GastkommentarLeander ScholzFür einen europäischen Gaullismus – wenn Europa bei der Gestaltung der neuen Weltordnung mitreden will, muss es eine Idee von sich selbst habenFür Charles de Gaulle stand ausser Frage, dass der Anspruch auf Mitsprache in Angelegenheiten der Weltpolitik voraussetzte, über militärische Kapazitäten zu verfügen. Europa sollte sich seine Politik der vollumfänglichen Souveränität zum Vorbild nehmen.16.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAls sich Frankreich 1966 aus den militärischen Strukturen der Nato zurückzog, war der französische General und Staatspräsident Charles de Gaulle sehr darum bemüht, seine Entscheidung den politischen Partnern zu erläutern. In einer Botschaft an den amerikanischen Präsidenten betonte er, dass das transatlantische Bündnis damit keinesfalls infrage gestellt würde. Europa sei auch weiterhin auf den militärischen Schutz der Vereinigten Staaten angewiesen. Nur sollte sich die Allianz von nun an allein auf den Konfliktfall beschränken.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon ein knappes Jahrzehnt zuvor hatte sich Frankreich geweigert, seine Mittelmeerflotte dem Nato-Kommando zu unterstellen. Das Land wollte seine Fähigkeiten zu eigenständigen Einsätzen nicht einbüssen, gerade im Mittelmeerraum. Nachdem Frankreich zudem in den Kreis der Atommächte aufgestiegen war, bestand der nächste Schritt darin, alle ausländischen Truppen zum Verlassen des Landes aufzufordern. Der französische Nationalstaat sollte seine vollumfängliche Souveränität wieder zurückgewinnen.Anspruch auf MitspracheKein europäischer Politiker von Rang hat in der Nachkriegszeit den engen Zusammenhang von Militär und Politik derart verkörpert wie Charles de Gaulle. Für ihn war es keine Frage, dass der Anspruch auf Mitsprache in Angelegenheiten der Weltpolitik voraussetzte, über militärische Kapazitäten zu verfügen und die Lasten selbst zu tragen. Das galt seiner Ansicht nach sowohl für Frankreich als auch für Europa insgesamt.Heute, nach dem Zusammenbruch der europäischen Sicherheitsarchitektur, der Erosion der transatlantischen Partnerschaft und dem Niedergang der liberalen Weltordnung, steigen in Europa zwar die Rüstungsausgaben erneut stark an. Aber eine Vorstellung davon, welche Rolle der Kontinent in einer zukünftigen Weltordnung spielen soll, in der die Europäer auf sich selbst gestellt sein könnten, scheint es unter den europäischen Eliten nicht zu geben. Das liegt nicht nur daran, dass die Europäer lange sorglos unter dem amerikanischen Schutzschirm leben konnten. Darüber hinaus waren die massgeblichen intellektuellen Strömungen der letzten Jahrzehnte darum bemüht, sich von allem Militärischen so weit wie möglich zu distanzieren.Die russische Bedrohung ist eine prinzipielle Herausforderung, welche sich nicht mit moralischem Eifer bewältigen lässt.Es ist noch nicht lange her, dass der deutsche Bundespräsident Horst Köhler zum Rücktritt gedrängt wurde, weil er öffentlich darüber nachgedacht hatte, dass es in Zukunft nötig sein könnte, Handelswege auch militärisch abzusichern. Schon die Diskussion über solche Eventualitäten passte vielen nicht in das Weltbild einer europäischen Friedensmacht. Vor allem die linksliberale Opposition warf ihm vor, eine Kanonenbootpolitik vergangener Zeiten zu betreiben. Damit war das Vorgehen von Seemächten im 19. Jahrhundert gemeint, die rigoros ihre imperialen Interessen durchgesetzt hatten.Mit Blick auf die deutsche Vergangenheit hatte sich somit ausgerechnet das deutsche Staatsoberhaupt der Huldigung einer Machtpolitik schuldig gemacht, die den Einsatz der Streitkräfte nicht auf die Verteidigung begrenzt sah. Allenfalls gerechtfertigt waren solche Einsätze aus humanitären Gründen. Im Namen der Menschheit konnten selbst friedenspolitisch Gesinnte militärischen Interventionen zustimmen, aber nicht zur Verfolgung nationaler Interessen, was prinzipiell unter den Verdacht eines Militarismus gestellt wurde.Das hat sich spätestens mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geändert. Denn dieser Krieg hat nicht nur bis heute anhaltendes Leid über ein ganzes Volk gebracht, sondern auch europäische Überzeugungen als nichtig zurückgelassen. Selbst ehemalige Pazifisten haben seitdem zwar das Lager gewechselt und kennen sich inzwischen bestens aus mit den verschiedenen Waffengattungen. Sogar die verpönte Rüstungsindustrie erscheint wieder als gerechtfertigt, wenn Waffenlieferungen auf einmal das gute Gefühl vermitteln, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.Aber dieser Wandel greift zu kurz. Viele der moralischen Unterstützer der Ukraine haben früher mit der gleichen moralischen Vehemenz sowohl den Wehrdienst als auch jede universitäre Forschung zur Waffenentwicklung abgelehnt. Die russische Bedrohung, die nach dem Krieg im Nahen Osten wieder mit Wucht auf die europäische Tagesordnung drängen wird, ist jedoch eine prinzipielle Herausforderung, die sich nicht mit moralischem Eifer bewältigen lässt. Dazu braucht es ein Verhältnis zum Militärischen, das über wechselnde Haltungen hinausreicht.«Ein karolingisches Reich»Was Charles de Gaulle auszeichnete, war nicht nur sein geopolitisches Wissen, sondern auch sein unbedingter Wille, Frankreich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Mitspracherecht an der Gestaltung der Nachkriegsordnung zu sichern. Das war angesichts des Umstands, dass das Land nur bedingt zu den Siegermächten gezählt werden konnte, alles andere als selbstverständlich.Bereits lange bevor es de Gaulle geschafft hatte, ein amerikanisches Besatzungsregime im befreiten Frankreich zu verhindern und als Chef einer provisorischen Regierung anerkannt zu werden, hatte er sich Gedanken über die Neuordnung des Kontinents gemacht. Angeleitet durch das Konzept des Mächtegleichgewichts sollte Frankreich neben England und Deutschland eine gleichberechtigte Rolle zukommen, die jetzt auch gegen den amerikanischen und den sowjetischen Einfluss in Europa zu verteidigen war. Dazu verfolgte er zunächst den Plan, die französische Souveränität bis zum Rhein zum Nachteil der Deutschen auszudehnen, was aber am Einspruch der anderen Siegermächte scheiterte.Zum Umfeld seiner damaligen Berater gehörte auch der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève, der mit seinen Hegel-Vorlesungen in den dreissiger Jahren eine ganze Generation französischer Intellektueller geprägt und sich während des Zweiten Weltkriegs in einer Widerstandsgruppe engagiert hatte.Im Unterschied zu de Gaulle hatte Kojève früh verstanden, dass die Wiederherstellung der französischen Grösse nicht mehr im nationalstaatlichen Rahmen des 19. Jahrhunderts zu erreichen war. Im Verhältnis zu den USA und zur Sowjetunion war das Land schlichtweg zu klein. Kojève hatte daher den Entwurf eines «Lateinischen Reichs» ausgearbeitet, zu dem sich Frankreich, Italien und Spanien zusammenschliessen sollten. Lebensfähig wäre dieses Gebilde allerdings nur, wenn die beteiligten Länder auch ihre Kolonien einbringen würden. Auf diese Weise sollte eine erneute Dominanz der Deutschen in Europa verhindert und ein Gegengewicht zur angloamerikanischen Welt gebildet werden.Auch wenn dieser Plan nicht realisiert wurde und die französische Regierung einsehen musste, dass sie ihre Ziele ohne eine Aussöhnung mit den Deutschen nicht erreichen konnte, wies er dennoch den Weg in die Zukunft. Mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft wurde aus dem «Lateinischen Reich» schliesslich ein «Karolingisches Reich», in dem die Franzosen eine Führungsrolle beanspruchten.Kojève, der als junger Mann vor der sowjetischen Diktatur geflohen war, in Deutschland studiert hatte und später als hochrangiger Beamter die französische Europapolitik prägte, hatte dafür die geistigen Voraussetzungen geschaffen. In seinem Entwurf war zu lesen: «Der hegelsche Weltgeist, der die Nationen zurücklässt, nimmt Aufenthalt in den Reichen, ehe er zur Menschheit übergeht.» Ausgerechnet unter Zuhilfenahme des berühmten deutschen Philosophen hatte Kojève die Erwartungen des 19. Jahrhunderts an den Nationalstaat auf die Weltmächte des 20. Jahrhunderts übertragen, an deren Geschichte auch Frankreich unbedingt seinen Anteil haben sollte.Konservativ und innovativDer von Kojève beeinflusste Gaullismus hat bis heute in Frankreich einen entscheidenden Anteil am Selbstverständnis der Nation. Grundsätzlich konservativ an den Werten der Familie und des Vaterlands orientiert, aber zugleich der technischen Modernisierung und einer starken Industriepolitik verpflichtet, haben sich auch gewerkschaftliche Positionen des Gaullismus ausgebildet. Als Präsident der Fünften Republik legte de Gaulle grossen Wert darauf, über den parteipolitischen Ideologien zu stehen und seine Position als Alternative zu Liberalismus und Sozialismus zu begreifen.Die Philosophie des souveränen Nationalstaats, die Hegel einst anhand des reformierten und wiedererstarkten Preussen gewonnen hatte und die unter den bundesrepublikanischen Intellektuellen keine Erben mehr fand, wanderte so nach Frankreich aus. An diesem französischen Hegelianismus haben sich später so gut wie alle Vertreter der Postmoderne abgearbeitet und dagegen ein politisches Programm der Vielfalt gesetzt, das gegenwärtig in eine tiefe Krise geraten ist.Während sich de Gaulle noch für ein französisches Vetorecht auf europäischer Ebene eingesetzt hatte und gegen das politische Projekt einer Verteidigungsgemeinschaft war, änderte sich das bei seinen gaullistischen Nachfolgern. Jacques Chirac beendete den aussenpolitischen Sonderweg des Landes und warb für ein starkes Europa. Unter Nicolas Sarkozy kehrte Frankreich in die militärischen Strukturen der Nato zurück. Seine Vorschläge zur Gründung einer Mittelmeerunion, die den Kontinent auch in geopolitischer Hinsicht neu ausrichten sollte, griffen die Ideen von Kojève auf.Als der Krieg gegen die Ukraine vor mehr als vier Jahren begann, wirkte Deutschland dagegen hilflos und brachte eine Lieferung von fünftausend Schutzhelmen auf den Weg. Wenn die Europäer bei der Gestaltung der neuen Weltordnung ein Mitspracherecht haben wollen, dann werden sie nicht nur gemeinsame militärische Kapazitäten aufbauen müssen, sondern vor allem einen europäischen Gaullismus benötigen.Leander Scholz ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt in Berlin.Passend zum Artikel
Ein neuer Gaullismus: Nur so kann Europa bei der Gestaltung der neuen Weltordnung mitreden
Für Charles de Gaulle stand ausser Frage, dass der Anspruch auf Mitsprache in Angelegenheiten der Weltpolitik voraussetzte, über militärische Kapazitäten zu verfügen. Europa sollte sich seine Politik der vollumfänglichen Souveränität zum Vorbild nehmen.









