PfadnavigationHomeICONISTTrendsNeues Concept Car„Speed statt Sport“ – Warum BMW jetzt die Nobelmarke Alpina reaktiviertVon Thomas GeigerStand: 19:31 UhrLesedauer: 6 MinutenErfreulich eigenständiges Coupé: Der Vision BMW Alpina:

Quelle: BMW GroupFür den Gründer von Alpina waren Geschwindigkeit und Komfort keine Gegensätze, sondern Ansprüche, die es zu vereinen galt. BMW lässt die Liebhabermarke nun aufleben – und zielt damit auf ein Segment, in dem es noch viel zu holen gibt.Seine Frontpartie ist stolzgeschwellt und strahlend hell, sie reckt weit nach vorn wie ein Sprinter, der auf den letzten Metern vor dem Zieldurchlauf noch ein paar Tausendstel herausholen will. Allerdings geht es beim Vision BMW Alpina, der am Freitagabend beim Concorso d’Eleganza in Cernobbio am Comer See der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde, nicht um Sekundenbruchteile, sondern um einen strategischen Schritt – die Wiederbelebung einer Traditionsmarke, die Höchstleistungen in einem besonders feinen Gewand verkörpert.Die dezent beleuchtete Niere, die bei diesem imposanten Coupé die Vorderansicht dominiert, interpretiert jene „Shark Nose“ neu, die Alpina einst zum Erkennungszeichen seines Topmodells B7 machte. Damit symbolisiert sie auch die Vorfreude auf den Neuanfang jenes legendären BMW-Veredlers, den der Unternehmer Burkard Bovensiepen 1965 in Buchloe am Fuß der Alpen gründete und der vor knapp zwei Jahren von BMW übernommen wurde, um als konzerneigene Nobelmarke fortgeführt zu werden. Ab kommendem Jahr sollen von München aus wieder Alpina-Modelle um die Welt gehen, die das alte Ideal von Kraft und Komfort pflegen.Lesen Sie auchDafür erfindet BMW das Auto zwar nicht neu und leistet sich auch keine wirklich neuen Modelle, jedoch hat Designer Maximilian Missoni für den Gala-Auftritt am Comer See einen erfreulich eigenständigen Viersitzer von 5,20 Metern Länge gezeichnet, der dem 2025 eingestellten Achter näher ist als einem aktuellen Siebener, der von diskretem Luxus auf Manufaktur-Niveau geprägt ist und unter dessen Motorhaube ein mächtiges V8-Aggregat schlummert. Connaisseure werden viele Details erkennen, die mehr als ein halbes Jahrhundert typisch für Alpina waren, nur dass sie jetzt etwas dezenter und moderner ausgelegt werden. „Second Read“ nennt Missoni den „zweiten Blick“, den es brauche, um etwa den blassen Zierstreifen zu erkennen, den Burkard Bovensiepen einst vom Rennski Fischer C4 abkupferte und gern in Goldfolie auf seine Autos klebte. Die klassischen 20-Speichen-Felgen fallen etwas filigraner aus als früher und das überarbeitete Logo wirkt spürbar leichter. Der Original-Schriftzug prangt weltweit nur an etwa 30.000 Autos. Denn auch wenn Alpina stets mehr war als ein Tuner und als anerkannter Hersteller firmierte, dessen Fabrikate über eigene Fahrgestellnummern verfügten, wurden in Buchloe von den einzelnen Modellen selbst in guten Zeiten selten mehr als 2000 Exemplare gebaut, meist blieben die Stückzahlen sogar unter der 1000er-Marke. Angefangen hat alles mit zehn PS. So viel zusätzliche Leistung holte der von Bovensiepen weiterentwickelte Weber-Vergaser aus dem Motor des BMW 1500 heraus. Dem Autobauer aus München kam das offenbar gerade recht. Weil BMW bereits kurz nach dem Start des 1500ers einen 1800er enthüllte und frustrierte Käufer fürchtete, gab der damalige Vertriebschef Paul Hahnemann dem Scharfmacher aus dem Allgäu seinen Segen und ließ ihn gewähren. Das war 1962 und führte drei Jahre später zur Gründung der Alpina GmbH, die über die Jahre vom Teiletuner zum Fahrzeughersteller aufstieg und mit 200 Mitarbeitern bisweilen 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr machte. Lesen Sie auchEng verbandelt mit BMW Kein anderer Tuner war so eng mit einem Hersteller verbandelt wie Alpina mit BMW. Nicht nur wurden die Alpina-Autos im Ausland meist in den gleichen Showrooms verkauft wie die herkömmlichen Werksmodelle, sie liefen auch über das gleiche Band – undenkbar bei Brabus und Mercedes oder bei Abt und Audi. Im Gegenzug übernahm Alpina Entwicklungsaufträge und unterstützte BMW bei Kleinserienprojekten oder im Rennwagenbereich. Insofern ist es nur konsequent, dass BMW die Marke übernommen hat. Das Showcar aus Como bleibt jedoch ein Einzelstück. Anders als beim BMW Skytop und beim BMW Speedtop – den letzten Hinguckern, die beim alljährlichen Treffen der PS-Elite in der Villa d’Este enthüllt wurden – wird es von ihm wohl nicht einmal eine Kleinserie geben. Aber das vornehme Coupé zeigt, wo BMW die heimgeholte Marke sieht: ganz oben. Das erste Serienmodell wird ein entsprechend veredelter Siebener sein, dem kurz darauf ein X7 folgen soll. Und auch wenn Markenchef Oliver Viellechner weiß, dass die Japaner den Dreier besonders schätzen (Japan ist traditionell ein wichtiger Markt für Alpina), will er die Marke von der Spitze aus etablieren. BMW schielt mit Alpina auf ein Segment, in dem für das Unternehmen im Moment noch eine mächtige Lücke klafft. Während die Preisliste des Siebener unterhalb von 200.000 Euro endet, geht es bei der feinen BMW-Tochter Rolls-Royce erst weit jenseits von 300.000 Euro los. „Dazwischen liegt der Bereich, in den wir vorstoßen wollen“, erklärt Viellechner. Angst vor Überschneidungen mit der M GmbH, dem hauseigenen Sportstudio von BMW, hat Viellechner nicht. Stark und speziell sind die Autos beider Submarken, aber sie haben jeweils ihren eigenen Charakter und unterscheiden sich voneinander wie ein muskelbepackter Athlet von einem feinsinnigen Gentleman: Der eine gibt sich hart, laut und extrem kompetitiv, der andere zeigt sich selbstbewusst und souverän, ohne auf Schnelligkeit zu verzichten. „Speed statt Sport“ lautet das Motto und zugleich die Abgrenzung zur M GmbH. Während die Sportwagen aus Garching ihre Heimat auf der berüchtigten Nordschleife des Nürburgrings haben, ist Alpina eher auf der linken Spur der Autobahn zu Hause. An Leistung werde es nicht mangeln, verspricht Viellechner. Bisweilen werde die Alpina-Version sogar das stärkste Modell einer BMW-Baureihe sein. Wichtiger als das Kurvenverhalten sind hier allerdings Beschleunigung und Ausdauer, und bei aller Eile darf der Komfort nicht zu kurz kommen.Lesen Sie auchSchon der im Oktober 2023 verstorbene Patriarch Burkhard Bovensiepen war der festen Überzeugung, dass nur ein entspannter Fahrer auch ein schneller Fahrer sein kann. Während seine Konkurrenten damals im Langstreckensport konsequent jedes überflüssige Gewicht reduzierten, versah der Alpina-Gründer den Fahrersitz mit einer zusätzlichen Polsterung. Dieser Geist soll weiterleben: „Distance Shrinker“ – Entfernungsschrumpfer – nennt Viellechner Autos, aus denen man auch nach 500 Kilometern Fahrt noch entspannt aussteigt. Erstens, weil sie sich so sanft und seidig fahren. Zweitens, weil man die Strecke schneller bewältigt als mit einem weniger kraftvollen BMW.Selbst Brabus macht auf Luxus Über dem Serien-Siebener und unter dem Ghost von Rolls-Royce – das ist ein Segment, in dem es noch viel zu holen gibt. Das gilt erst recht, seit sich reine Sportwagen angesichts von CO₂-Grenzwerten und dem Drang zur Elektrifizierung immer schwerer tun. Selbst Brabus, die Mutter aller Tuning-Firmen, lässt nicht mehr nur die Muskeln spielen, sondern setzt auf luxuriöse Ausstattung. Hauptkonkurrent für Alpina ist allerdings der edle Mercedes-Ableger Maybach, der nach anfänglichen Schwierigkeiten und mittlerweile über zehn Jahren Geduld so langsam auf Erfolgskurs kommt und dadurch den Niedergang der S-Klasse in China etwas ausgleicht. Während die gerade erst gründlich erneuerte Luxuslimousine auf ihrem wichtigsten Markt zu kämpfen hat und ihr lokale Widersacher wie der Maextro S800 schwer zusetzen, behauptet Maybach sich als unangefochtene Nummer eins bei der chinesischen Elite. Mercedes hat den neuen Maybach deshalb nicht zusammen mit der S-Klasse gezeigt, sondern ihm eine eigene Weltpremiere in Peking gegönnt. „Maybach ist in China eine Erfolgsgeschichte“, sagt Mercedes-Chef Ola Källenius. Die Zahlen geben ihm recht: Die allermeisten der rund 20.000 im vergangenen Jahr verkauften Edel-Mercedes wurden nach Fernost verschifft.Lesen Sie auchDort sieht Viellechner auch eine große Zukunft für den Alpina. Denn auch wenn die Nobelmarke neben Deutschland in den USA und Japan stark vertreten war, hat das Unternehmen doch viele wichtige Länder ausgelassen. China ist das größte davon – und der Markt, auf dem sich deutsche Luxuslimousinen seit Jahrzehnten am besten verkaufen. Allerdings klappt das offenbar nicht immer. Audi ist jedenfalls mit dem Projekt „Horch“ gescheitert, einem ähnlich gestrickten Luxus-Ableger seines Flaggschiffs A8, der nur in der Volksrepublik erhältlich war. Allem Anschein nach gibt es derzeit auch keine Pläne, es noch einmal zu versuchen.