PfadnavigationHomeGeschichteKaiser ArcadiusEr war ein Schwächling – und gewann „die einzigartige, strahlende Frau“Veröffentlicht am 01.05.2026Lesedauer: 5 MinutenDer erste von Arcadius’ Ratgebern, der mitsamt seiner Familie einem Machtkampf zum Opfer fiel, war der Prätorianerpräfekt Rufinus – nach François Lafon Quelle: picture-alliance/akg-imagesSeine Zeitgenossen verhöhnten die „Trägheit seines Geistes“ und stempelten ihn zur Marionette seiner Ratgeber. Dennoch überlebte der römische Kaiser Arcadius zahlreiche Aufstände und Intrigen – im Gegensatz zu seinen Höflingen und Generälen.Das Leben des römischen Kaisers Arcadius erinnert an die Karriere der Hauptfigur in Danny Boyles Oscar-prämiertem Spielfilm „Slumdog Millionär“ (2008). Darin nimmt der 18-jährige Jamal Malik, der mittellos in den Slums von Mumbai aufgewachsen ist, an einer indischen Version von „Wer wird Millionär?“ teil, gibt durch Zufall und Glück die richtigen Antworten, obwohl ihm der Quizmaster mehrere Fallen stellt, und bekommt am Ende die angebetete Schöne. So ähnlich erging es auch Arcadius (ca. 377–408), wenngleich er zugegebenermaßen eine etwas bessere Startposition hatte, zumindest was die materielle Ausstattung anging. Er war nämlich der ältere Sohn des Kaisers Theodosius I. (347–395).Als von „Trägheit und Ohnmacht“ gezeichnet, erscheint Arcadius denn auch in einer biografischen Skizze, die die Althistorikerin Caroline Kreutzer in der Zeitschrift „Antike Welt“ vorgelegt hat. Als ein Mann, der ein Spielball war in den Händen seiner führenden Beamten, der aber das Glück hatte, sie alle zu überleben. Eine schwache, schattenhafte, „bloße Randfigur“ nennt die Autorin den Kaiser und schließt sich damit dem harschen Urteil eines Zeitgenossen an: „Arcadius war klein, zierlich, schlaff und hatte eine dunkle Hautfarbe. Von der Trägheit seines Geistes kündeten seine Worte und die natürliche Beschaffenheit seiner Augen, denn sie waren schläfrig niedergeschlagen und blieben kaum offen“, urteilte der Kirchenhistoriker Philostorgios und konterkarierte damit die offiziellen Bildnisse, die einen jungen Mann mit klarem Blick und wachen Augen vorführten.Dabei hatte Arcadius durchaus die Ausbildung eines Kronprinzen erhalten. Sein Vater war Theodosius I., der von 379–394 über den Ostteil des Römischen Reiches und von 394–395 als letzter Kaiser über das gesamte Imperium geherrscht hatte. Als sein Sohn sechs Jahre alt war, hatte er ihn in einer prunkvollen Zeremonie zum Augustus, also Mitkaiser, erhoben, was offenbar allgemein auf Zustimmung stieß. Denn nach dem Tod seines Vaters trat der nunmehr 17-jährige Arcadius im Osten ohne Probleme die Nachfolge an, während im Westen sein jüngerer Bruder Honorius der Erbe wurde.Allerdings setzte in den Palästen in Mailand und Konstantinopel umgehend ein Ringen ein, wem die Macht hinter den jungen Herrschern zufallen würde. Im Westen siegte der Halbvandale und Heermeister Stilicho, im Osten der aus Gallien stammende Prätorianerpräfekt Rufinus. Den stilisierte Philostorgios als das Gegenteil von Arcadius: „Hochgewachsen und männlich; von seinem Verstand zeugten die Bewegungen seiner Augen und die Leichtigkeit seiner Rede.“ Bestens in der Reichselite vernetzt, hielt Rufinus alle Fäden in seiner Hand und lieferte sich mit Stilicho einen heftigen Machtkampf, in dem er zum Beispiel die Legionen aus dem Osten, die Theodosius in den Westen gefolgt waren, zurückforderte.Lesen Sie auchUm Arcadius noch enger an sich zu binden, wollte er ihn mit seiner Tochter verheiraten. Aber Eutropius, der oberste Kammerdiener, durchkreuzte den Plan, indem er, wie der Historiker Zosimus berichtet, dem Kaiser „ein Mädchen von einzigartiger, strahlender Schönheit“ mit Namen Eudoxia vorführte. Das reichte offenbar aus, um Arcadius die Augen zu öffnen. Den Rest besorgte wahrscheinlich Stilicho, indem er dem Goten Gainas, der die Legionen zurückführte, den Auftrag gab, Rufinus und seine Familie bei seiner Ankunft in Konstantinopel zu töten. „Das Attentat blieb folgenlos“, schreibt Kreutzer, „ein Beleg für Arcadius‘ Trägheit und Ohnmacht.“Lesen Sie auchDer Gewinner aber hieß Eutropius. Nachdem es ihm gelungen war, mehrere Generäle aus dem Weg zu räumen, übernahm er selbst das Oberkommando über ein Heer, mit dem er einen Feldzug gegen die Hunnen führte. Zum Lohn erhielt er als einziger Eunuch vorher und nachher das Amt des Konsuls. Allerdings beging Eutropius den Fehler, die Kaiserin Eudoxia zu beleidigen. Ihre Einflüsterungen fielen mit einem Aufstand zusammen, den der gotische General Tribigild 399 anzettelte. Er gehörte zu einer Gruppe von hochrangigen Militärs, die gegen Eutropius’ Machtstellung intrigierten und hinter denen wohl Stilicho die Strippen zog. Denn Gainas stellte Arcadius unverblümt ein Ultimatum: Er werde erst gegen Tribigild vorgehen, wenn Eutropius entlassen würde. Arcadius ließ sich vorführen und unterschrieb anschließend sogar das Todesurteil für den Gestürzten. Nun rückte Gainas an die Spitze der Machthierarchie. Aber auch er wurde nicht glücklich damit. Der Gote war mit seinen überwiegend aus Barbaren bestehenden Truppen marodierend und plündernd durch Kleinasien bis nach Konstantinopel gezogen und hatte dort die Einrichtung einer Kirche für die arianische Konfession verlangt, der auch die meisten germanischen Völker angehörten. Aber die streng orthodoxe Bevölkerung der Hauptstadt empörte sich und zwang Gainas zur Flucht, 7000 seiner Leute sollen massakriert worden sein. Der Hunnenführer Uldin sorgte schließlich für seinen Tod.Arcadius hatte an diesen blutigen Machtspielen nur insoweit Anteil, als er etwa seine Zustimmung zu den Forderungen des Gainas in einer Kirche beeidete, sich aber ansonsten mit politischen Maßnahmen zurückhielt. Stattdessen widmete er sich dem Familienleben mit Eudoxia, mit der er fünf Kinder zeugte, darunter seinen Nachfolger Theodosius (II.). Die Regierungsgeschäfte überließ Arcadius dem Prätorianerpräfekten Anthemius.Umso eindrucksvoller bewies dagegen die Kaiserin, wie Machtspiele ausgetragen werden. Ihr Gegner wurde der Patriarch von Konstantinopel Johannes Chrysostomos. Ihr gutes Verhältnis schlug in Feindschaft um, als Johannes daran ging, Luxus und Prunksucht aristokratischer Frauen anzuprangern. Wegen Häresie und Majestätsbeleidigung angeklagt, wurde er 403 abgesetzt, doch bereits kurz darauf von der abergläubischen Eudoxia rehabilitiert, weil sie ein Erdbeben als Mahnung Gottes interpretierte. Als Johannes jedoch die Einweihung einer Statue der Kaiserin dazu nutzte, um sie mit Salome, die den Kopf des Täufers Johannes forderte, zu vergleichen, war der Bann endgültig. Im fernen Armenien musste der entlassene Kirchenfürst 407 sein Leben beschließen. Eudoxias Tod im Kindbett im Oktober 404 wurde von christlichen Autoren denn auch als Strafe Gottes gedeutet. Damit ließ sich auch ihr Mann und Kaiser verunglimpfen, weil er sich von einer solchen Frau hatte vorführen lassen. So entstanden „eine verzerrende Sicht und ein verzerrtes Bild eines jungen, schwächlichen Kaisers“, resümiert Caroline Kreutzer. Immerhin soll Arcadius am 1. Mai 408 eines natürlichen Todes gestorben sein. Dass unter seiner Regierung das Auseinanderdriften der beiden Reichshälften Fahrt aufnahm, war allerdings eine historische Hypothek mit weitreichenden Folgen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.