PfadnavigationHomeGeschichteKarl der GroßeVater Europas – oder doch nur ein am Breitschwert geübter Schlächter?Stand: 10.05.2026Lesedauer: 6 MinutenDie berühmte Reliquiarbüste Karls des Großen in der Domschatzkammer zu Aachen entstand fünfeinhalb Jahrhunderte nach seinem Tod Quelle: picture alliance/dpa/Oliver BergDer wichtigste Preis für Verdienste um die Einigung Europas trägt den Namen des ersten Kaisers des Mittelalters. Doch ein genauerer Blick auf diesen Herrscher lässt Zweifel an der Patenschaft wachsen.Wie selbstverständlich beschrieb der anonyme Autor das Treffen des fränkischen Königs Karl mit Papst Leo III. im Hochsommer 799 in Paderborn: „Der König, der Vater Europas, und Leo, der oberste Hirte auf Erden, sind zusammengekommen und führen Gespräche über mancherlei Dinge.“ Hier tauchte wohl zum ersten Mal dieser Beiname auf: „Vater Europas“. Es ist kein Zufall, dass die wichtigste Auszeichnung für Verdienste um die europäische Einigung, der Aachener Karlspreis, nach ihm benannt ist. Am 14. Mai 2026 erhält der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank und spätere italienische Regierungschef Mario Draghi die diesjährige Auszeichnung. Doch für den „Vater Europas“ hielt man den Frankenherrscher jahrhundertelang eher nicht. Vom Hochmittelalter bis 1945 war westlich des Rheins die Bezeichnung „Charlemagne“ üblich und östlich des Stroms „Karl der Große“. Statt Gemeinsamkeit sprachliche Abgrenzung: In Frankreich wurde Karl als Begründer des Nationalstaates gesehen, in Deutschland dagegen als Schöpfer des Heiligen Römischen Reichs.Was also war dieser Karl wirklich: Franzose, Deutscher, Vater Europas – oder nichts davon? Zu seinen positiv gemeinten Umschreibungen gehören „Herr der hundert Pfalzen“ und „unbezwingbarer Krieger“, zu den negativen „Brudermörder“ und „Sachsenschlächter“. Wie passt das zu seiner Rolle als großzügiger Förderer von Klöstern und Abteien, dank derer das antike Erbe bewahrt werden konnte? Wer etwas genauer hinsieht, entdeckt Überraschendes: Von „Europa“ ist in den beiden wichtigsten, dem Hof Karls des Großen nahestehenden Quellen, der wenige Jahre nach seinem Tod geschriebenen Vita Karoli Magni seines Vertrauten Einhard und den Reichsannalen, nicht die Rede. Sehr wohl dagegen begegnet Europa bei anderen zeitgenössischen Autoren, zum Beispiel dem Angelsachsen Cathwulf oder jenem unbekannten Dichter, der über das Treffen Karls mit Leo im Jahr 799 schrieb. Der Gedanke „Europa“ war also, wenn auch ganz anders als im 21. Jahrhundert, durchaus präsent in der Frankenzeit. Karl der Große, der mächtigste Fürst in der Geschichte dieses Volkes, hat ihn aber nicht aufgegriffen. Schon deshalb ist die Bezeichnung „Vater Europas“ jedenfalls im Hinblick auf die EU ziemlich schief.Müsste Karl der Große umgekehrt vielleicht sogar als Symbol für das Scheitern Europas gelten? Sein Reich, das ja tatsächlich von den Pyrenäen bis an die Elbe, von der Nordsee bis nach Mittelitalien reichte, überstand seinen Tod um gerade einmal eine Generation: Schon in der Reichsteilung von Verdun unter den Enkeln Karls des Großen zerbrach es im Jahr 843. An seine Stelle trat jene Dreiteilung Westmitteleuropas in erstens das heutige Frankreich, zweitens die Niederlande, Burgund, Elsass-Lothringen und Italien sowie drittens Deutschland. Diese Spaltung des vormaligen Reichs Karls des Großen dominierte mehr als 1100 Jahre die Geschichte des Kontinents.Lesen Sie auchNatürlich war Karl auch weder Franzose noch Deutscher. Es ist schlicht ahistorisch, für das 8. und frühe 9. Jahrhundert von „Nationsbildung“ im ost- und westfränkischen Teil zu sprechen, auch wenn 768 bereits einmal das Frankenreich zwischen den bald verfeindeten Brüdern Karl und Karlmann geteilt wurde. Doch neben dieser dynastischen Konkurrenz gab es noch keine ethnische oder kulturelle Trennung im Kerngebiet der Herrschaft, die Karl und Karlmann von ihrem Vater Pippin geerbt hatten.Erstaunlich sind nicht nur solche Spannen möglicher Interpretationen, sondern allein die faktischen Ungewissheiten: Nicht einmal das Geburtsjahr des großen Königs ist unumstritten; traditionell wird der 2. April 742 angegeben, die neuere Forschung geht eher vom Jahr 748 aus. Sein Tod immerhin lässt sich bis auf einen Tag festlegen: Es war entweder der 27. oder der 28. Januar 814. Wie Karl ausgesehen hat, weiß man ebenfalls nicht sicher: Es gibt keine detaillierten zeitgenössischen Porträts. Alle Gemälde und Statuen sind spätere Idealisierungen, vor allem die oft abgebildete Reiterstatue aus dem Domschatz von Metz und die Aachener Karlsbüste aus dem 14. Jahrhundert. Aus der Zeit um 800 haben sich lediglich zwei symbolische Darstellungen des Königs erhalten. Lesen Sie auchImmerhin einen Eindruck von der Gestalt des Herrschers überliefert sein Biograf Einhard: „Er war von breitem und kräftigem Körperbau, hervorragender Größe, die jedoch das richtige Maß nicht überschritt, denn seine Länge betrug, wie man weiß, sieben seiner Füße.“Eine robuste Konstitution brauchte Karl, denn er war wie die meisten Herrscher des Mittelalters den größeren Teil seines Lebens unterwegs. In Zeiten allein physischer Kommunikation durch Botenreiter, die alle paar Stunden ihre Pferde wechselten, konnte er seine Macht nur durch möglichst regelmäßige Präsenz in den verschiedenen Teilen seines Reichs behaupten. Die Grundlage seiner Herrschaft waren sowohl noch im Heidentum wurzelnde Vorstellungen vom „Königsheil“ wie Elemente des Personenverbandsstaates, die Amts- und Würdenträger persönlich an den König banden. Um dieses Machtsystem aufrechtzuerhalten, musste der Herrscher viel reisen, zwischen vorbereiteten Stationen, den Pfalzen. Hier hielt er für jeweils begrenzte Zeit Hof.Lesen Sie auchDas Wort „Pfalz“ leitet sich ab vom lateinischen „palatium“, das sowohl allgemein einen „Palast“ bezeichnen kann wie speziell eine „kaiserliche Residenz“. Mehr als hundert Pfalzen lassen sich für Karl den Großen durch Ortsangaben in Urkunden nachweisen. Das ist mehr als bei allen anderen Herrschern des Mittelalters. Trotzdem können Archäologen bis heute nur ein gutes Dutzend solcher Anlagen aus karolingischer Zeit nachweisen, darunter Diedenhofen, Ponthion und Herstal. Am Beispiel der Pfalz in Ingelheim wird deutlich, dass die Bauleistung zwar für das späte 8. Jahrhundert gewaltig war – aber nicht annähernd ähnlich den antiken Vorbildern.Das herausragende bauliche Erbe Karls des Großen ist denn auch kein Überrest seiner Jahrzehnte als Reisekönig. Als erster und für lange Zeit einziger König ließ er sich eine tatsächlich mächtige Residenz errichten: in Aachen. Heute zeugt vor allem das Oktogon des Aachener Doms, das fast völlig aus karolingischer Zeit stammt, von diesem damaligen Wunder. Die von italienischen Baumeistern errichtete Pfalzkapelle war allerdings nur möglich, weil Karl die im Wortsinn tragenden Säulen der Konstruktion in Italien hatte rauben lassen. Auch sollte man nicht übersehen, dass der kunstsinnige Herrscher durchaus düstere Seiten hatte. Er war tatsächlich ein „Sachsenschlächter“, der 782 in Verden an der Aller viele hundert, vielleicht sogar mehrere tausend der aufsässigen Waldbewohner hinrichten ließ. Möglicherweise kam auch der Tod seines Bruders und Konkurrenten Karlmann nicht ganz zufällig, doch Sicherheit lässt sich hier nicht gewinnen.Denn zu den größten Problemen der karolingischen Epoche gehören die historischen Quellen. Zwar sind viele Urkunden unter dem Namen Karls des Großen erhalten. Doch mindestens ein Drittel von ihnen, vielleicht auch wesentlich mehr, sind Fälschungen: An kleinen Abweichungen am Schriftbild lässt sich feststellen, dass manches angebliche Karls-Diplom erst Jahrhunderte später entstanden sein kann. Und peinlicherweise hat mancher eigennützige Fälscher (in der Regel waren es Mönche, die Schenkungen an ihr eigenes Kloster „beurkundeten“) sogar den sprichwörtlichen „Karlsstrich“ vergessen, jenen kleinen Haken in dem von fremder Hand ausgeführten Monogramm, mit dem Karl „unterschrieb“.War der König, der immerhin die „Renovatio Imperii“ betrieb, die erste Wiederbelebung des antiken Erbes, Analphabet? Jedenfalls konnte Karl offenbar nicht eigenhändig schreiben. Das ist jedoch nicht weiter erstaunlich, wie der Anfang 2026 verstorbene Doyen der deutschen Mediävistik Johannes Fried schon vor vielen Jahren erklärte: „Vielleicht war seine Hand, für den Gebrauch des Breitschwerts trainiert, insgesamt zu schwer, um den zarten Gänsekiel zu führen.“ So einfach erklärt sich, dass der Vater Europas nichts Schriftliches von eigener Hand hinterließ.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Gewöhnlich sind seine Themenschwerpunkte der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur und Terrorismus. Doch auch das europäische Mittelalter fasziniert ihn.