PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1957„Piep – Piep – Piep“ – der Wettlauf ins All begann mit einem Sieg der SowjetsVeröffentlicht am 24.04.2026Lesedauer: 5 MinutenEin sowjetischer Raumfahrttechniker bei der Montage des Sputnik 1 (Aufnahme aus dem Herbst 1957)Quelle: picture-alliance/dpa/TassMit dem „Sputnik-Schock“ begann das Weltraumzeitalter: Die Sowjetunion startete am 4. Oktober 1957 den ersten künstlichen Erdtrabanten in eine Umlaufbahn und schlug damit die USA. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Nur ein stetes „Piep – Piep – Piep“, nicht mehr, und auch das nur 21 Tage lang. Aber es genügte, um die Welt in ziemlichen Aufruhr zu versetzen. Denn das Signal, das keine andere Information enthielt als die, dass es existierte, stammte aus dem Orbit um die Erde. Genauer: vom ersten künstlichen Satelliten, der jemals die Umlaufbahn erreicht hatte. Er trug den schlichten Namen „Sputnik“, also „Begleiter“, war 83,6 Kilogramm schwer und benötigte 96 Minuten, um einmal die Erde zu umkreisen.Am 4. Oktober 1957 um 22.28 Uhr Moskauer Zeit hatte sich in der Steppe Kasachstans eine Rakete des sowjetischen Typs R-7 tosend erhoben und den „Sputnik“ gen Himmel befördert. Während in den Ländern des Ostblocks der Start als Triumph sozialistischer Leistungsfähigkeit gefeiert wurde, reagierte man im Westen schockiert.„Mit einer Geschwindigkeit von fast 30.000 Kilometern pro Stunde rast seit Freitag der sowjetische Erdsatellit um die Erde“, berichtete WELT in der Aussage vom 7. Oktober 1957: „Wissenschaftler, Politiker und Militärs diskutierten in der ganzen Welt die Bedeutung und die möglichen Folgen dieses Ereignisses, durch das eine neue Epoche der Menschheit eingeleitet worden ist. Die Kommentare aus der westlichen Welt schwanken zwischen Anerkennung und tiefer Enttäuschung darüber, dass die Vereinigten Staaten eine Niederlage in dem Wettrennen um die Eroberung des Weltraumes erlitten haben.“Die „New York Times“ brachte eine große Analyse unter dem Titel „US-Raketenexperten von Sputnik erschüttert: Gewicht des Satelliten beweist die sowjetische Überlegenheit in der Raketentechnik“. Die „Washington Post“ beschwor die Angst vor einer „ultimativen Waffe“, die der UdSSR nun zur Verfügung stehe. Und das US-Magazin „The Reporter“ verglich den Start des ersten von Menschen hergestellten Erdtrabanten gleich mit dem verheerenden Angriff auf Pearl Harbor 1941, bis dahin der schwersten kollektiven Erschütterung in der US-Geschichte.Der Grund war, dass sich die USA von der Weltspitze der Technologie verdrängt fühlten: Der „Sputnik“ schien zu beweisen, dass die Sowjetunion bei den wichtigsten Waffen der Zukunft, mit Atomsprengköpfen bestückten Interkontinentalraketen, den Amerikanern weit voraus sei.Dabei wusste US-Präsident Dwight D. Eisenhower, ehemaliger Fünf-Sterne-General mit eisernen Nerven und viel Erfahrung im Umgang mit kommunistischen Konkurrenten, dass dies nicht zutraf. Zwar zeigten Geheimdienstinformationen, dass die Raketen vom Typ R-7 der entsprechenden US-Entwicklung Atlas durchaus voraus waren. Deren erster Teststart hatte am 11. Juni 1957 mit der Selbstzerstörung nach 51 Sekunden Flug geendet, wegen eines Fehlers im Treibstoffsystem. Zugleich aber war der nächste Test bereits für Mitte Dezember 1957 angesetzt – und er verlief erfolgreich.Lesen Sie auchOhnehin spielte die drohende Verfügbarkeit funktionsfähiger Interkontinentalraketen für die kurz- und mittelfristige Strategie des Weißen Hauses keine große Rolle. Denn rund um die Uhr patrouillierten Ende der 1950er-Jahre dutzende schwere Bomber der Typen B-47 und B-52 entlang der Grenzen des Ostblocks, um gegebenenfalls Atombomben auf Ziele abzuwerfen. Die UdSSR hatte weder die Möglichkeit, diese Maschinen wirksam anzugreifen, noch gar eine vergleichbare Streitmacht. Die R-7 war ursprünglich konzipiert worden, um eine Nutzlast von mehr als fünf Tonnen auf einer ballistischen Bahn über mehr als 10.000 Kilometer Entfernung zu transportieren. Also eine der ersten sowjetischen Wasserstoffbomben über Nordamerika. Damit war diese Rakete aber auch in der Lage, eine deutlich kleinere Nutzlast von bis zu einer halben Tonne in eine stabile Erdumlaufbahn zu transportieren – und genau das war am 4. Oktober 1957 geschehen.Lesen Sie auchDie zwischen Erschrecken und Empörung schwankende öffentliche Meinung in den USA brachte Eisenhower dazu, wider besseres Wissen ein mehrere Milliarden Dollar umfassendes Rüstungsprogramm aufzulegen. Eigentlich hatte der Präsident und Ex-General vorgehabt, auch dieses Geld in die Bildungsoffensive zu investieren, die sein Vermächtnis werden sollte. Zwei Drittel der militärischen Mehrausgaben dienten allein dem Zweck, die Öffentlichkeit zu beruhigen.Zugleich allerdings löste der „Sputnik-Schock“ eine ungeahnte Kreativität und Energie aus: Der „Wettlauf ins All“ hatte begonnen. Zwar erzielte die UdSSR mit dem ersten ins All transportierten Menschen, Juri Gagarin, 1961 auch den nächsten Erfolg in diesem Rennen zwischen Freiheit und Sozialismus – obwohl der sowjetische Pilot kaum mehr war als menschliche Fracht in einem ferngesteuerten Raumschiff.Am Ende triumphierten aber die USA. Denn John F. Kennedy, der 35. US-Präsident, traf am 25. Mai 1961 bei einer Sondersitzung von Repräsentantenhaus und Senat genau den richtigen Ton: „Ich glaube, dass diese Nation sich verpflichten sollte, vor Ablauf des Jahrzehnts einen Mann auf dem Mond zu landen und ihn sicher zurück auf die Erde zu bringen. Kein einzelnes Weltraumprojekt in dieser Zeit wird für die Menschheit beeindruckender oder für die langfristige Erforschung des Weltraumes wichtiger sein, aber auch keines wird so schwer zu erreichen sein und so teuer werden.“Am 20. Juli 1969 landeten die ersten Astronauten auf dem Mond. Weder Kennedy noch Dwight D. Eisenhower erlebten diesen Triumph westlicher Bildung und Wissenschaft noch – der 35. Präsident war am 22. November 1963 in Dallas ermordet worden, sein Vorgänger im Alter von 79 Jahren Ende März 1969 eines natürlichen Todes gestorben. Aber Eisenhowers ehemaliger Vizepräsident Richard M. Nixon konnte, inzwischen selbst Herr im Weißen Haus, mit Neil Armstrong und „Buzz“ Aldrin auf dem natürlichen „Begleiter“ der Erde sprechen. Damit war das „Piep – Piep – Piep“ knapp zwölf Jahre zuvor endgültig überwunden.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.