PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1965So trafen sich die „Zwillinge“ im WeltraumStand: 12.05.2026Lesedauer: 5 MinutenGemini 7 fotografiert aus Gemini 6Quelle: Universal Images Group via Getty Images/Photo 12Eigentlich war bei Gemini 6 fast alles schiefgegangen, was bei einer Weltraummission schiefgehen konnte. Im dritten Anlauf gelang den Astronauten trotzdem am 15. Dezember 1965 ein sensationeller Erfolg. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.So etwas nennt man wohl „ungenügender Sicherheitsabstand“: Mit etwa 25.000 Kilometern pro Stunde, aber in nur 1,80 Meter Entfernung, rasten am 15. Dezember 1965 die beiden US-Raumkapseln Gemini 6 und Gemini 7 in 297 Kilometern über der Erdoberfläche nebeneinander her. Jede Berührung hätte unweigerlich zur Katastrophe geführt. Doch alles ging gut: Das erste Rendezvous zweier menschengemachter Objekte in der Erdumlaufbahn klappte perfekt.„Nach einer rund fünfeinhalbstündigen Verfolgungsjagd über 160.000 Kilometer durch den Weltraum, die eine ganze Serie komplizierter Steuermanöver notwendig machte, hatte sich das am Nachmittag gestartete Raumschiff Gemini 6 mit den Astronauten Walter Schirra und Thomas Stafford an Bord dem Schwesterschiff Gemini 7 genähert“, berichtete WELT am 16. Dezember 1965: „Die Endphase des Rendezvous-Manövers begann während der vierten Erdumkreisung von Gemini 6 bei Nacht über Südafrika. Schirra zündete erneut die zuvor schon wiederholt für Kursberichtigungen betätigten Antriebsdüsen und brachte sein Raumschiff damit auf die kreisförmige Umlaufbahn des Schwesterschiffes. Dann wendete er die Kapsel, sodass er selbst und Stafford rückwärts und mit Blickrichtung zu Gemini 7 flogen. Durch Zündung der Bremsraketen glich er die Geschwindigkeit seines Schiffes der von Gemini 7 an.“ Dann entstanden sensationelle Fotos.An sich war jedoch der Plan der US-Weltraumbehörde Nasa ganz anders gewesen. Eigentlich hätte Gemini 6 bereits am 25. Oktober starten sollen, um sich anschließend in der Erdumlaufbahn mit einem unbemannten Raumschiff des Typs Agena zu treffen und anzudocken. Doch bei dessen Start versagte die Trägerrakete. Also saßen Schirra und Stafford in ihrer Kapsel – und hatten auf einmal keine Aufgabe mehr, die sie ausführen konnten.Doch dann erinnerten sich kreative Ingenieure an einen Vorschlag, den andere Ingenieure gemacht hatten: Warum nicht zwei bemannte Geminis (auf Deutsch: Zwillinge) kurz nacheinander starten und sich treffen lassen? Der Flug von Gemini 7 war für Anfang Dezember 1965 vorgesehen. Die Astronauten Frank Borman und Jim Lovell sollten eine zweiwöchige Langzeitmission absolvieren, um zu beweisen, dass Menschen den geplanten Flug zum Mond im Weltall überleben konnten. Wenn man nun zuerst Gemini 7 startete und dann Gemini 6 zum Rendezvous schickte?Am 4. Dezember beförderte eine Titan-Rakete Borman und Lovell in den Orbit, und nur acht Tage später, am 12. Dezember, saßen Schirra und Stafford erneut in der Kapsel und warteten auf den Start. Doch dann versagte ihre Rakete: Zwei Sekunden nach Zündung schalteten sich die Triebwerke wieder ab. Walter Schirra, wie alle Astronauten zu dieser Zeit erfahrener Testpilot, blieb cool und löste die Schleudersitze nicht aus – so konnte der Start drei Tage später erfolgen.Dieses Mal verlief alles reibungslos. Sobald Gemini 6 die Umlaufbahn erreicht hatte, begannen Schirra und Stafford, die Raumkapsel von Borman und Lovell einzuholen. Die Astronauten an Bord von Gemini 6 benutzten die Steuerdüsen, um ihre Kapsel zu beschleunigen und so den Abstand zu Gemini 7 auf zunächst 43 Kilometer Höhendifferenz und 1110 Kilometer in Flugrichtung zu reduzieren. Die nächste Zündung reduzierte den Abstand auf rund 800 Kilometer.Dann startete die letzte Phase, die 39 Minuten dauern sollte; nun flogen Schirra und Stafford 27 Kilometer unter und 63 Kilometer hinter Gemini 7 her. Dann drehte sich Gemini 6 um die Querachse, sodass beide Raumschiffe mit den Spitzen zueinander flogen. Die Entfernung betrug noch 915 Meter.Zwölf Minuten später verringerte Gemini 6 mittels ihrer Bremsraketen das Tempo wieder, um sich der Fluggeschwindigkeit von Gemini 7 anzupassen. Die beiden Raumschiffe waren nun lediglich 30 Meter voneinander entfernt. Am frühen Nachmittag flogen die beiden Gemini-Kapseln dicht nebeneinander.Mission Control in Houston, die Leitzentrale der Nasa, jubelte. Es war das erste Rendezvous im All – die Sowjets hatten 1962 und 1963 zwar jeweils zwei bemannte Raumschiffe in nur wenige Kilometer voneinander entfernte Umlaufbahnen gebracht. Doch das steuerte die Bodenstation, weil die Kosmonauten selbst nicht manövrieren konnten, sondern wenig mehr als menschliche Fracht an Bord ihrer Kapseln waren.Drei Umlaufbahnen lang, also etwa fünf Stunden, flogen Gemini 6 und Gemini 7 gemeinsam und kamen sich dabei auf minimal 30 Zentimeter Abstand nahe; anschließend entfernten sich Schirra und Stafford. Endlich aßen sie ihre längst überfällige Mahlzeit und schliefen etwas. Da sie alle ihre Ziele erreicht hatten, durften sie nach gut 24 Stunden und 16 Erdumkreisungen zurückkehren. Sie wasserten nördlich der Dominikanischen Republik; es war die erste Landung eines Raumschiffs, die live im Fernsehen übertragen wurde. Der Flugzeugträger USS „Wasp“ erwartete sie. Borman und Lovell hingegen mussten weitere zwei Tage in ihrer winzigen Kapsel ausharren, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Es roch nach so vielen Tagen ohne Dusche und ohne jede Privatsphäre wie in einer öffentlichen Toilette. Die beiden Astronauten trugen meist nur Unterwäsche. Auch Gemini 7 machte Schwierigkeiten: Die Steuertriebwerke fielen aus, die Brennstoffzellen für die Stromversorgung standen kurz vor dem Versagen. Trotzdem landeten die beiden am 18. Dezember erfolgreich, nach 13 Tagen und 18 Stunden. Nachdem ein Hubschrauber sie zur USS „Wasp“ gebracht hatte, scherzte Lovell, dass Borman und er nach fast zwei Wochen auf engstem Raum „unbedingt ihre Verlobung bekannt geben“ wollten.Walter Schirra, der 1962 mit der Mission Mercury-Atlas 8 als dritter US-Astronaut die Erde umkreist hatte, flog mit Apollo 7 zum dritten Mal ins All – er war der einzige, der mit allen drei US-Raumkapseln der 1960er-Jahre unterwegs war. Tom Stafford, für den Gemini 6 der erste Flug war, absolvierte drei weitere Missionen: Gemini 9, Apollo 10 und das Treffen mit sowjetischen Kosmonauten im All 1975. Frank Borman war mit Apollo 8 unterwegs, Jim Lovell mit Gemini 12, ebenfalls Apollo 8 und schließlich mit dem beinahe katastrophalen Flug Apollo 13. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören neben deutscher Geschichte vor allem im 20. Jahrhundert auch der Kalte Krieg und der US-sowjetische Wettlauf ins All.