PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1969„Ein Riesenschritt für die Menschheit“ – Apollo 11 landet auf dem MondVeröffentlicht am 08.05.2026Lesedauer: 5 MinutenEdwin „Buzz“ Aldrin am 21. Juli 1969 auf dem Mond. Rechts ein Fuß der Landefähre „Eagle“Quelle: picture alliance/Mary Evans/AF ArchiveAm 20. und 21. Juli 1969 errangen die USA den Sieg im teuersten Wettrennen aller Zeiten: Zum ersten Mal landeten Menschen auf dem Erdtrabanten. Gleichzeitig scheiterte eine unbemannte sowjetische Mission. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Ein Himmelfahrtskommando – und zwar im engsten, ursprünglichsten Sinne des Wortes. Niemand wusste, ob die Wette aufgehen würde, besonders nicht die beiden Männer, die ihr Leben darauf setzten. Denn die Astronauten Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin würden nicht nur gesammelt wiederholen, was mit jeweils viel Glück bereits ein- oder zweimal einigermaßen funktioniert hatte. Sie würden zudem eine ganze Reihe weiterer „Erste Male“ angehen. Jede Fehlfunktion hätte das Ende bedeuten können.Immerhin schon dreimal hatte die größte jemals gebaute Rakete, die Saturn V, ein bemanntes Apollo-Raumschiff in die Erdumlaufbahn gebracht. Zweimal waren Kapseln, nämlich Apollo 8 und Apollo 10, in Richtung Mond geflogen und zurückgekehrt. Ebenfalls zweimal hatte, einmal „nur“ in der Erdumlaufbahn und einmal mit anschließendem Flug zum Mond, das Docking-Manöver mit der Landefähre geklappt. Nur einmal hatte es einen Probeflug mit dieser fragilen Konstruktion im Mondorbit gegeben.Armstrong und Aldrin sollten jedoch als Erste mit der Fähre auf einem außerirdischen Himmelskörper landen, als Erste dort aussteigen und herumlaufen, schließlich als Erste mit dem oberen Teil der Fähre zurück zur Apollo-Kapsel in der Mondumlaufbahn fliegen. Gleich drei Premieren auf einmal – und die fraglos wichtigsten des gesamten Programms. Am 20. und 21. Juli 1969 gelang all das problemlos.WELT kommentierte die gelungene Landung in der Ausgabe vom 21. Juli 1969 ungewohnt lyrisch: „Der Mensch hat um den Mond ein Lasso geworfen, die Flugbahn seiner Raketen. Das Lasso zieht den Mond an die Erde heran. An die Wüsten der Welt. Ins Bewusstsein der Völker“, formulierte Feuilleton-Chef Helmuth de Haas, mit erst 42 Lebensjahren trotz bereits anderthalb Jahrzehnten Erfahrung in der Redaktion immer noch ein Youngster: „Die Aufgabe ist gestellt. Der Mensch muss sie lösen. Er hat dem Adler einen Palmzweig in die Klaue gedrückt. Das letzte Sinnbild der alten Geschichte, das erste der neuen Geschichte. Denn jetzt wird anders datiert. Jetzt zählen andere Siege.“ Zweieinhalb Seiten im Hauptblatt und eine vierseitige Beilage waren das Ereignis der Redaktion und dem Verlag wert.Der lyrisch-philosophische Ton herrschte an diesem Sonntagabend (die Landung gelang am 20. Juli 1969 um 20.17.40 Uhr Weltzeit, also um 21.17 Uhr deutscher Zeit) nicht nur in der Hamburger WELT‑Redaktion. Auch Neil Armstrong, auf seinem zweiten Raumflug Kommandant von Apollo 11, war offenbar ähnlich gestimmt. Jedenfalls sagte er beim Verlassen der Landefähre „Eagle“ sechseinhalb Stunden später die unsterblichen Worte: „That’s one small step for man, one giant leap for mankind!“ (auf Deutsch: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit!“). Sie wurden zum Symbol für das größte friedliche Abenteuer der Geschichte.Etwa eine halbe Milliarde Menschen sahen live zu. Mindestens so viele Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder starrten am 21. Juli 1969 um 2.56 Uhr koordinierte Weltzeit, in Deutschland also kurz vor vier Uhr morgens und in New York kurz vor 22 Uhr, auf flackernde Bildröhren in Fernsehgeräten. Laut naturgemäß vagen Schätzungen war jedes zweite TV-Gerät auf dem Erdball, das es überhaupt gab, angeschaltet und von Zuschauern umringt.Jeder siebte lebende Mensch überhaupt also sah das schlecht aufgelöste, ziemlich unscharfe Bild einer einfachen Videokamera. Sie zeigte, wie Armstrong sich in einem klobigen Raumanzug von der Leiter der „Eagle“ löste und auf die Mondoberfläche trat. Vier Seiten widmete WELT in der nächsten Ausgabe, der vom 22. Juli 1969, der Pionierleistung der Nasa und ihrer unzähligen direkten und indirekten Mitarbeiter. Denn beigetragen zum Erfolg hatten Menschen aus den gesamten USA, aber auch manche aus anderen Staaten. Etwa die Mitarbeiter der schwedischen Kamerafirma Hasselblad und des westdeutschen Objektiv-Herstellers Zeiss, mit deren feinmechanischen und optischen Kunstwerken Armstrong und Aldrin mehr als 1400 Fotos ihrer Mission machten.Lesen Sie auch„Eine Welt ist müde – und erleichtert“, bilanzierte WELT das vorangegangene aufregende Wochenende: „Mit kleinen Gesichtern, die von Schlafmangel und zu viel Wachhaltegetränken sprechen, gehen wir wieder unserem Tagwerk nach, nachdem wir in einer langen Nacht Augenzeuge eines epochalen Ereignisses gewesen sind.“ Bald machte der kollektive Rausch der Begeisterung der Ernsthaftigkeit Platz: „Der Blick ist nicht mehr himmelwärts gewendet. Wir sehen wieder unsere engere und weitere Umwelt, sehen wieder Leid und Not, Ungerechtigkeit und Hunger und den ganzen täglichen Kram.“ Doch wer so dachte, vergaß eine wichtige Facette: „Es war mehr als ein Rausch. Es war die Bestätigung dessen, wozu der Mensch fähig ist, was er erreichen kann.“Die Reaktionen in der gesamten freien, also westlichen Welt waren ähnlich. Mit den Worten „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen, die guten Willens sind“ grüßte Papst Paul VI. die Astronauten. Queen Elizabeth II. informierte US-Präsident Richard M. Nixon über ihre „Bewunderung für die Tapferkeit der Astronauten“. Bundespräsident Gustav Heinemann lobte in seiner notorischen Nüchternheit die „großartige Sache“; Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger sprach von einem „der größten und denkwürdigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit“, Außenminister Willy Brandt hoffte auf die „glückliche Rückkehr der Astronauten zur guten alten Erde“.Im Ostblock war der Tonfall anders. Der Chef der Kommunistische Partei der Sowjetunion, Leonid Breschnew, gratulierte immerhin noch bemüht freundlich. Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ hingegen machte am 21. Juli 1969 mit der Schlagzeile „DDR beglückwünscht das polnische Brudervolk“ auf und widmete der Mondlandung lediglich einen Zweispalter mit Foto. Ähnlich am 22. Juli 1969: Ein kurzer Zweispalter mit Foto über Apollo 11 auf der ersten Seite, dafür ein längerer Text über die gleichzeitige unbemannte Mondmission der Sowjets mit einer glatten Fake-News in der Überschrift: „Luna 15 beendete ihre Arbeit“, hieß es dort. Tatsächlich war die Sonde am 21. Juli 1969 an einem Mondgebirge zerschellt – zwei Stunden vor dem erfolgreichen Start von Armstrong und Aldrin zurück zur Erde.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus und der Kalte Krieg. Den Wettlauf ins All in den 1960er-Jahren findet er schon seit seiner Kindheit in den 1970ern gleichbleibend spannend.