Gesundheitstracking: Meine Smartwatch macht mich nervösVon der Pulsrate bis zur Schlafqualität: Wearables helfen, die Vitaldaten im Auge zu behalten. Die Vermessung der eigenen Gesundheit ist faszinierend, aber sie kann auch stressen. Die Kolumne «Hauptsache, gesund».16.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenImmer dabei: Die Smartwatch registriert jede Anstrengung.ImagoNein, ein «Early Adopter» war ich noch nie: Ich schaffe mir elektronische Gadgets meist nur mit Jahren Verspätung an, wenn überhaupt. Doch seit ein paar Wochen trage auch ich eine Smartwatch am Handgelenk. Neugierig war ich vor allem auf die vielen Funktionen in Sachen Gesundheit und Fitness.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Hauptsache, gesund»In dieser Kolumne werfen Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin und Gesundheit. Zudem hatte mir mein Arzt kürzlich nahegelegt, eine Smartwatch zu kaufen. Gerade die Überwachung des Herzens sei sinnvoll, sagte er: Viele smarte Uhren können bei Bedarf auch ein einfaches EKG aufzeichnen. Und das sei ein effektives Frühwarnsystem für Herzrhythmusstörungen.Ich besorgte mir also eines der weniger klobigen, weniger teuren Modelle auf dem Markt und verfolge seither en détail eine schier endlose Reihe von Vitalparametern. Dazu gehören meine Pulsrate, die Sauerstoffsättigung meines Blutes und meine Hauttemperatur. Letztere könnte mir Informationen über den Zeitpunkt meines Eisprungs liefern – wenn ich eine Frau wäre.Die Uhr zählt natürlich auch, wie viele Schritte ich am Tag gehe. Und sie weiss angeblich, wie lange und wie gut ich geschlafen habe und dass meine «Tiefschlafkontinuität» letzte Nacht nur bei 66 Punkten lag.Um die Bedeutung all dieser Werte und ihre wissenschaftliche Aussagekraft genau einschätzen zu können, müsste ich stundenlang recherchieren – mit der Gefahr, dass mir meine Uhr eine Ermahnung schickt: «Du bist gerade für 48 Minuten eingeschlafen. Zu lange Nickerchen am Tag können den nächtlichen Schlaf verschlechtern.»Aber ich merke: Das Tracken meiner Körperfunktionen macht Spass und fast schon ein bisschen süchtig: Schaffe ich heute noch die 10 000 Schritte?Die Selbstüberwachung kann leicht ins Zwanghafte kippenWenn es um einen Ansporn für gesündere Verhaltensweisen geht, ist dagegen wenig einzuwenden. Doch die Selbstüberwachung kann leicht ins Zwanghafte kippen. «Tracking Anxiety» ist inzwischen ein gebräuchlicher Begriff dafür und ist in Studien gut untersucht. Das gilt auch für die durch Wearables ausgelöste Orthosomnie, eine übermässige Fixierung auf perfekten Schlaf, die paradoxerweise oft zu schlechterem Schlaf führt.Ganz so weit ist es bei mir noch nicht. Aber weil mein Handy die Daten der Uhr so schön zusammenfasst, schaue ich neuerdings noch öfter auf den Bildschirm und verliere jede Glaubwürdigkeit, wenn ich meinen Kindern entsprechende Vorhaltungen mache.Die neue Fixierung auf meine Gesundheitsstatistiken erinnert mich an mein gespaltenes Verhältnis zu einem anderen Gadget, das ich mir vor vielen Jahren zulegte: einem Fahrradcomputer. Als Rennradneuling wollte ich wissen, wie weit und mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit ich gefahren war. Aber nach einigen Fahrten merkte ich: Anstatt mich beim Strampeln auf die schöne Landschaft um mich herum zu konzentrieren, glotzte ich immer nur stupide auf die Anzeige vor mir. Würde ich es schaffen, meine Durchschnittsgeschwindigkeit von 27 km/h bis zum Ziel zu halten?Klar, das numerische Ziel vor Augen motivierte mich wahrscheinlich zu höheren Leistungen. Doch es verdarb mir, was ich am Radfahren am meisten liebte: draussen in der Natur zu sein, den Fahrtwind im Gesicht zu spüren.Den digitalen Fahrradtacho habe ich irgendwann wieder abmontiert. Ob meiner intelligenten Uhr dasselbe blüht, weiss ich noch nicht.Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.Passend zum Artikel