Dieses dezidiert historische Buch ist auch ein eminent politisches und insofern hoch aktuelles Buch. Der Frankfurter Historikerin Luise Schorn-Schütte, die in Forschungskooperationen reiche Erfahrungen mit west- und osteuropäischen Partnern gesammelt hat, geht es um nicht weniger als um die Grundsignatur der politischen Kultur unseres Kontinents. Bereits der Titel legt sie offen: Teilung der Macht. Dies sei die in vielfältigen Konstellationen bestimmende Dynamik der politischen Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit.Die unter Historikern dieser Epoche weitverbreitete Überzeugung, dass das Europa zwischen 1500 und 1800 (oder bei Schorn-Schütte: 1517 und 1789) dem heutigen ähnlicher sei als das von Nationalismen, kolonialistischer Konkurrenz und den Weltkriegen geprägte des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts, bestätigt auch dieses Buch. Einlinigen Modernisierungstheorien – etwa mit klaren Präferenzen für „den Westen“ – ist die Autorin abhold; angesichts der gegenwärtigen Renaissance nationalistischer und autokratischer Tendenzen in allen Teilen der Welt, auch Europas, wird man schwerlich widersprechen wollen. Im Dual von „Dynamik und Tradition“ bündelt sie die europäischen Entwicklungen prägnant.Herrschaft ohne Ständebeteiligung hat es praktisch nicht gegebenUnanfällig für Trends rückt diese Geschichte Europas die Perspektive des Politischen ins Zentrum. Angesichts mancher kulturalistischer Fluidisierungen verdient dies Beachtung und Anerkennung. Denn gerade die harten Themen – Krieg, Umwelt und Klima, Wirtschaft, Gewalt, Verfassungskämpfe, Ringen um Machtpartizipation und so fort – erweisen sich aufgrund unserer Gegenwartserfahrungen als aktuell und unausrottbar zentral. Politiktheoretische Fragen und Konzepte werden in dem Buch souverän erörtert und im Duktus der historischen Erzählung konsequent mitgeführt.Luise Schorn-Schütte: „Die Teilung der Macht“C.H. BeckIm Unterschied zu manchen Tendenzen der politischen Ideengeschichte wird das Nachdenken über Politik engstens mit ihrer Gestaltung verbunden. Die lehrmäßig ausgestaltete, aber auch praktizierte Dreiteilung der Gesellschaft in Adel, Klerus und Bauern beziehungsweise Bürger ist in Europa allgegenwärtig. Und in unterschiedlichen Formen nehmen die beiden „höheren Stände“ an Herrschaft teil. Monarchien ohne Herrschaftsteilhabe der Stände hat es im frühneuzeitlichen Europa praktisch nicht gegeben.Das durch geteilte Macht gekennzeichnete Europa Schorn-Schüttes ist ein Kontinent der Regionen. In der Bindung an die regionale Heimat (lat. patria) entstand Patriotismus. Dies gilt auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Agrarverfassungen in Ost- und Westeuropa divergierten. Die Dominanz der Gutsherrschaft im Osten führte zu Vieh- und Getreidetransfer in den Westen und beförderte arbeitsteilige Entwicklungen. Die komplementären und konsensualen Momente, die Schorn-Schüttes Europa bestimmen, führen in der Darstellung dazu, dass die osteuropäischen Entwicklungen vollkommen gleichberechtigt einbezogen werden.Eine Monarchie? Oder eine Aristokratie?An den Rändern – in Russland, Südosteuropa und in den Einflusssphären des Osmanischen Reiches – wurde die für den weströmisch-lateinisch geprägten Teil des Kontinents gültige Subordination der Religion unter die Politik kaum realisiert. Besondere Aufmerksamkeit widmet die einstmals mit einer profunden sozialgeschichtlichen Studie zu den evangelischen Pfarrern gestartete Historikerin den meist konfliktgeladenen religiösen beziehungsweise konfessionellen Diversitäten Europas und ihren politischen Konsequenzen.Einem Eröffnungskapitel über die Grundlagen schließen sich sieben Abschnitte zu kleineren Zeiteinheiten an, meist etwa ein halbes Jahrhundert umfassend. Am Schluss jedes dieser Abschnitte wird eine „Personalisierung“ in Gestalt einer Biographie geboten, in der sich wesentliche Merkmale des jeweiligen Zeitabschnitts spiegeln. Die chronologische Kapitelsequenz wird durch kein Fortschrittsnarrativ dirigiert. Bestimmte Konzepte wie etwa das der kaiserlichen Monarchia universalis begleiten den Leser durch die ganze Frühe Neuzeit hindurch.In der Auseinandersetzung um die Reformation erwies sich das Ringen darum, ob das Reich eine Monarchie oder eine Aristokratie der einflussreichsten Reichsstände sei, als zentrales Thema. In einzelnen Ländern beförderte der durch die Reformation aufgebrochene religiöse Gegensatz, aber auch die Bedrohung durch die Osmanen und der permanente Konflikt zwischen Habsburg und Frankreich, die Entstehung auf Machtteilhabe basierender Herrschaftsgebilde, die sich von Rom lösten und mittels die Kirchenhoheit der Könige oder Fürsten an Stabilität gewannen.Der Westfälische Friede als Ende der MonarchisierungsversucheIn der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts wurde die konfessionalisierte Religion zum politischen Faktor im Dominanzstreben zwischen den europäischen Dynastien und zum Instrument des innenpolitischen Konfliktaustrags. Während der Augsburger Religionsfrieden (1555) die komplementäre Staatlichkeit aus kaiserlicher und ständischer Teilhabe festschrieb, diente der Protestantismus etwa in Frankreich oder Polen als Instrument des Adels, Machtteilhabe zu erzwingen. Um 1600 hatten sich in verschiedenen katholischen und protestantischen Regionen Europas Formen des interkonfessionellen Miteinanders entwickelt. In Polen und den Niederlanden existierten zeitweilig oder dauerhaft multikonfessionelle Gemeinwesen.Koloniale Expansionen gingen mit missionarischen Ambitionen und kulturhegemonialen Ideologien einher. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts markierte der Westfälische Friede das definitive Ende aller Versuche, das Reich in eine Monarchie zu verwandeln. Dadurch wurde die besondere Rolle dieses politischen Gebildes in der Mitte Europas, das weder in Bezug auf militärische noch expansionistische Ambitionen mit seinen europäischen Nachbarn Schritt halten konnte, festgeschrieben. In England und den Niederlanden verstärkte sich die politische Partizipation, in Frankreich und Spanien schwand sie.Um 1700 ergriff ein forciertes Kräftemessen die europäischen Mächte; einheimische Amtseliten rückten als Hofklientel näher an den Herrscher heran. Die Konzentration des monarchischen Prinzips und seine Institutionalisierung in Versailles wirkten als Vorbild, gingen aber in der Konkretion mit kompromisshaften Brechungen „absoluter“ Macht einher. Im politiktheoretischen Diskurs wird Herrschaft zusehends als rationales, dem Gemeinwesen verpflichtetes und durch Gewaltenteilung legitimiertes Phänomen verstanden.In der Aufklärung diffundiert die Idee gottgegebener Herrschaft. Um 1750 werden Meinungs- und Geistesfreiheit und allgemeingültige natürliche Menschenrechte zusehends zu einem politischen Thema; die Konfliktachse Habsburg – Preußen wird zu einem Bestimmungsfaktor der kontinentalen Politik. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) kämpfen alle europäischen Länder, auch in den Kolonien, um eine Machtbalance; dabei wurden zeitweilig agonale konfessionelle Motive reaktiviert – „Dynamik und Tradition“ eben. Frankreichs Kollaps infolge des Siebenjährigen Krieges bahnte der Revolution den Weg, deren wichtigstes Vermächtnis die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte geblieben ist.Die auf Menschen- und Völkerrechten basierende Werteordnung ist die Blut- und Tränensaat der europäischen Geschichte. Wer dieses Buch liest, wird verstehen, dass in der gegenwärtigen Weltlage nicht weniger auf dem Spiel steht als das politische Vermächtnis schon des frühneuzeitlichen Europas.Luise Schorn-Schütte: „Die Teilung der Macht“. Eine Geschichte der Frühen Neuzeit. C.H. Beck Verlag, München 2026. 384 S., Abb., geb., 38,– €.
Luise Schorn-Schüttes „Die Teilung der Macht“: Hier liegt Europas Stärke
Nicht Absolutismus, sondern Machtteilung prägte Europa zwischen 1500 und 1800. Die Historikerin Luise Schorn-Schütte zeigt: Gerade diese Eigenschaft machte Europas Stärke aus – genau jenes Erbe, das heute zu zerbrechen droht.










