PfadnavigationHomeICONISTEssen & TrinkenNeue Bistroküche„Unser Ansatz ist simpel: einen Ort schaffen, den wir selbst gerne besuchen würden“Von Heiko ZwirnerRessortleitung Stil, Leben und ReiseStand: 12.05.2026Lesedauer: 5 MinutenGefühl der Zusammengehörigkeit: Gastgeber Nadav Kundel und Gil AzrielantQuelle: Steffen SinzingerWährend viele Sternerestaurants zu kämpfen haben, trotzen moderne Bistros wie das „Saint Farah“ in Berlin der Krise der Gastronomie mit zwangloser Atmosphäre und moderaten Preisen. Die scheinbar einfachen Gerichte überraschen oft schon beim ersten Bissen.In einem Regal unter der Kasse steht eine alte Ausgabe von „Mediterranean Cookery“. Der Band aus dem Jahr 1987 gilt als Standardwerk der Kochbuchliteratur. Die Autorin Claudia Roden hat dafür nicht nur unzählige Rezepte aus dem gesamten Mittelmeerraum zusammengetragen, sie ergründet auch die historischen Umstände ihrer Entstehung, die Routen des Handels und die Wege der Migration. Roden hat damit Pionierarbeit geleistet, denn sie macht deutlich, wie eng kulinarische Traditionen, geografische Gegebenheiten und kulturelle Identitäten miteinander verknüpft sind.An seinem Platz im Eingangsbereich des „Saint Farah“ ist das Buch auch ein Zeichen dafür, wie freundlich das Lokal, das Ende vergangenen Jahres am Weinbergsweg in Berlin-Mitte eröffnete, in der Nachbarschaft aufgenommen wird. Der Besitzer der „Bibliotheca Culinaria“, eines Antiquariats, das ein paar Häuser weiter in einem Souterrain untergebracht ist und über eine deutschlandweit vermutlich einmalige Sammlung von rund 30.000 Titeln rund um die Zubereitung von Speisen verfügt, hat es den Betreibern des Restaurants geschenkt. Er war der Auffassung, dass es gut zum Küchenstil passt. Und tatsächlich könnten viele Gerichte, die im „Saint Farah“ auf der Karte stehen, aus einer Rezeptsammlung von Claudia Roden stammen.Lesen Sie auchEtwa die geschmorten weißen Bohnen mit knuspriger Chorizo, gebackenem Seeteufel und einer Portweinreduktion, die herzhaft wie ein Eintopf schmecken und dabei leicht wie ein Appetithappen daherkommen. Oder die Miesmuscheln mit einer sämigen, rotbraunen Tunke aus Chili, Speck, Reiswein und reichlich Butter, von der man nicht einen Tropfen auf dem tiefen Teller zurücklassen möchte. Oder die gegrillten und mit gehacktem Lamm gefüllten Mangoldblätter, eine Spezialität des Hauses, die mit einem Klecks Rote-Bete-Ketchup gereicht wird und auf die Großmutter des Chefkochs und seines Kompagnons zurückgeht, nach der das Lokal benannt wurde. Es sind allesamt Gerichte mit mediterranem Einschlag, die zwar einfach aussehen, aber gleich beim ersten Bissen durch ein zutiefst befriedigendes Zusammenspiel von Konsistenzen und Aromen überraschen.„Dieses Restaurant ist nicht darauf ausgerichtet, ein ausgefeiltes Konzept umzusetzen oder einem Trend hinterherzulaufen“, sagt Nadav Kundel, ein Israeli mit tätowierten Unterarmen und strahlenden Augen. „Unser Ansatz ist simpel. Es geht darum, einen Ort zu schaffen, den wir selbst gerne besuchen würden – mit Gerichten, die wir selbst gerne essen. Einen Ort, auf den wir stolz sein können und an dem wir mit einem Lächeln im Gesicht zur Arbeit kommen.“ Im „Saint Farah“ übernimmt er die Doppelrolle des Gastgebers und des Küchenchefs. Er begrüßt Neuankömmlinge am Eingang, bringt Teller zu den voll besetzten Tischen und schenkt Wein nach. Zugleich behält er das Geschehen in der offenen Küche im Auge, in der drei Köche am Werk sind. Familiäres Miteinander Kundel kam vor sieben Jahren mit seiner Frau und seinem Kind von Tel Aviv nach Berlin, weil er eine andere Stadt kennenlernen wollte und die Gelegenheit günstig war. Nachdem er drei Jahre im „Night Kitchen“ gekocht hatte, einem Szenelokal, das auf Gerichte zum Teilen spezialisiert ist und in dem die Grenzen zwischen Dinner und Party verschwimmen, erhielt er das Angebot, bei einer Holding, die im Gastgewerbe tätig ist, die Position des kulinarischen Leiters zu übernehmen. Dabei war es seine Aufgabe, das Speisenangebot für eine ganze Reihe von zusammengehörigen Objekten in der West-Berliner City zu gestalten – von einem französisch geprägten Bistro über ein Fischrestaurant bis hin zu einem Eisladen. „Das ging alles sehr stark in Richtung Mainstream“, erinnert sich Kundel. „Ich habe bald gemerkt, dass mir das nicht liegt.“Stattdessen tat er sich mit seinem Cousin Gil Azrielant zusammen, der zuvor in der IT-Branche gearbeitet hatte, rekrutierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die er von seinen früheren Stationen kannte, und machte sich selbstständig. „In der Gastronomie ist oft von ‚Familie‘ die Rede“, sagt Kundel. „Ich halte diesen Begriff für ziemlich überstrapaziert, weil es im Grunde darum geht, ein Geschäft am Laufen zu halten. Aber ich denke schon, dass in unserem Team ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entstanden ist, das sich auf den ganzen Laden überträgt.“ In der Tat herrscht im „Saint Farah“ an diesem Samstagabend eine Stimmung wie in einer griechischen Taverne. Und das, obwohl sich das Lokal in unmittelbarer Nähe des Rosenthaler Platzes befindet, der vom Partytourismus dominiert wird und mit seinen vielen Spätis und Schnellimbissen nicht gerade zu den idyllischen Ecken der Hauptstadt zählt. „Wenn du zu uns kommst, musst du dir keine Gedanken darüber machen, ob du passend angezogen bist oder ob du dir den Abend leisten kannst“, sagt Kundel. Dass Familie hier mehr ist als eine ausgeleierte Metapher, erkennt man auch daran, dass einige Bilder an den Wänden von Azrielants Ehefrau stammen.Lesen Sie auchMit seinen unkomplizierten Gerichten, seiner zwanglosen Atmosphäre und vergleichsweise moderaten Preisen (Hauptgerichte ab 14 Euro) steht das „Saint Farah“ auch für eine neue Generation von Speiselokalen, die in Berlin ihren Platz gefunden haben und der Krise der Gastronomie trotzen, weil sie den Bedürfnissen des urbanen Ausgehvolks entsprechen. Während gehobene Restaurants, die ihre ausgedehnten Menüs als Gesamtkunstwerk verstehen und ihrer Kundschaft wenige bis keine Wahlmöglichkeiten lassen, nicht selten zu kämpfen haben, stehen die Gäste vor modernen Bistros wie dem „Bertie“, dem „Trio“ oder dem „Pinci“ oft schon am frühen Abend Schlange. Auch wenn die Küchenstile variieren, gibt es etwas, das diese Lokale verbindet: Das Essen ist kein bloßes Beiwerk für einen geselligen Abend. Vielmehr werden Gerichte, die einfach und vertraut erscheinen, auf ungeahnt hohem Niveau zubereitet und bleiben deshalb in Erinnerung – ganz gleich, ob es sich nun um Buffalo Wings, Pasta al Limone oder steirischen Backhendl-Salat handelt.Bei aller Klarheit auf dem Teller steckt hinter vielen Gerichten im „Saint Farah“ eine lange Vorbereitung. Für das gegrillte Hähnchen mit Tamarind-Sauce und grünem Mangosalat wird das Geflügel zerteilt, in Salzlake eingelegt, sous vide gegart und entbeint, bevor es zum Grillen in den gekachelten Pizzaofen wandert, den der Vorbesitzer des Lokals zurückgelassen hat. Nadav Kundel hat sich dazu von Gai Yang inspirieren lassen, einem Klassiker der thailändischen Küche. „Einer meiner absoluten Favoriten“, sagt er. „In Thailand bekommt man normalerweise Klebereis dazu. Wir rösten den Reis und mischen ihn unter die Soße, das macht sie schön cremig.“ Ein Aufwand, den man nicht unbedingt sieht, aber schmeckt. Claudia Roden, die große Kochbuchautorin und Geschichtenerzählerin, hätte sicher ihre Freude daran.
Moderne Bistroküche: Wie das „Saint Farah" Berlins Gastronomieszene verzaubert - WELT
Während viele Sternerestaurants zu kämpfen haben, trotzen moderne Bistros wie das „Saint Farah“in Berlin der Krise der Gastronomie mit zwangloser Atmosphäre und moderaten Preisen. Die scheinbar einfachen Gerichte überraschen oft schon beim ersten Bissen.






