wort ist. Zum Turmspringer hätte ich (siehe oben) nun wirklich nicht getaugt. elkLesen Sie auch„Johnny Controlletti“Das Wort „Controlletti“ ist eines dieser Lindenberg-Wörter, die in die Umgangssprache eingegangen sind. Jugendliche der Siebziger- und Achtzigerjahre nannten so die Fahrkartenkontrolleure im Nahverkehr. Diese Popularität war hochverdient. Das Lied „Johnny Controlletti“ ist eines der größten Sprachkunstwerke des frühen Lindenberg. Wer es hört, fasst nicht, dass dem Sänger mal ein „plattes“ Deutsch nachgesagt wurde. Es beginnt mit einem an Assonanzen reichen Drei- oder gar Vierfachreim: „Neulich war/ Ich mal wieder in Amerika/ Und da/ Traf ich einen Herrn von der Mafia.“Was folgt, ist eine wunderbar altmodische Gangsterphantasie, in der sich „Chianti“ auf „Avanti“ reimt – als würde immer noch die Capri-Sonne des Wirtschaftswunderschlagers leuchten. Aber vorgetragen in einem Flow, dem man das Gefühl für Takt, Akzentuierung und Rhythmus des gelernten Schlagzeugers Lindenberg anmerkt. Das weist weit in die Zukunft einer deutschsprachigen Liedkultur, die dann ganz auf Melodie verzichtet. Jeder einheimische Rapper kann hier seinen Urahn entdecken. mh„Er wollte nach London“Die Mundharmonika ist aus Neil Youngs LP „Harvest“ abgehauen, die Lyrics sind mehr Dylan – „Joey“ auf Trebe: „Er rauchte viele Zigaretten/ Und dann wurd es wieder heller/ Und morgens um sieben hatten sie ihn/ Sein Alter war leider schneller.“ Mit „Er wollte nach London“ fängt Hark Bohms Film „Nordsee ist Mordsee“ von 1967 an und mit dem Blick über Hamburg-Wilhelmsburg und die Elbe.Am Ende sitzen Uwe und Dschingis im gestohlenen Kahn. Meint Dschingis: „Beim nächsten Mal krallen die uns bestimmt.“ Und Uwe: „Lieber nächstes mal den Arsch vollkriegen als jetzt gleich.“ Und Lindenberg singt den zweiten unsterblichen Song aus diesem unsterblichen Film: „Ich träume oft davon, ein Segelboot zu klauen/ Und einfach abzuhauen/ Ich weiß noch nicht, wohin/ Hauptsache, dass ich nicht mehr zu Hause bin/ Mit den Alten haut das nicht mehr hin.“ glad„Cowboy Rocker“Wer als Mädchen Mitte der Achtzigerjahre in der Plattensammlung der Eltern wühlte, fand zwischen allerlei langweiliger Klassik auch eine Platte, deren Cover einen sofort in den Bann zog: ein langhaariger Typ, der cooler, distanzierter, männlicher aussah als die ebenfalls langhaarigen Latzhosenmänner, die im Kindergarten als Erzieher arbeiteten, griff einer rothaarigen Frau in den tiefen Rückenausschnitt ihres engen Kleides, sie in Schwarz, er in Weiß, beide mit dunklem Nagellack. Darüber die rätselhaften Formeln „Ball Pompös“ und „Udo Lindenberg & Das Panik-Orchester“.„Cowboy-Rocker“ klang schon deswegen verheißungsvoll, weil „Cowboy“ hier keine Chiffre war für Polizist und Recht und Ordnung, sondern das Gegenteil: Radau, Motorengeräusche, Gitarren, eine Gegenwelt, in der sich ein Junge im Kino in die Westernwelt Amerikas träumt und versucht, sein Gefühl in die Wirklichkeit herüberzuretten: „Dann geht er ganz dicht an den Schaufenstern lang/ Und überprüft darin seinen Cowboy-Gang.“ „Cowboy Rocker“ ist eine Ballade über einen, der, wenigstens für einen Moment, den Mut findet, sich aus einer Spießerwelt zu befreien, in der Sehnsüchte und Wünsche abgelöscht werden, bevor sie zu groß werden können. deli„Ein Herz kann man nicht reparieren“Das ist sie, die große Kunst des Udo Lindenberg. Niemand schafft es so wie er, die komplexe Mechanik menschlicher Gefühle in einem einzigen, lakonisch hingeworfenen Satz zu verdichten. „Ein Herz kann man nicht reparieren“. Ja, genau so ist das. Weiß doch jeder, der schon einmal Liebeskummer hatte. Die Zeit heilt alle Wunden. Wird schon wieder. Von wegen. „Ist es einmal entzwei/ Dann ist alles vorbei“, singt Udo, lebensklug wie eh und je.Dazu eine tröstend-treibende Synthiepop-Melodie und eine trotzig-melancholische Erzählhaltung. „Es ist nicht mehr, es war/ Du musst das kapieren/ Eins wird nicht passieren/ Mich kriegste nicht zurück“, singt er dem Schmerz entgegen. Und ganz am Ende, da bleibt dann noch eine ferne Hoffnung, der Trost, dass sie eines Tages doch vielleicht kommen könnte, die „Frau mit der Zaubermedizin“. Die eine, die das wieder hinkriegt mit dem Herz. Wenn Udo das sagt, dann will man das glauben. Wer weiß, vielleicht kann man ein Herz eben doch reparieren. Nur eben nicht alleine. dsLesen Sie auch„Rudi Ratlos“Das Album „Ball Pompös“ im Jahr 1974 war der künstlerische Höhepunkt in Lindenbergs Schaffen. Musikalisch, poetisch und performativ ist hier das Lindenbergische komplett ausdefiniert, die nächsten Jahrzehnte waren nur noch Variation. So lässig wie in „Rudi Ratlos“ hat nie wieder jemand das Grauen und den Glamour deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert im wahrsten Sinne des Wortes „zusammengereimt“.Das Lied handelt von einem Musiker, der das erwähnte Säkulum auf seiner Geige begleitet hat und jetzt für sein Gnadenbrot spielt: „Rudi Ratlos mit viel Pomade/ In den wenigen Haaren, die er noch hat/ Schade, schade, schade, schade, Berlin ’33/ Da war er der schönste Geiger der Stadt/ Da war er der Liebling aller Frauen/ Und außerdem Leibmusikalartist/ Von Adolf Hitler und Eva Braun.“ In dem Wort „Leibmusikalartist“ steckt alles, was Deutschland ausmacht: Musik, Bürokratie, Totalitarismus und noch vieles mehr. mh„Durch die schweren Zeiten“„Durch die schweren Zeiten“ beginnt, wie viele seiner Lieder, mit einem hochpoetisch hingeschnodderten „Düdüdüdüm“, und sofort hat man diesen Typen mit Hut und Sonnenbrille vor Augen. Aber nach „Düdüdüdüm“ kommt bei Udo immer ein Text, bei dem man denkt: „Kenn ich. Ist bei mir ganz genauso.“„Es geht nicht immer geradeaus/ Manchmal geht es auch nach unten/ Und das, wonach Du suchst/ Hast Du noch immer nicht gefunden.“ Abstürze, Niederlagen, das Leben eben. Und dann kommt der schlaksige Herr Lindenberg, immer ein bisschen drüber, mit einer Zeile: „Ich trag Dich durch die schweren Zeiten/ Ey, lass uns zusammenhalten/ Dann kommt die Sonne durch.“ Wenn so jemand wie der „Heißer Greis“ das singt, nehme ich ihm jedes Wort so ab. ksLesen Sie auch„Komet“Dieses Feature hätte man damals wirklich nicht für möglich gehalten: Udo Lindenberg hörte die Möwen singen am Hafen; Rapper Apache 207 wollte kommen wie ein Komet, der zweimal einschlägt. So sangen und rappten sie es 2023 auf ihrem gemeinsamen Song „Komet“. Bis dahin war Udo Lindenberg für mich eine kuriose Gestalt im Hotelzimmer, die meine Eltern abfeiern, aber doch nicht ich. Dass er den Mumm hatte, mit dem damals irre gehypten Rapper-Hünen Apache 207 Musik zu machen, war die Versöhnung zweier Welten, die vorher nicht zusammengingen. Apache wurde weicher, Lindenberg härter. Auch wenn der Liedtext von „Komet“ gar nicht mal so viel zu bieten hat, so ist doch die transportierte Stimmung eine, die auf Verewigung zielt. „Lass uns nochmal aufdrehen“, sagen sie zueinander, Lindenberg und Apache. Und das Kuriose ist, dass man vom wesentlich jüngeren Apache, 28 Jahre alt, seitdem nicht mehr viel gehört hat, vom alten Mann im Hotelzimmer hingegen schon. jt„Eldorado“Als er 70 wurde, schenkte Udo Lindenberg sich eine Klammer zu „Daumen im Wind“ von 1972. „Die Straße riecht nach Adrenalin/ Und der Wind schmeckt so gut/ So gut nach Anarchie.“ Weiter müsse er, immer weiter, sang er, er wisse noch nicht, wohin. Aber dann war er endlich da mit seinem Visum für das unerforschte Land und fand die Schätze, die noch keiner vor ihm fand. Auf seinem bisher letzten Album, „Stärker als die Zeit“, war er froh, heimzukehren, zu einem Zuhause in der Ferne: „Eldorado, ich komm an/ Auf der goldenen Landebahn.“ Aber da war er eben auch schon älter. mp
Udo wird 80: Elf Lieblingslieder für echte Lindianer - WELT
Was macht aus einem Udo-Song einen Udo-Klassiker? Die ewige Sehnsucht? Der stechende Herzschmerz? Die heißen Nonnen? Oder die Assonanzen? Der WELT-Kanon zu einem deutschen Feiertag.













