PfadnavigationHomeICONISTEssen & Trinken„Pramol Alto“ in SüdtirolEin altes Ausflugslokal wird zu Südtirols neuer GenussadresseVon Georges DesruesStand: 15.05.2026Lesedauer: 5 MinutenJakob Zeller und Ethel Hoon pflücken Kräuter im Garten des „Pramol Alto“Quelle: GEORGES DESRUESEin junges Paar hat ein leer stehendes Ausflugslokal in eines der schönsten Restaurants in Südtirol verwandelt. Die beiden setzen auf die Gaben der Natur. Durch die einmalige Lage und das besondere Klima haben sie Zugriff auf das Beste aus zwei Welten.Das Besondere an Südtirol ist ja, dass man nie genau weiß, wo man sich geografisch wie kulturell eigentlich befindet. Ihren Höhepunkt erreicht die Verwirrung im Frühling, wenn die Schneeschmelze noch im Gange und die Gipfel noch weiß sind. Vor den schroffen Felswänden sprießt und wuchert aber schon alles, und die liebliche Landschaft mit ihren Weingärten, Rosmarinsträuchern und Palmen ist ins herzerwärmende Licht des Südens getaucht. „Für eine Köchin ist das hier oben schon der Hammer“, sagt Ethel Hoon, die aus Singapur stammt. „Zum einen ist da das mediterrane Klima. Ganz in der Nähe bauen sie tatsächlich Feigen an, dazu Artischocken, Pak Choi und sogar Szechuan-Pfeffer. Und zum anderen sind da die Wildkräuter und Pilze von den Almen und aus den Wäldern. Man hat wirklich das Gefühl, zwischen zwei Welten zu leben und zu kochen.“Lesen Sie auchNun haben Ethel Hoon und ihr Partner Jakob Zeller schon einige Erfahrung mit landschaftlich eindrucksvollen Arbeitsplätzen. Kennengelernt haben sie sich im geradezu mythischen und inzwischen geschlossenen „Fäviken“ des Ausnahmekochs Magnus Nilsson, untergebracht in einem Getreidespeicher aus dem 19. Jahrhundert in der westschwedischen Provinz Jämtland, direkt am Ufer des Kallsjön-Sees und umgeben von endlosen Nadelwäldern. Gemeinsam betrieben sie danach das „Klösterle“ bei Lech am Arlberg, ein Restaurant in einer jahrhundertealten Sennhütte auf knapp 1800 Metern Seehöhe, inmitten von Bergriesen und saftigen Almen, mit dicken Mauern und schweren Holzbalkendecken. Im vergangenen April eröffneten sie schließlich das „Pramol Alto“ in Zellers Heimat Südtirol, in einem ehemaligen Ausflugslokal im Charme der 1970er-Jahre, hoch oben über dem Etschtal.„Da vorne, der Berg mit dem Hochplateau, das ist der Schlern. Und gleich daneben erkennt man die Spitzen des Rosengarten“, sagt Hoon, die ihre Dolomiten schon gut kennt. Sie fügt hinzu: „Wir verstehen unsere Arbeit hier als Weiterführung dessen, was wir bereits in Schweden und im ‚Klösterle‘ gemacht haben, nämlich uns mit der Natur um uns herum zu beschäftigen und zu verstehen, was es hier gibt und wie wir es einsetzen können.“ Lesen Sie auchEin großer Unterschied zu Schweden sei allerdings, wirft Zeller ein, dass man dort viel mit Zutaten arbeite, die für den Winter konserviert, eingelegt oder fermentiert wurden. Während man hier, am Übergang von Mittel- nach Südeuropa, wo es sonniger und wärmer sei und die Vegetationsperiode länger andauere, in erster Linie auf frisches Gemüse zurückgreife. „Natürlich konservieren wir nach wie vor, allerdings geht es dabei nicht um die Hauptzutaten, sondern eher um Würzmittel, Geschmacksträger und Tiefengeber“, so Zeller. Verstärkt wird das Paar durch Julia Heifer als weitere Köchin und ihren Partner Florian Kurtenbach, der neben der Weinbegleitung und dem Service auch Aufgaben wie das Brotbacken übernimmt. Beide kommen aus Deutschland und blicken auf Karrieren in der Berliner Gastronomie zurück. Während Heifer sechs Jahre lang ihr eigenes Restaurant führte, das „Lok6“ in Schöneberg, sammelte Kurtenbach – auch „Core“ genannt – Erfahrungen in der „Beuster Bar“ in Neukölln sowie im „Otto“ am Prenzlauer Berg, wo die beiden sich auch kennenlernten.Urbanes Ambiente ohne alpine KlischeesIm Vorjahr entdeckte das Team diesen Gasthof, der zuvor etwa ein Jahrzehnt lang ungenutzt geblieben war, und belebte ihn zunächst als Pop-up-Projekt. Seit April dieses Jahres wird das Haus nun als festes Restaurant geführt, auch wenn die Sanierung noch nicht ganz abgeschlossen ist.Renoviert und winterfest gemacht werden muss noch die hölzerne Terrasse mit dem sensationellen Ausblick über die umliegenden Weingärten, den Ort Eppan an der Weinstraße, das Etschtal und die Provinzhauptstadt Bozen bis zu den von Hoon beschriebenen Dolomiten. Auch die Küche muss noch vergrößert und verlegt werden.Beim Rest habe man sich bemüht, den Altbestand weitgehend zu bewahren und möglichst unauffällig mit Neuem zu ergänzen. Entstanden ist ein urban anmutendes Ambiente ohne Folklore oder alpine Klischees, das mit seinem farbenfrohen Terrazzoboden und dem Vintage-Stil auch in einer Metropole wie Berlin bestehen könnte.Aufgetischt wird ein einziges Menü: sechs Gänge, monatlich wechselnd, fast ausschließlich aus lokalen Zutaten. Darunter ein cremiges Spargelgratin mit Buchweizen und Borretsch. Oder ein Saiblingsfilet mit Chermoula, jener zugleich frischen und herzhaft würzigen Marinade der nordafrikanischen Küche, hier konsequent auf alpine Zutaten umgeschrieben. Dazu gibt es hausgebackenes Brot mit selbst eingelegten Pickles und Brennnessel-Tahini. Als Tribut an die Südtiroler Küche verstehen sich die Kniakiachl – traditionelle Bauernkrapfen, die Hoon mit Rhabarber und Pfirsichblatt-Eiscreme serviert.Meeresfrüchte und Salzwasserfisch, sagt die Küchenchefin, seien das Einzige, was ihr hier zum Glück fehle. Doch auch mit Süßwasserfischen ließe sich einiges bewerkstelligen, das an die Küche ihrer südostasiatischen Heimat erinnere, etwa der Saibling-Toast, ein Teiggericht mit Fischfarce, das dem singapurischen Youtiao nicht unähnlich sei. Für asiatische Klassiker wie Laksa-Suppe, die Nationalspeise des Stadtstaates, sei die Auswahl an geeigneten lokalen Zutaten dann aber doch zu gering, fügt sie an. Lesen Sie auchGetrunken wird eine zum hippen Charakter des Orts passende Auswahl an naturnah erzeugten Weinen, zusammengestellt von Kurtenbach, der sichtlich erfreut ist über das lokale Angebot. „In Deutschland kennt man auf diesem Gebiet nicht so wahnsinnig viel aus Südtirol, deswegen war es eine echte Überraschung, hier alle die kleinen Weingüter zu entdecken, die überaus lebendige Weine erzeugen“, sagt der Sommelier, der auch erstaunliche Cocktails für eine alkoholfreie Speisebegleitung zubereitet, darunter etwa Verbena-Tee mit Ingwerferment oder Rhabarber mit Waldmeister. Es sind Drinks, die dieselbe Präzision zeigen und derselben Philosophie folgen wie die Küche.Während man am Ende des Abends in sein Kniakiachl beißt, schweift der Blick durch die Fenster übers Etschtal, das schon im Schatten liegt, während die Abendsonne auf der gegenüberliegenden Seite die Felswände der Dolomiten noch einmal aufleuchten lässt. Zweifelsfrei ist es das, was Südtirol so besonders macht: diese Momente, in denen man, Natur und Sonne vor Augen und auf dem Teller, in den Bergen sitzt – und zugleich die Nähe des Mittelmeers spürt.Georges Desrues lebt in Triest. Auf Streifzügen durch die Umgebung seiner Wahlheimat erkundet er die kulinarische Vielfalt zwischen den Stränden der Adria und den Gipfeln der Alpen.