Bayram und Isabell Dalkilic haben es sich so schön ausgemalt. Am Samstag wollten sie als neue Pächter der Vereinsgaststätte des Tennisclubs Rot-Weiß an der Licher Straße in Gießen erstmals regulär Gäste empfangen. In der vergangenen Woche haben sie schon ein paar Mal die Türen geöffnet. Der Test ist gelungen, wie Isabell Dalkilic mit leichtem Berliner Zungenschlag sagt. Doch nun steht die Eröffnung auf der Kippe. Der Grund: Der Verein hat dem Ehepaar fristlos gekündigt. Sie sollen an diesem Freitag sowohl das Lokal aufgeben als auch die mit angemietete Wohnung räumen. Die Pächter und ihre drei Kinder wären dann ohne Obdach. Anlass ist ein Streit um den Ausschank von Alkohol in der Gaststätte.Die Pächterin ist ratlos. „Wir können uns das nicht erklären“, sagt sie. Ihr Mann und sie hätten mit Vereinsvertretern mehrfach zusammengesessen und in den Gesprächen gesagt: „Wir verkaufen keinen Alkohol.“ Schließlich wollte das Paar bei seinem auf dem Gießener Wochenmarkt beliebten kulinarischen Konzept bleiben: Dort servieren die beiden ostanatolische Gerichte – und zu dieser Küche passe einfach kein Alkohol, sagt Dalkilic. Deshalb komme für sie auch nicht infrage, im Vereinslokal Bier, Wein oder Spirituosen anzubieten. „Da würden wir uns ja lächerlich machen“, meint sie. Anders wäre es, wenn sie und ihr Mann italienische Gerichte anböten. Dazu gehörten Wein und Bier dazu, meint die Pächterin. Aber das sei nun einmal nicht das Konzept.Neue Fliesen und neue ThekeWeshalb die Sache zwischen dem Verein und den Pächtern nicht geklärt wurde, steht dahin. Die „Gießener Allgemeine“ schreibt von einer losen Vereinbarung nach dem Motto „Man werde in dieser Sache eine Lösung finden“. Auf dieser Grundlage hätten beide Seiten den Pachtvertrag unterzeichnet, heißt es. Mit dem Vertrag in der Tasche gestalteten die Pächter das Lokal um, sie verlegten neue Fliesen, stellten eine Trennwand vor den Toiletten auf und errichteten eine neue Theke. „Die alte Theke musste raus“, sagt Isabell Dalkilic, sie sei marode gewesen. Unter dem Aufbau habe sich ein Rattennest befunden, unter einem ebenfalls ausgetauschten Podest auch. Der Verein habe sogar die Kosten für die neue Theke übernommen.Dem öffentlich geäußerten Vorwurf, im Verlauf des Umbaus sei die Bierleitung aus dem Keller zur Theke entfernt worden, tritt Isabell Dalkilic entgegen: Die Leitung sei lediglich gekürzt und abgedeckt worden, um den Boden eben und dadurch besser begehbar zu machen. Dies ließe sich auf Wunsch des Vereins aber wieder rückgängig machen. Allerdings habe, so sagt die Pächterin, ihr Vorgänger die Bierleitung zuletzt gar nicht mehr genutzt. Dies habe der Vereinsvorstand auch gewusst. Vielmehr habe der Vorpächter die Fässer direkt an der Theke an eine von der Licher Brauerei gestellte Zapfanlage angeschlossen. Allerdings sei die Menge des verkauften Alkohols nach seinen Worten „fast nicht der Rede wert“ gewesen.Verein besteht auf Alkoholausschank in der GaststätteDie Mitglieder des Vereins, so die Pächterin, spielten auf den Plätzen unter freiem Himmel nur etwa fünf Monate im Jahr, wobei auch noch die Sommerferien in diese Zeit fielen. Die Zeitspanne, in der die Pächter den Tennisspielern ein vergünstigtes Angebot für Speisen und Getränke machen sollten, sei also recht kurz. Zudem brächten viele Sportler ihre Getränke und teilweise auch Speisen selbst mit.Entgegen mancher Mutmaßung im Verein habe ihr Nein zum Alkohol nichts mit ihrem muslimischen Glauben zu tun, sagt Dalkilic. Sie und ihr Mann wollten vielmehr einen Ort für Familien schaffen, auch dazu passe der Ausschank von Alkohol einfach nicht. Im Übrigen sei im Pachtvertrag kein Wort zu lesen von der Pflicht, Alkohol auszuschenken. Fred Ostermeyer, der Vorsitzende des Vereins, hebt aber hervor, in den Gesprächen keinen Zweifel an der Erwartung der Wahlfreiheit zwischen Alkohol und alkoholfreien Getränken gelassen zu haben. Er beruft sich zudem auf das Gewohnheitsrecht - Alkohol auszuschenken sei im Sportvereins-Gaststätten in Deutschland üblich.Als Kompromiss könnte sich das Paar vorstellen, dass in einer Bude vor dem Lokal Bier und Wein ausgeschenkt werden könnten. Den Verantwortlichen des Vereins genügt das jedoch nicht: „Es ist völlig ausgeschlossen, in einem Vereinsheim eines Sportvereins keinen Alkohol auszuschenken“, heißt es in der Kündigung des Pachtvertrags, welcher der Anwalt des Ehepaars widersprochen hat.Einladend: die neu eingerichtete Vereinsheim-Gaststätte des Tennisclubs Rot-WeißLando HassEin ähnlicher Fall in einem Sportverein sei ihr bisher nicht untergekommen, sagt Carola Elftmann, Regionalleiterin Mittelhessen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands. Klar sei, dass immer mehr Menschen auf Alkohol verzichteten, vor allem jüngere. Dies gelte auch für Sportler, wobei viele einen Sieg aber auch gern beim Bier feiern wollten. Zudem habe sich der Geschmack alkoholfreier Biere, Weine und Schaumweine in den vergangenen Jahren stark verbessert. Aus Sicht des Verbands muss der Gast deshalb die Wahl haben, ob er Alkohol trinken wolle oder nicht.Beim Soft Opening haben die Dalkilics jedoch wie geplant weder Bier noch Wein mit Prozenten serviert. Welcher Gast solche Getränke vermisst oder nach ihnen gefragt habe? „Niemand“, sagt die Pächterin, „wirklich niemand.“